Wie heilt sich das Gehirn?

Erworbene Hirnschädigungen sind mit Einbußen der Lebensqualität und mit volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Wie sich das Gehirn nach einer Schädigung regenerieren kann, erklärt Karl Matz vom Landesklinikum Baden-Mödling.

Erstellt am 07. Oktober 2021 | 05:53
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Nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder Demenz: Der Aufbau von Synapsen ist ein Schlüssel zur Regeneration des Gehirns.
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Karl Matz
Ass. Prof. Dr. Karl Matz ist Vorstand der Neurologischen Abteilung im LK Baden-Mödling und forscht am Zentrum für Vaskuläre Prävention an der Donau-Uni-Krems.
LK Baden-Mödling

Lange hat die Wissenschaft geglaubt, dass das Hirn sich nicht regenerieren kann. Früher hat man anatomisch und unter dem Mikroskop gesehen, dass das Hirngewebe nach einer Verwundung nicht nachwächst. Im Gegensatz zu einer Haut- oder Knochenverletzung. Außerdem glaubte man, dass die Reifung des Gehirns mit dem Ende der Pubertät abgeschlossen ist und es nicht weiterwächst.

Das Gehirn kann aber bis ins hohe Alter wachsen! Es sind die funktionalen Schaltverbindungen der Nervenzellen, die sogenannten Synapsen, die sich immer wieder neu bilden können. An diesen wird der elektrische Impuls, also die Information, von einer Nervenzelle zur anderen übertragen. Das Großartige ist, dass genau dann Synapsen an Nervenzellverbindungen gestärkt und vermehrt werden, wenn an diesen Verbindungen wiederholt eine elektrische Erregung stattfindet.

Wiederholung ist somit der Schlüssel dieser sogenannten Plastizität, also Veränderbarkeit, unseres Nervennetzwerks „Gehirn“. Ob es nun Übungen, Gewohnheiten oder erzwungene Wiederholungen sind: Sie bewirken alle eine zunehmend bessere Übertragung an diesen eingeübten Nervenerregungspfaden und damit eine verbesserte Funktion, die durch diesen Netzwerkteil vermittelt wird. Lernen, Gedächtnis, Rehabilitation – all diesen Phänomenen liegt der Prozess der neuronalen Plastizität zugrunde.

Aber auch negativen Phänomenen wie Zwängen, Sucht, der Chronifizierung von Epilepsie oder Schmerz. In der Rehabilitation kann man dieses Prinzip ausnützen, in dem man Gehirnteile wiederholt von außen durch sogenannte nicht invasive repetitive (=wiederholte) Gehirnstimulation stimuliert. Über schmerzlose Magnetimpulse auf der Gehirnrinde wird dabei eine lokalisierte wiederholte Erregung erzeugt. Dadurch wird der Lernprozess der Rehabilitation, z. B. das Wiedererlernen der Sprache oder der Funktion der Finger nach einem Schlaganfall, positiv unterstützt.