Emilia-Romagna: Tal der Tempel. Die norditalienische Region Emilia-Romagna lädt ein zum Fest für alle Sinne kulinarischer, kultureller und automobiler Natur – im Umkreis von Sant’ Agata, Modena, Parma, Maranello und Bologna.

Von Beatrix Keckeis-Hiller. Erstellt am 18. Juni 2019 (11:44)

Es liegt ein Potpourri an Düften und Aromen in den Lüften, wohin man die Nase auch wendet. Nicht nur in Parma ist es der Schinken, nicht nur in Modena ist es der Aceto Balsamico, nicht nur in Reggio Emilia ist es der Parmesan, überall ist es der Lambrusco, auch der Sangiovese, überall ist es die Pasta – nicht nur die fast schon schnöden Spaghetti, ebenso Tortellini und Tortiglioni, Tagliatelle und Maltagliati, Lasagne und Mezze.

Eine unausgesprochene Einladung zum Schwelgen in tausend Genüssen. Für die man sich Zeit nehmen muss. Schließlich ist man hier im Slow-Food-Land. Begleitend schwebt über allem Musik. Viel von Lucio Dalla, der aus Bologna stammte. Viel auch von Giuseppe Verdi, der unweit von Parma geboren wurde, im Tenor-Belcanto interpretiert von Luciano Pavarotti, ein geborener Modenese, der weit über die Grenzen Italiens hinaus gewirkt hat. Auch mit Töpfen und Pfannen, er hat fast ebenso hervorragend gekocht wie gesungen.

Außergewöhnliches

Ein wenig davon mag ins kulinarische Erbe der Emilia-Romagna eingeflossen sein. Mindestens die Kunst, aus scheinbar Einfachem Außergewöhnliches zuzubereiten. Das echte Ragù alla Bolognese ist eine Wissenschaft, es schmeckt in Wahrheit nur dort wirklich echt, wo es herkommt. Starkoch Massimo Bottura kann nicht nur das, er widmet sich der Erneuerung der italienischen Küche. Er komponiert aus regionalen Zutaten – Gemüse, Fisch, Fleisch, Geflügel, Käse, Essig, Wein und vielem mehr – kulinarisch regionale Geschichten mit globalem Format. Verkosten kann man das, Reservierung vorausgesetzt, in seinen Restaurants in Modena.

Der rote Faden aber, der sich durch die Romagna zieht, ist die Via Emilia. Jene Straße, die an den nördlichen Ausläufern des Apennin von den Römern durch die fruchtbare Ebene zwischen Piacenza und Rimini befestigt wurde. Im Norden fließt der Po, die östliche Grenze ist die Adria, im Westen liegen Piemont und Ligurien. Die Hauptstadt ist Bologna, Universitätszentrum und Verkehrsknotenpunkt. Auch genannt „la rossa“, die Rote.

Im historischen Zentrum dominieren Gebäude aus roten Ziegeln. Oder „la grassa“, die Fette, wegen der üppigen Küche. Weiters „la dotta“, die Gelehrte, siehe Universität. Ebenso „la turrita“, die an Geschlechter-Türmen reiche, von denen aber nur zwei erhalten sind: der Torre Garisenda und der Torre degli Asinelli. Eines der weiteren markanten Monumente ist der Neptun-Brunnen auf der Piazza Maggiore. Dessen Dreizack ist hoch symbolträchtig. In automobiler Hinsicht.

Supersportwagen

Denn was sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Emilia-Romagna zieht, das ist die Auto- und Motorradbaukunst. Deren Epizentren tragen klingende Namen. Modena mit Maserati, für dessen Logo der Dreizack des Neptun-Brunnens Vorbild ist. Pagani, eine der exklusivsten Fahrzeugschmieden der Welt. Maranello mit Ferrari, der legendären Sport- und Rennwagenmarke im Zeichen des Cavallo Rampante (eng mit Niki Lauda verbunden). Sant’Agata Bolognese mit Lamborghini, einem Edel-Label, das aus einer Traktorproduktion hervorgegangen ist. Varano de’Melegari mit Dallara, einem hochspezialisierten Fahrwerkstechnik-Unternehmen. Borgo Panigale mit Ducati, jener
lebendigen Motorradlegende, die in Radioapparaten wurzelt.

Die Hochburgen schneller Gefährte sind Jahr für Jahr Kulisse für die Mille Miglia (Tausend Meilen), einem Rennen historischer Modelle. Jeden Mai steht nicht nur die Emilia Kopf, es ist so gut wie alles auf den Beinen, um diesen 1977 wiederbelebten Schaulauf automobiler Preziosen nicht zu verpassen. Dieses Jahr war die hochkarätige Parade einer der Hintergründe für die Premierenveranstaltung des „Motor Valley Fest“, das große Fest der „terra di motori“ (Land der Motoren), mit Beteiligung aller der genannten sowie weiterer namhafter Schmieden, getragen von der Leidenschaft für Motoren und Innovationen, genauso für Kultur, Gastronomie und die regionale Identität.

Ob man nun eine Affinität zu edlen Autos und Motorrädern mitbringt oder nicht: Der Faszination, die edlen Boliden aus nächster Nähe zu sehen, zu fühlen, zu hören, von außen und innen zu erschnuppern, einen tiefen Blick in die Sammlungen von Ferrari zu werfen, hautnah an den Produktionsbändern des Lamborghini Aventador zu stehen, Spezialisten beim Entstehen eines Pagani zu beobachten, dem kann man sich nicht entziehen. Ebenso wenig wie der stürmischen Begeisterung der einheimischen Besucher und der internationalen Gäste. Spielwiesen, pardon Renn- und Teststrecken, für die edlen und auch „normale“ Gefährte gibt es hier im Umkreis von rund einer Fahrstunde sonder Zahl: Autodromo Varano, Misano World Cicuit Marco Simoncelli, Fiorano Modenese nahe Maranello (die Ferrari-Teststrecke), Autodromo Enzo e Dino Ferrari (Imola), Autodromo di Modena …

Weltkulturerbe

Das ist längst noch nicht alles, was das „Tal der automobilen und der gastronomischen Tempel“ zu bieten hat. Abgesehen von Musik und Gesang und Theater ist es die Wiege vielfältiger Kultur und Ausgangspunkt sowie Zentrum bewegter Geschichte. Modena, Parma, Ferrara sind mit dem Weltkulturerbe-Siegel ausgezeichnet. Paläste, Villen, Sakralbauten – wie der Palazzo Ducale und der Dom von Modena mit der Ghirlandina, dem Glockenturm, oder der Dom von Parma – sind lebendig erhaltene historische Zeugnisse. Mit austriakischem Bezug, siehe die „Österreich-Este“, den Habsburger Zweig des Herzogsgeschlechts der d’Este, und Marie-Louise von Österreich, zweite Frau von Napoleon I. und nach der Trennung Herzogin von Parma, Piacenza und Guastalla.

Gewichtig ist die Rolle des Theaters und der Literatur. Einer der Angelpunkte ist das Teatro Communale Luciano Pavarotti in Modena, eine eindrucksvolle Bühne für Traditionelles und Modernes. Ein Beispiel für das schriftstellerische Erbe ist Umberto Eco, ebenso Giorgio Bassani. Filmischen Widerhall fand das in „Der Name der Rose“ und „Die Gärten der Finzi Contini“. Legendär jedoch sind, über diese Region hinaus, die Erzählungen des Journalisten, Karikaturisten und Schriftstellers Giovannino Guareschi. In „Don Camillo und Peppone“ schildert er das Aufeinanderprallen von Katholizismus und Kommunismus. Nachzusehen in Wort, Bild und Film – mit Fernandel und Gino Cervi – im gleichnamigen Museum in Brescello.

Wem nun der Magen gefüllt ist, von der automobilen Bewegung ermüdet ist und der Kopf schwirrend von Monumenten und Argumenten, dem bietet die Emilia-Romagna noch etwas, das untrennbar mit Italien verbunden ist: das Meer. Rimini ist nicht weit weg von Bologna und hat einen 15 Kilometer langen Sandstrand. Und auch hier trifft man auf den Film: Federico Fellini hat dem Zentrum des adriatischen Badetourismus ein kinematografisches Denkmal
gesetzt.