Zahnärztekammer-Präsident: „Unterversorgung droht“

Hannes Gruber, neuer Präsident der Zahnärztekammer, fürchtet um Versorgung in der Peripherie und will Job-Sharing forcieren.

Daniel Lohninger
Daniel Lohninger Erstellt am 01. Oktober 2021 | 05:42
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Zahnärztekammer-Präsident Hannes Gruber will, dass die zahnärztliche Untersuchung in den Mutter-Kind-Pass kommt.
Foto: Anna Stöcher

NÖN: Sie sind der erste Nicht-Wiener an der Spitze der Zahnärztekammer. Welche neuen Akzente werden Sie setzen?

Hannes Gruber: Erstens bin ich sehr stolz, dass ich als erster Niederösterreicher österreichischer Zahnärztepräsident werden durfte. Zweitens gibt es natürlich einige Themen, die mir ein besonderes Anliegen sind – vor allem die Stärkung neuer zahnärztlicher Zusammenarbeitsformen sowie die Versorgungssicherheit im ländlichen Raum. Die beiden Themen überschneiden sich insbesondere in Niederösterreich.

Wie wollen Sie die Versorgungssicherheit im ländlichen Bereich konkret aufrechterhalten?

Gruber: Niederösterreich ist ein Bundesland, das sehr dezentral strukturiert ist. Die Einzelversorgung können wir am Land fast nicht mehr aufrechterhalten. Es verhält sich ähnlich wie bei Greißlern und Supermärkten. Die Nahversorgung ist oft nur mehr bedingt gegeben. Und so ist es auch immer schwieriger, junge Zahnärzte zu motivieren, sich außerhalb urbaner Gebiete niederzulassen. Hier gilt es mit neuen Ideen entgegenzuwirken. Ich denke da an Anreizmodelle und neue Möglichkeiten, dass Zahnärzte gemeinsam tätig sein können. Dies ist aktuell nur eingeschränkt und zeitlich begrenzt möglich.

Gibt es hier schon Gespräche mit der Österreichischen Gesundheitskassa (ÖGK)?

Gruber: Die Gespräche gibt es bereits. Ziel ist es, das aktuell bestehende Modell einer zeitlich begrenzten Möglichkeit der Zusammenarbeit, das sogenannte Job-Sharing, so auszuhandeln, dass die Kolleginnen und Kollegen ohne Einschränkungen durch die ÖGK gemeinsam auf einen Kassenvertrag arbeiten können.

Wie sieht es aktuell mit der regionalen Zahnärzte-Versorgung aus – wo gibt es den größten Engpass?

Gruber: Hier sind mehrere Faktoren zu beachten, was die Beurteilung nicht ganz einfach macht. Fakt ist, dass insgesamt die Zahl der Zahnärztinnen und Zahnärzte seit Jahren leicht rückläufig ist. Weiters erwarten wir, dass in den kommenden Jahren mehr Kollegen in Pension gehen als junge Zahnärzte ausgebildet werden. Oder konkreter: Ausgebildet werden und in Österreich bleiben. Zugleich ist der Frauenanteil in unserem Berufsstand so hoch wie noch nie, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist gerade der jungen Generation ein wichtiges Anliegen. Deshalb müssen wir neue Modelle zur Zusammenarbeit finden. Regional gesehen sind das Waldviertel und das nördliche Weinviertel unsere Sorgenkinder. Diese Gebiete sind noch nicht unterversorgt, sie könnten es aber bald sein. Es ist langsam, aber sicher ein Zahnärztemangel zu erwarten.

Wie steht es generell um die Zahngesundheit in Österreich?

Gruber: Das größte Problem ist derzeit, dass ein Kind im Schnitt erst sehr spät zum Zahnarzt kommt – etwa im Alter von vier Jahren. Es sollte aber bereits im Alter von zwei oder drei Jahren sein. Oder lassen Sie es mich so sagen: Sobald die ersten Zähne da sind und auch gepflegt werden sollten. Die Zahnärzteschaft kämpft deshalb seit Jahren dafür, dass die zahnärztliche Untersuchung in den Mutter-Kind-Pass aufgenommen wird. Das wäre für die Prävention enorm wichtig – und es gibt Signale des Gesundheitsministers, die mich hoffen lassen, dass wir dieses Ziel in dieser Legislaturperiode erreichen könnten.

Abschließend noch eine Frage zur Corona-Situation. Sie haben in der NÖN Anfang des Jahres gesagt, dass 91 Prozent ihrer Kollegen die Impfung wollen. Wissen Sie, wie hoch die Impfquote unter den Zahnärzten jetzt ist?

Gruber: 95 Prozent der Zahnärztinnen und Zahnärzte sind geimpft. Wir haben in den Zahnarztordinationen zudem keinen dokumentierten Ansteckungsfall. Es war auch wichtig, dass die Ordinationen während der Lockdowns geöffnet waren. Deshalb haben wir kaum Spätfolgen durch Nichtbehandlung.