Ist eine Pflegelehre sinnvoll?

Um die akute Pflegenot zu lindern, will die Regierung nach Schweizer Modell den Lehrberuf „Pflegeassistenz“ einführen. Was haltet ihr von diesem Schritt? Stimmt ab!

Erstellt am 11. November 2021 | 05:00
Pflege Medizin Symbolbild
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Foto: Kzenon/Shutterstock.com

Pro: Jana Bockholdt, Obfrau der NÖ-Gesundheitsbetriebe

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Jana Bockholdt
privat

„Der Lehrberuf Pflege ist eine Möglichkeit, Menschen direkt nach Ende der Schulpflicht für diesen schönen und sinnvollen Beruf zu begeistern. Im Konzept der WKÖ sollen die Jungen in den ersten beiden Lehrjahren behutsam an den Beruf herangeführt und intensiver als bisher von speziell geschulten Pflegekräften begleitet werden. Sie erlernen wohnortnah ihren Beruf. Kleinere Unternehmen wären in der Lage, dringend benötigte Pflegekräfte selbst auszubilden.

Die derzeitige Ausbildung zur Pflegeassistenz dauert ein Jahr, die zur Pflegefachassistenz zwei Jahre. Mit einem drei- bzw. vierjährigen Lehrberuf könnte die Ausbildung qualitativ deutlich intensiviert werden. Die Lehrlinge bekämen auch ein Entgelt, das es in den jetzigen Ausbildungsformen nicht gibt. Wir sollten den Jungen, die für den Pflegeberuf geeignet sind, viele Wege öffnen, um in die Pflege einzusteigen. Denn so vielfältig wie der Beruf ist, so vielfältig sind die Menschen, die ihn ergreifen.

Kontra: Karl Streicher, Landesvorstand der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst

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Karl Streicher
privat

Die Pflegelehre ist nicht die Antwort auf die Versorgungskrise. Viele Fragen tun sich dabei auf: Welcher Pflegeberuf würde durch die Lehre erworben werben? Pflegeassistenz oder Pflegefachassistenz?

Beide Berufe sind derzeit gesetzlich mit kürzeren Ausbildungen verankert. Die Antwort für den Beginn einer Ausbildung sofort nach der Pflichtschule ist aus meiner Sicht die BHS für Sozialberufe und Pflege. Es laufen einige Pilotversuche etwa in Gaming. Die Ausrollung muss schneller erfolgen.

In der EU und der WHO gibt es ein Übereinkommen, dass die therapeutische Arbeit am Menschen erst ab 17 Jahren beginnen soll. Der Grund ist, dass der Umgang mit kranken, multimorbiden und sterbenden Menschen bei zu jungen Pflegenden zu negativen emotionalen Ausnahmezuständen führen kann. Die Gesundheits- und Krankenpflegeschulen haben die Pflegekräfte bisher top ausgebildet und werden das auch künftig, sofern es genügend Angebot dafür gibt.

Pro: Christian Rab, SeneCura-Regionaldirektor Niederösterreich und Wien

Christian Rab
Christian Rab
SeneCura/Stefanie J. Steindl

Ergänzend zu den vorhandenen Ausbildungen im Pflegebereich befürwortet SeneCura eine Pflegelehre. Der Beruf der Pflegeassistenz kann dabei im dualen System in drei Jahren bewältigt werden.

Wenn die Ausbildung für Pflegeberufe wie derzeit erst nach Vollendung des 17ten Lebensjahres begonnen wird, gehen viele interessierte junge Menschen für diesen Beruf verloren.

Wie Erfahrungen aus der Schweiz, wo SeneCura ebenfalls tätig ist, zeigen, ist die Pflegelehre eine gute Möglichkeit für den Einstieg junger Menschen in die Pflege. Sie dient oft als Basis für eine Karriere bis hin zum universitären Studium.

Die Ausbildung muss natürlich auf die Situation junger Menschen abgestimmt werden: Am Anfang steht die Theorie im Vordergrund sowie hauswirtschaftliche und betreuerische Tätigkeiten. Erst ab Vollendung des 17. Lebensjahres dürfen die Lehrlinge dann auch pflegerische Tätigkeiten übernehmen.

Kontra: Thomas Windhaber vom Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegverband

Thomas Windhaber
Thomas Windhaber
privat

Mit der Pflegelehre soll ein zusätzlicher Weg in die Pflege führen. Es stellt sich die Frage, ob dieser Kraftakt nicht an anderer Stelle besser investiert ist. Pflegende begleiten Menschen in Ausnahmesituationen über die gesamte Lebensspanne. Deshalb kann der Einstieg in die Pflege mit 15 Jahren durchaus zu früh sein.

Die Pflegelehre ist auch keine Lehre im klassischen Sinn. Statt der parallelen Vermittlung von Theorie und Praxis folgt beides aufeinander. Das ist nicht im Sinne einer dualen Ausbildung. Unklar ist der Ausbildungsweg und -ort in Theorie und Praxis. Es fehlen die Berufsschulpädagog*innen.

Es fehlen die speziell ausgebildeten Praxisanleiter*innen. Oder wird erwartet, dass die Kolleg*innen in der Praxis das nebenbei machen? Die Pflegelehre bringt eine zu hohe Ausbildungslast mit sich. Dafür haben wir derzeit weder Kraft noch Ressourcen.

Pro & Kontra: Pflegelehre

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