Wildnisgebiet Dürrenstein: Der größte Urwald im Alpenbogen

Erstellt am 03. August 2022 | 01:13
Lesezeit: 4 Min
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Baum-Riesen kreuz und quer: In dem geschützten Gebiet dürfen sie ihr natürliches Maximalalter erreichen.
Das liegt bei Fichten und Tannen bei 600 Jahren, einzelne Greise unter den Eiben werden sogar 1.000 Jahre alt.
Foto: Werner Gamerith
Vor fünf Jahren erklärte die UNESCO das Wildnisgebiet Dürrenstein zum Weltnaturerbe. Es beheimatet das letzte Gebiet, von dem der Mensch immer die Finger ließ, sowie viele Arten, die man sonst nirgendwo findet.
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Spaziert man durch den Rothschild-Wald ist es auch inmitten der Hitzewelle angenehm kühl. In der Luft liegt der Geruch von Holz und Harz. Fichten und Buchen ragen in die Höhe. Da und dort versperren dicke, morsche Stämme den Weg. An ihrer Seite wächst ein Pilz, der an Blütenstaub erinnert.

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Christoph Leditznig: „Natur hat von UNESCO-Prädikat profitiert.“
Foto: privat

„Eine Gelbe Lohblüte“, weiß Reinhard Pekny. Er arbeitet als Ranger im Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal, das den größten Urwald des Alpenbogens beheimatet. Oftmals ist sogar vom letzten Urwald Mitteleuropas die Rede. „Da kommt es auf die Definition an“, erklärt Wildnisgebiet-Geschäftsführer Christoph Leditznig. Kleine Urwaldreste finden sich nämlich etwa auch noch im Waldviertel.

Einzigartig ist das Gebiet im Mostviertel aber in jedem Fall. Seit fünf Jahren haben seine Betreuer das schwarz auf weiß: Die UNESCO erhob das Wildnisgebiet Dürrenstein, das im Vorjahr um eine steirische Fläche auf 7.000 Hektar erweitert wurde, im Juli 2017 zum Weltnaturerbe. Mit dem Nationalpark Kalkalpen ist es damit das einzige in Österreich.

Um Außergewöhnliches zu erleben, muss man nicht in den Amazonas, nur mit den richtigen Leuten ins Wildnisgebiet.“ REINHARD PEKNY, Ranger

Das Gebiet steht so in einer Reihe mit dem Yellowstone Nationalpark und den Galapagos Inseln. Entsprechend groß ist die Aufmerksamkeit. „Davon profitiert die Natur. Es gibt keine Diskussionen, ob man das Gebiet verkleinern sollte oder ähnliches“, resümiert Leditznig, der sich mehr öffentliche Mittel für die Forschung wünscht.

Urwald hat nur ein Zehntel der Fläche von Krems

Der Urwald, in den der Mensch nie eingegriffen hat, macht mit 400 Hektar einen kleinen Teil des Wildnisgebiets aus. Zum Vergleich: Das ist nicht einmal ein Zehntel der Fläche von Krems. Der Rest des Gebiets wurde der Natur wieder zurückgegeben. Selbst das ist selten: Nur ein Prozent der Fläche Europas ist Wildnis.

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Spektakuläre Bilder liefern alte Eiben im Wildnisgebiet.
Foto: Hans Glader

Pekny betont, dass es zum Erhalt des Lebensraums viel mehr ungestörte Natur bräuchte: „Ein Drittel bis die Hälfte des Planeten sollte sich selbst überlassen werden.“ Dann siedeln sich neue Arten an und alte kehren wieder zurück. „Je mehr Arten es gibt, desto resilienter ist ein System“, begründet der Ranger.

Wie die Natur ein Gebiet zurückerobert, beobachten Forschende im Wildnisgebiet: Bei jeder Wanderung werden neue Pflanzen entdeckt. Wissenschafter rechnen damit, dass in dem Gebiet drei Mal so viele Pilze vorkommen, als man in ganz Österreich annimmt. Auch bei Flechten wird die Liste immer länger. „Um Außergewöhnliches zu sehen, muss man nicht in den Amazonas – nur mit den richtigen Leuten ins Wildnisgebiet“, sagt Pekny und grinst.

Der Besuch ist stark eingeschränkt

Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Im Urwald ist Besuch ganz verboten, im Rest des Gebiets stark eingeschränkt. Pro Jahr werden nur 20 Besuchergruppen an den Rand des Urwalds geführt, das gesamte Wildnisgebiet besuchen 100 Gruppen. Andere können es seit 2021 im Haus der Wildnis in Lunz am See (Bezirk Scheibbs) erleben. Der Besuch hat sich gut entwickelt, wenngleich die Zahlen aufgrund von Corona noch nicht auf dem Niveau sind, das sich die Betreiber wünschen.

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Zuletzt war Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Landes-Vize Stephan Pernkopf im Wildnisgebiet zu Gast. Ranger Reinhard Pekny berichtete ihnen von der Geschichte und der Arbeit im Wildnisgebiet. Die NÖN begleitete die Gruppe und erhielt so einen exklusiven Einblick in das Naturschutzgebiet.
Foto: NLK

Schneereichstes Gebiet liegt in Niederösterreich

Die echte Wildnis können Besucher nur zwischen Juni und Oktober betreten. Sonst bedeckt sie nicht selten eine meterhohe Schneedecke. Denn Niederösterreich hat mit dem Wildnisgebiet nicht nur den größten Urwald, das einzige Weltnaturerbe, sondern auch den schneereichsten Ort Österreichs. 

https://www.wildnisgebiet.at/