Jeder Vierte hat depressive Symptome. Kremser Studie bringt alarmierendes Ergebnis. Nachfrage nach Therapie ist gestiegen. ÖGK will Angebot ausbauen.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 17. Februar 2021 (05:49)
Trostlosigkeit beim Blick aus dem Fenster, Einschränkungen der sozialen Kontakte oder vielleicht sogar Job-Verlust: Die Zahl der Menschen, die unter depressiven Symptomen leiden, ist seit dem Frühling stark angestiegen.
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Angstzustände, Antriebslosigkeit, schlaflose Nächte: Corona schlägt sich bei vielen aufs Gemüt. Für die Vorsitzende des Landesverbands für Psychotherapie, Maria Werni, zeigen sich „immer mehr Kollateralschäden durch die Corona-Maßnahmen.“ Dass es um die Psyche der Menschen zunehmend schlechter steht, untermauert auch eine repräsentative Studie der Donau-Uni Krems: Schon im April, Juni und September zeigte sich ein Anstieg depressiver Symptome, Ängste und Schlafstörungen. In der dunklen Jahreszeit habe sich die Lage noch einmal verschlechtert.

Maria Werni warnt, dass sich viele psychische Probleme erst zeitverzögert zeigen werden.
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Ein Viertel der Österreicher leidet der Studie zufolge mittlerweile unter depressiven Symptomen. Bei den Jungen ist es jeder Zweite. 23 Prozent der Menschen haben Angstsymptome, 18 Prozent Schlafstörungen. Die Anzahl der schweren depressiven Fälle hat sich seit dem letzten Jahr verzehnfacht. Stark betroffen seien Frauen, Arbeitslose und Alleinstehende. „Die Ergebnisse sind alarmierend“, sagt Studienautor Christoph Pieh.

Hilfe zu bekommen ist aber gar nicht so einfach. Wer sich auf eigene Kosten an einen Therapeuten wendet, zahlt dafür teilweise über 100 Euro die Stunde. „Die meisten, die sich jetzt melden, haben auch noch finanzielle Probleme, gestiegen ist deshalb vor allem die Nachfrage nach Kassenplätzen“, weiß Werni. Von den 1.700 Therapeuten in NÖ können aber nur 260 einen solchen anbieten.

Bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) wurden 2019 in NÖ 12.056 Menschen mit Leistungen in dem Bereich versorgt. Insgesamt habe die ÖGK 167.250 Stunden Psychotherapie abgerechnet. Das entspricht umgerechnet 14.000 Menschen, die einmal pro Woche professionelle Hilfe in Anspruch nehmen können. „Das Stundenkontingent wurde in den letzten Jahren von 2017 bis 2020 um rund 15 Prozent erhöht“, sagt ÖGK-Arbeitnehmer-Obmann Andreas Huss.

Nun soll es noch einmal um 45.000 Stunden pro Jahr aufgestockt werden. Insgesamt soll in NÖ, wie ein Sprecher betont, Psychotherapie auf Kassenkosten um ein Drittel erweitert werden. Viele notwendige Verbesserungen könne die Sozialversicherung aber nicht alleine bewerkstelligen, meint Huss: „Von der Regierung braucht es Initiativen für den Ausbau der Versorgung durch Kinderpsychiater sowie die Möglichkeit einer besseren Einbindung von Psychologen.“

Die Befragungen zur Studie wurden vor dem Jahreswechsel gemacht. Danach kam noch ein harter Lockdown. Werni hofft nun vor allem durch die Wiederöffnung der Schulen auf erste Besserung. Entwarnung gibt sie aber keine: „Seelisch haben wir vermutlich noch nicht einmal den Höhepunkt erreicht, denn manches zeigt sich erst zeitverzögert.“