Indoor als Basis für Outdoor. Wer sich den Traum vom Ritt in der freien Natur erfüllen möchte, sollte eine gute Reitausbildung absolvieren.

Von Nadja Straubinger. Erstellt am 19. April 2019 (13:51)

„Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten! Bleibt in Euren Hütten, Euren Zelten! Und ich reite froh in alle Ferne. Über meiner Mütze nur die Sterne.“

Schon Johann Wolfgang von Goethe inspirierte die Faszination, längere Strecken im Sattel zu bewältigen. Wer hat noch nicht „vom großen Ritt“ geträumt? Über bunte Wiesen und Felder frei reiten. Die Stille des Waldes hoch zu Ross genießen. Den Wind, der einem bei jedem Galoppsprung ins Gesicht weht, spüren. Freiheit erleben und dabei eins mit dem Pferd und in Harmonie mit der Natur sein. Diesen Traum vom Reiten haben viele, oft schon von Kindheit an. Doch damit ein Ritt in der freien Natur zum wahren entspannenden Erlebnis wird, bedarf es der richtigen Schulung von Reiter wie Pferd, denn sonst kann das Vergnügen mitunter schwer verletzt im Spital enden.

 „Würden Sie Ihr Kind jetzt einfach so ans Steuer setzen und auf die Autobahn fahren lassen?“Gila Wohlmann, Wanderreitführerin 

„Oft frage ich: Würden Sie Ihr Kind jetzt einfach so ans Steuer setzen und auf die Autobahn fahren lassen? Dann bekomme ich ein entsetztes ,Nein, niemals!‘ als Antwort“, sagt Wanderreitführerin Gila Wohlmann. Und genauso ist es beim Reiten. Wer mit dem Pferd ins Gelände will, der sollte sich erst einmal, wie es eine seriöse Reitausbildung vorsieht, in der Reithalle und am Reitplatz viele Monate mit Bewegung und Reaktion eines Pferdes auseinandersetzen, bevor er einen Ausritt macht.

„Es kommen immer wieder noch Kunden zu uns, die uns erzählen, dass sie schon irgendwo im Urlaub ausreiten waren und auch schon galoppiert sind. In der Praxis zeigt sich dann meist, dass diese Leute oft nicht einmal korrekt die Zügel in der Hand halten können und irgendwie dem armen Pferd mit ihrem Reitergewicht in den Sattel plumpsen“, weiß Dressurtrainerin Karina Prochaska vom Reitsportzenrum Mauerbach.

Reitausbildung beginnt an der Longe. Hier reitet der Anfänger im Kreis, gesichert durch eine Longeleine, die der Reitlehrer in der Hand hält, sodass sich der Reiter voll und ganz auf seinen Sitz konzentrieren kann. Zuerst wird nur Schritt und Trab geritten und erst, wenn das funktioniert, geht es ans Galoppieren. Danach erst darf der Reiter in der Abteilung, also in einer Gruppenstunde oder auf Wunsch im Einzelunterricht, frei in der Reitbahn reiten. So verlaufen die kommenden Monate. Vom Ausreiten in freier Natur ist/sollte da keine Rede sein. Der Grund erklärt sich. „Auch ein noch so gut ausgebildetes Schulpferd bleibt immer ein Fluchttier und der Reiter muss mit dem Tier zuerst im gesicherten Areal absolut eins sein“, betont die Trainerin, die international Turniere bestreitet. Ziel sollte sein, egal, ob man als Freizeitreiter ins Gelände will oder sich später einmal auf einen reiterlichen Wettbewerb wagt, dass der Reiter, egal ob Kind oder Erwachsener, den Reiterpass anstrebt. Das ist sozusagen der Führerschein des Reiters. Mit Ablegen einer Dressurreitaufgabe, einer kleinen Spring- und Geländeprüfung sowie einem ausgiebigen Theorieteil hat der Reiter bewiesen, dass er sein Pferd im Gelände beherrschen sollte und auch die dementsprechenden Vorschriften kennt. Der Reiterpass kann ab acht Jahren abgelegt werden, analog zur klassisch-englischen Reitweise gibt es für jene, die ihren Reitunterricht in der Wes ternreitweise genießen, die Prüfung zur Erlangung des „Wes tern Riding Certificate“. Wenn sich auch die Ausrüstungsgegenstände ein wenig stilmäßig unterscheiden und die Hilfegebung beim Pferd ein wenig differiert: Das Ziel ist dasselbe. Der Reiter hat durch die positive Absolvierung der Prüfung bewiesen, dass er weiß, was er mit dem Pferd tut, wenn er auf sich selbst gestellt ist.

Reiten birgt genau wie Motorradfahren oder Skifahren ein Sturzrisiko. Ein CE-Norm-geprüfter Reithelm, der im Reitsportfachhandel gut angepasst wurde, eine Ausrüstung mit Reitstiefel und Handschuhen sollten selbstverständlich sein, „Sportschuhe mit Schnürsenkeln, die nicht über den Knöchel gehen, bergen beim Sturz die Gefahr, dass man hängenbleibt“, warnt Wanderreitführerin Wohlmann. Wer ohne Handschuhe reitet, kann sich Blasen holen, wenn das Pferd vielleicht einmal etwas heftiger reagiert. Rückenprotektoren, die vor Wirbelsäulenverletzungen schützen, setzen sich immer mehr durch. Es gibt schon Modelle, ähnlich jener im Motorradsport, die die reiterliche Bewegung nicht mehr einschränken. Anzuraten ist es, wenn man einen Reitstall aufsucht, sich vorher beim jeweiligen Landesfachverband des österreichischen Pferdesportverbandes (OEPS) zu erkundigen, ob dieser Stall als anerkannter Ausbildungsbetrieb mit geprüftem Lehrpersonal, sei es nun Übungsleiter, Reitwart, Reit instruktor, Reittrainer oder mit Wanderreitführern, geführt wird. Ein wichtiger Punkt ist der Tierschutzfaktor: Sind die Pferde in einem guten Ernährungs- oder Pflegezustand? Sind die Ställe sauber? Ist das Sattelzeug gepflegt und nicht defekt? Wie ist der Umgangston des Lehrpersonals mit den Kunden? Wenn all dies ein stimmiges Bild ergibt, steht dem Schwung in den Sattel nichts mehr im Wege – unter dem Motto: „Zuerst ordentlich indoor und dann relaxed und sicher outdoor!“