Tanzen ab der Lebensmitte

Erstellt am 29. Oktober 2022 | 04:45
Lesezeit: 5 Min
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Mit viel Schmäh sagt Ingrid Poindl die Tanzschritte beim Seniorentanzen an.
Foto: Hannes Blümel
In Heidenreichstein unterrichtet Ingrid Poindl Seniorentanz. Beim Kurs „Treffpunkt Tanz“ geht es nicht nur um Schritte und Drehungen, sondern auch um die Geselligkeit.
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Ingrid Poindl wusste zwar, dass es eine Seniorentanzgruppe in Heidenreichstein gibt, sie hat sich aber lange nicht angesprochen gefühlt. „Beim Wort Senioren habe ich zuerst nicht an mich gedacht“, lacht die 66-Jährige.

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Ingrid Poindl ist seit 2011 Tanzleiterin für Seniorentanz, sie unterrichtet ihre „Schüler“ im Pfarrsaal Heidenreichstein.
Foto: Herbert Poindl

„Aber man muss es sich auch mal eingestehen.“ Nach dem ersten Besuch einer Seniorentanz-Einheit war sie bereits hellauf begeistert. So sehr, dass sie sich selbst zur Tanzleiterin für Seniorentanz ausbilden ließ. Von 2009 bis 2011 dauerte die Ausbildung, seitdem ist sie also Tanzleiterin in Heidenreichstein. Bewegung hat Ingrid Poindl immer schon gerne gemacht, vor allem Gymnastik. „Früher bin ich nur ein- bis zweimal die Woche zu einem Gymnastikkurs gegangen.“ Durch das Tanzen ist ihr Leben noch um einiges aktiver geworden. „Zu Beginn meiner Pension ist mir die Decke auf den Kopf gefallen, das Gefühl habe ich jetzt natürlich nicht mehr.“

Die Initiative „Tanzen ab der Lebensmitte“ gibt es in Österreich schon seit mehr als 40 Jahren. Getanzt werden traditionelle Tänze aus aller Welt. Dazu gehören Kreistänze, Paartänze, Kontra, Line Dance und Square.

Die Musik besteht aus Schlagern, Walzern, Märschen, südamerikanischen Klängen und traditioneller Volksmusik aus vielen verschiedenen Ländern. Auch Popmusik ist dabei.

Von Amstetten bis Zwettl, getanzt wird an vielen Orten in Niederösterreich und natürlich auch in Heidenreichstein. Hier wird derzeit wieder im Pfarrsaal das Tanzbein geschwungen, jeden Montag von 16 bis 18 Uhr. „Der Einstieg ist jederzeit möglich“ sagt Ingrid Poindl. Die Vorteile sind zahlreich: „Gut für den Kreislauf, für das Herz und natürlich auch für das Gedächtnis.“ Logisch, denn man muss sich die vielen Schritte auch merken. „Wir nehmen uns immer sehr viel Zeit und helfen uns gegenseitig, daher ist das alles kein Problem.“

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Die im Kurs erlernten Schritte und Choreografien werden auch zum Beispiel bei Pfarrfesten aufgeführt.
Foto: Hannes Blümel

Es sind eigene Choreografien, die vom Bundesverband für Seniorentanz zur Verfügung gestellt werden. Auch eigene Musik gibt es dafür. Ingrid Poindl hat zahlreiche CDs daheim, denn auf jeder Fortbildung, die sie besucht, werden neue Choreografien zu neuer Musik unterrichtet, damit sie die Tänze auch an ihre Teilnehmer weitergeben kann. Ganz neu tanzen die Heidenreichsteiner zu „Something Stupid“ von Robbie Williams und Nicole Kidman. „Dabei handelt es sich eher um einen einfachen Tanz, das liegt daran, dass wir diesen Herbst einige neue Teilnehmer dazubekommen haben.“ Die Zielgruppe ist bunt gemischt. „Viele sagen ja, dass sie da nicht hingehen wollen, weil es für Senioren ist, so wie ich früher.“ Die jüngsten Teilnehmer sind noch nicht mal 50 Jahre, die älteste Teilnehmerin ist derzeit 83 Jahre alt, erzählt Poindl. „Wir hatten auch eine Dame, die bis fast zu ihrem 90. Geburtstag mitgetanzt hat.“

Aktuell sind drei Männer dabei, der Rest der Tanztruppe sind Frauen. Einen Partner braucht man daher zum Tanzen nicht mitbringen. Das heißt aber auch, dass Frauen die Männerschritte übernehmen. „Das ist wirklich nicht so schwer, es kommt ja nur darauf an, mit welchen Fuß man anfängt“, erzählt Poindl. Dass man auch weiß, wer „der Mann“ und wer „die Frau“ ist, tragen die Tanzkurs-Teilnehmer rosa beziehungsweise blaue T-Shirts.

Es wird getanzt und gelacht

Im Sommer wird im Freien getanzt, und zwar auf der Terrasse des Restaurants der Käsermacherwelt in Heidenreichstein. „Da der Kurs im Sommer vormittags ist, bleiben wir danach noch oft auf der Terrasse sitzen.“ Im Winter finden die Tanzstunden im Pfarrsaal Heidenreichstein statt, hier hat man genügend Platz für die Choreografien. „Es wird viel gelacht bei den Tanzstunden“, erzählt Poindl. „Ich sage die nächsten Schritte ja immer an und wenn die Dame eine Drehung macht, dann sage ich: Die Dame dreht durch. Dann lachen wir immer.“ Tanzen ist gut für die Stimmung, dieses Feedback bekommt Ingrid Poindl auch von den Teilnehmern. „Eine Kursteilnehmerin war einmal schlecht gelaunt und nach dem Tanzen meinte sie zu mir: „Jetzt bin ich wieder gut drauf.“

Sozialer Aspekt ist wichtig

Nicht nur stimmungsaufhellend ist das Tanzen, sondern sogar verjüngend. Poindl erzählt von Teilnehmern, die mit dem Gehstock zum Kurs gekommen sind und ihn dann für das Tanzen weggelegt haben. „Vielleicht fühlen sie sich durch die Gemeinschaft sicherer.“ Und der soziale Aspekt ist auch nicht zu unterschätzen. Es haben sich Mitfahrgemeinschaften gebildet, eine Kaffeehausgruppe und auch eine Kartenrunde. „Direkt vor der Tanzstunde wird da gemeinsam gespielt im Kaffeehaus, die müssen dann schauen, dass sie rechtzeitig zum Tanzen kommen, wenn noch ein Bummerl gespielt wird.“

Im August wurden die Ergebnisse einer Studie der Fachhochschule St. Pölten veröffentlicht. Senioren aus Wien und NÖ zwischen 60 und 80 Jahren wurden dabei befragt. Das Ergebnis: Wer mit anderen Menschen tanzt oder gemeinsam Sport macht, ist sozial aktiver als jemand, der „nur“ im Alltag aktiv ist. Die sozialen Kontakte werden durch wöchentliches Tanzen also sehr stark gestärkt und das schützt vor Depression, Isolation und Vereinsamung. Übrigens gibt es auch „Seniorentanz plus“. Das ist für die Senioren gedacht, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Es wird im Sitzen unterrichtet, etwa in Altersund Pflegeheimen. Das zeigt: Tanzen ist für wirklich jeden geeignet!

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