Wenn Wein und Kaffee zusammenkommen. Unterschiedlicher könnten die Regionen Marken und Südtirol nicht sein. Eine Reise zu sanften Hügeln an der Adria und mächtigen Gebirgen an der Etsch.

Von Beatrix Keckeis-Hiller. Erstellt am 26. August 2020 (05:47)

Manchmal werden Träume wahr … Wie ein lauer Sommerabend auf dem höchsten Punkt der sanften Rundung eines Hügels, mitten in einem Weinberg, bei edlen Weinen und lukullischen Genüssen. Im Hintergrund schimmert verglimmendes Abendlicht auf dem Meeresspiegel. Aus dem entsteigt, nach Einbruch der Dunkelheit, ein orangefarbener Lampion. Der sich als Mond entpuppt. Seelenruhig segelt der Himmelskörper, weiß und weißer werdend, ins tiefe Nachtblau, beleuchtet mild, noch fast voll, das Idyll.

Diesem zur Wirklichkeit materialiserten Traum liegt eine Vision zugrunde, die Franziska Ganthaler in die Realität umgesetzt hat. Die Südtirolerin mit gastronomischem Familienbetriebs-Stammsitz in Burgstall bei Meran, hat in den Marken (italienisch: Marche) eine zweite Heimat gefunden. In den Hügeln rund um San Vito, unweit von Senigallia, in Sichtweite der Adria, hat sie nach Familienurlauben mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern ein historisches Anwesen erworben, revitalisiert, restauriert, modernisiert – ein Urlaubsdomizil jenseits jeglichen Massentourismus kreiert.

Man könnte es, schnöde, mit dem Begriff „Zimmer mit Frühstück“ abkanzeln. Doch stecken dahinter hier, im Poggio Antico Suites & Breakfast, geräumige Appartements, verteilt auf ein Haupt- und eine Reihe von Nebengebäuden, samt Küche, Bad und Schlaf- sowie Wohnraum mit offenem Kamin.

Die Zugänge zu diesen wohnlichen Räumlichkeiten sind auch im Haupthaus penibel separiert. Man muss das Wort Privatsphäre nicht strapazieren, um zu charakterisieren, was im Vordergrund steht: Ruhe, Erholung, Aus- und Entspannen. Dazu lädt, geradezu malerisch in die Landschaft drapiert, ein Swimmingpool ein. Man kann, wenn man genau schaut, sogar das Blau des Meeres heraufblitzen sehen. Und auch rund ums Schwimmbecken, zwischen Sonnenschirmen und Liegestühlen, wird spürbar: Gemeinsam sein bedeutet keineswegs, dass man aufeinanderklebt. Das ist nicht erst in Zeiten des Coronavirus so.

Privat ist hier oberstes Gesetz

Eingebettet ist das kleine Landgut in ein Arrangement aus Zypressen, Palmen, Olivenbäumen und blühenden Pflanzen. Es liegt weitab jeglicher Durchzugsstraße. Tagsüber haben die Zikaden, morgens und abends die örtlichen Vögel das Sagen. Deren Gesang unterbricht auch die tägliche Frühstücksgesellschaft nicht, die den Tag mit Gebäck vom örtlichen Bäcker und Butter, Wurst, Schinken, Käse, Marmelade, Honig, Eiern von regionalen Betrieben beginnt. Samt exzellentem Espresso mit schokoladigem Unterton. Aus Südtirol. Doch das ist vorerst eine andere Geschichte.

Küche in allen regionalen Spielarten

Getoppt werden die Tage in dieser Idylle durchs allabendliche Stelldichein der Gäste, zu einem abschließenden Glas Wein. Dann, wenn man sich wiederfindet nach den Tageserlebnissen – einem Ausflug ans Meer (die Strände nördlich von Ancona sind fast endlos weit), einer Besichtigung von Urbino oder Ascoli Piceno, einer Radtour durchs Umland, einer Wanderung in den Monti Sibillini etc. – und dem Besuch eines der zahlreichen Restaurants oder Trattorien.

Davon gibt es teils in fußläufiger Nähe, teils im Umkreis von wenigen Autokilometern so viele, dass man mindestens zwei Wochen bleiben müsste, um sich durch die wichtigsten zu kosten. Man hat die Wahl zwischen deftiger regionaler Küche und deren innovativen Variationen. Es gibt alles, was das Umland und das Meer hergeben. Trüffel sind ein großes Thema, mit dem großzügig umgegangen wird. Franziska hat eine komplette Liste, empfiehlt je nach Wunsch, reserviert auch einen Tisch. Selbst wenn man das Auto nicht mehr bewegen möchte, weil man mehr als ein Glas Wein konsumieren will, lässt sich eine Lösung finden.

Das hängt eng mit der eingangs beschriebenen Szene zusammen. Einmal pro Woche inszeniert die Chefin eine Weinverkostung in der seit zwei Jahren zu den Betrieben der Familie Ganthaler gehörigen Tenuta di Fra‘. Hier, in Morro d’Alba, gibt es Pressungen aus örtlichen – autochthonen – Reben zu verkosten: Verdicchio dei Castelli di Jesi und Lacrima di Morro d’Alba. Gianluca, Meister und Seele der sieben Hektar Rebenfläche, weiß alles darüber. Den kulinarischen Rahmen dafür liefert der Boss der Trattoria Dal Mago.

Er serviert Regionales in neuer Interpretation. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes magisch. Dazu gehört zum Beispiel Lasagne ohne Bechamel-Sauce. Ein Genuss, der mit Worten nicht zu beschreiben ist. Das Ambiente dazu kann man auch die ganze Nacht haben, in der Dépendance des Poggio Antico, der Villa Uliveto, wird Nächtigen inmitten von Weinreben offeriert.

Wenn Tradition auf Moderne trifft

Im Prinzip eine Reise zum Ursprung des Anwesens in den Marken ist die Weiterfahrt nach Südtirol, nach Burgstall, wo die Ganthalers wurzeln. Hier, nahe Meran, haben sie sich im 2015 neu eröffneten Hotel Muchele manifestiert. Die Bezeichnung geht auf den Vornamen Michael zurück, auch Much in der örtlichen Sprache. Was fast pragmatisch als Boutique-Hotel bezeichnet wird, entpuppt sich als modernes und dennoch ungemein heimeliges Haus, das von Franziskas Töchtern – Martina, Priska und Anna – geleitet wird (während der Senior, Hansjörg Ganthaler, zwischen Monte San Vito und Burgstall pendelt).

Die Einrichtung der Zimmer mit natürlichen Materialien – Holz, Stein, Wolle, stylischen Möbeln und rückenfreundlichen Betten – wird durch einen geräumigen Balkon gekrönt, auf dem es sich fein herumlümmeln und in die Berge schauen lässt. Zudem ist auch hier Privatheit oberste Devise. Die Räume sind penibel geräuschisoliert. Auch klopft kein Zimmermädchen zur Morgenschlafzeit an die Tür.

Fast selbstredend ist es, dass auch hier ein Pool zum Erfrischen einlädt. Und – in Coronazeiten gegen Voranmeldung – ein hochfeiner Spa-Bereich. Doch vorerst muss es ein Willkommens-Caffè sein. Und hier sind wir an der Quelle des Espresso, den wir in den Marken täglich mindestens zwei Mal genossen haben, mehr oder weniger angekommen.

Im Nachbarort Lana residiert eine exklusive Kaffeemanufaktur samt Rösterei – unter Verwendung ausgesuchten Rohkaffees – mit dem möglicherweise ein wenig sperrig wirkenden Namen Kuntrawant. Dabei ist das bloß der Südtiroler Ausdruck für Schmuggler, in Reminiszenz an den ehemaligen heimlichen Transport des Schwarzen Goldes (und anderer Güter) über geheime Gebirgspfade und über die Etsch, jenem Fluss, der auf dem Weg vom Reschenpass zur Adria die Region durchfließt.

Ob nahe am Meer oder am Fuß himmelhoher Berge: Der Caffè hat stets den gleichen samtigen Geschmack. Entweder als Auftakt oder als Abschluss des abendlichen mehrgängigen Menüs, das die Köche des Muchele Tag für Tag auf den Tisch zaubern. Entweder als Fixpunkt der Halbpension für die Hotelgäste (selten hat man unter diesem Titel so haubengerecht gespeist) oder als Restaurant-Offert, auf Wunsch begleitet vom Weinsortiment der Tenuta di Fra‘.

Fazit: Hier wie dort können Wein und Kaffee aufs genussreichste zusammenkommen!