Apotheken als Versorger. NÖ-Apothekerkammer-Präsident Peter Gonda über die Gefahr von der Forderung nach Hausapotheken ohne Einschränkungen, neue Codes und mehr Aufgaben für Apotheker.

Von Christine Haiderer. Erstellt am 24. Dezember 2019 (05:49)
NÖ-Apothekerkammer-Präsident Peter Gonda warnt davor, was passieren würde, wenn öffentliche Apotheken verdrängt werden.
Carina Walter

NÖN: Welches Thema beschäftigt Niederösterreichs Apotheker dieses Jahr am meisten?
Peter Gonda: Die Plattform Einarztgemeinde, bestehend aus einem Anwalt, einem PR-Berater und ein paar davon profitierenden Ärzten, fordert, dass Ärzte in Einarztgemeinden Hausapotheken ohne Einschränkungen führen dürfen – als Anreiz für Ärzte, ländliche Ordinationen zu übernehmen. Aus meiner Sicht geht es hier ausschließlich ums Geld, statt um die Versorgung der Patienten.

Was würde passieren, wenn diese Forderung Realität wird?
Wenn diese Forderung auch nur annähernd erfüllt wird, dann sperren in Niederösterreich – vor allem in kleinen Gemeinden innerhalb kurzer Zeit – 40 bis 50 Apotheken zu. Was das bedeutet ist vielen nicht bewusst. Sie fragen sich nicht: Was wäre, wenn es keine flächendeckende Versorgung durch öffentliche Apotheken mehr gäbe? Wie wäre das dann für mich als Patient? Sie ersehen den Wert der Apotheken nicht. Eine flächendeckende Versorgung durch öffentliche Apotheken bedeutet, dass man überall im Land auf einen umfassenden Arzneimittelschatz zugreifen kann. Ohne öffentliche Apotheken ist das nicht der Fall.

Welche Folgen hätte eine Forderung wie die der Einarztgemeinde für die Kunden?
Zu allererst, dass man nur mit sehr wenigen Medikamenten statt mit allen zur Verfügung stehenden behandelt wird. Weiters: Arzneimittel am Wochenende, am Feiertag oder in der Nacht? Leider nein. Gleiches gilt für mindestens acht Wochen im Jahr – aufgrund einer geschlossenen Ordination, Urlaub usw. Und: Auch für frisch aus dem Spital Entlassene oder nach einem Ambulanzbesuch heißt es: Bitte warten!

Welche Auswirkungen hätte das für das Gesundheitssystem?
Ohne öffentliche Apotheken würden die Arzt- und Ambulanzbesuche um 20 bis 30 Prozent ansteigen. Denn: Bei einfachen Beschwerden gehen viele Kunden zuerst in die öffentliche Apotheke und suchen dort Rat. Und damit leistet die Apotheke einen wesentlichen Beitrag zur Entlastung unseres Gesundheitssystems. Voraussetzung dafür ist aber eine ausreichende und gleichmäßige Präsenz von Apotheken.

Was könnte das für Ärzte heißen?
Aus meiner Sicht würde das mit Sicherheit massive Änderungen die betrieblichen Auflagen von Hausapotheken betreffend bedeuten. Denn: Die Hausapotheke wird im Gesetz ausdrücklich als Notversorgungsapparat bezeichnet. Wird sie Teil der regulären Versorgung, dann müssen Hausapotheken auch ihre Sonderstellung verlieren und die gleichen Auflagen erfüllen wie öffentliche Apotheken. Sie müssten mindestens 125 Quadratmeter groß sein. Akademisch ausgebildete Pharmazeuten müssten sich um die Arzneimittel kümmern. Die Öffnungszeiten müssten mindestens 44 Stunden pro Woche betragen. Nacht und Bereitschaftsdienste werden von der Bezirkshauptmannschaft verordnet. Süchtige wären zu betreuen und so weiter.

Wie kommen Sie darauf?
Wettbewerbsverzerrung, Gleichheitsgrundsatz, Analogien zu verschiedenen anderen Gesetzen. Entscheiden würden das natürlich Gerichte in Wien und Brüssel.

Über die elektronische Gesundheitsakte ELGA können Ärzte, Spitäler und Apotheken auf Gesundheitsdaten von Patienten zugreifen. Eine Funktion ist die E-Medikation, in der die Medikamente, die ein Patient verschrieben bekommt, aber auch rezeptfreie, die er kauft, gespeichert werden. Was halten Sie von ELGA?
ELGA ist gut. Es bedeutet aber auch einen erheblichen Mehraufwand und Reibungsverluste in den Apotheken. Zum Beispiel: Unsere Computer brauchen sehr viel länger beim Einlesen der Rezepte. Die aufgedruckten Codes funktionieren manchmal nicht usw.

Und was gibt es sonst Neues?
Im Rahmen der Arzneimittelsicherheitsrichtlinie verfügen ab heuer alle Medikamentenpackungen über einen individuellen Code, mit dem ihr Weg von der Produktion bis zum Kunden nachvollzogen werden kann. Das System funktioniert überschaubar gut, Verbesserungen sind gefragt. Immer mehr Thema in der Bevölkerung wird Cannabidiol. Erhältlich ist es in diversen Shops. Besitzer und Verkäufer sind praktisch nie entsprechend ausgebildet und dementsprechend ahnungslos. Da es aber ab einer gar nicht so hohen Dosis bereits diverse arzneimittelähnliche Wirkungen gibt, wäre ein seriöser Umgang zu begrüßen.

Bald ist Neujahr. Was könnte die Zukunft für Apotheken bringen?
Apotheker führen auch Medikamenten-Checks und Screening-Projekte durch und begleiten Patienten bei ihren jahrelangen Therapien. International setzen immer mehr Länder darauf, Apotheken in die Betreuung der Patienten stärker einzubinden. Das entlastet das Gesundheitssystem. Auch in Österreich könnte die Betreuung in der Apotheke über die Versorgung mit Medikamenten weit hinaus gehen.