„Es ist nicht immer alles schrecklich“. Verena Tatzer setzt sich als Forschende und Lehrende an der FH Wiener Neustadt mit dem respektvollen Umgang mit Demenz- Betroffenen auseinander. Sie weiß: Ein Umdenken im Miteinander ist nötig.

Von Bettina Kreuter. Erstellt am 22. Februar 2018 (08:56)
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Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Betreuung und Pflege im Alter. Braucht es viel Unterstützung, werden Heime oft Thema.

NÖN: Betrifft Demenz nur Ältere?

Verena Tatzer: Nein, sie kann auch junge Menschen treffen. Manche Demenzformen treten bei Menschen ab 50, die noch im Arbeitsleben stehen, auf. Für sie ist es besonders schwer, eine gute Diagnose zu bekommen. Der Leistungsabfall in der Arbeit wird oft mit einer Depression verwechselt.

Wie erkenne ich selbst erste Anzeichen?

Tatzer: Häufig ist das Verwenden von Alltagstechnologie wie das Bedienen von Herd, Bankomat oder Mobiltelefon schon früh ein Problem. Man verläuft sich vielleicht auch oder verfährt sich mit dem Auto. Schätzungen aus den USA gehen davon aus, dass viele Geisterfahrer mit einer Demenz sich verfahren. Damit gefährden sie sich und andere.

Welche Hilfestellungen sind hier wichtig?

Tatzer: So früh wie möglich eine kompetente Diagnosestellung zu erhalten. Sobald diese vorliegt, braucht es Unterstützung und Therapie für die ganze Familie. Wer über die Diagnose spricht, kann ein Netzwerk von Unterstützern aufbauen. Wenn z. B. die Kassiererin im Supermarkt weiß, dass Frau Mayer eine Demenz hat und vergisst zu zahlen. Als Gesellschaft müssen wir positivere Umgangsweisen mit alten und hochbetagten Personen mit kognitiven Einschränkungen finden – es ist nicht alles schrecklich.

Man kann ein gutes Leben mit Demenz haben – hier sind die Entwicklungen zu demenzfreundlichen Kommunen gemeinsam mit dem Ausbau der Gesundheits- und Sozialleistungen wichtig.

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Wird sich Demenz irgendwann verhindern lassen?

Tatzer: Demenz ist nicht heilbar und aus heutiger Sicht auch nicht primär verhinderbar. Schätzungen gehen aber davon aus, dass etwa ein Drittel der Demenzfälle bereits heute vermieden werden könnten – über die veränderbaren Risikofaktoren und gezielte Gesundheitsförderung.

Welche sind das?

Tatzer: Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Hörverlust sind Faktoren, auf die ich Einfluss nehmen kann. Wichtig sind Bildung, Bewegung und soziale Bindungen. Soziale Aktivitäten scheinen wirklich einen schützenden Effekt zu haben. Auch Depressionen gehören behandelt.

Sie sind Lehrende am Bachelorstudiengang Ergotherapie: Wie hängen Ergotherapie und Demenz zusammen?

Tatzer: Ergotherapie findet Wege, wie Menschen mit Demenz trotz ihrer Einschränkungen für sie sinnvolle Aktivitäten durchführen können.

Es gilt, Angehörige zu beraten und das Umfeld und Aktivitäten an die veränderten Fertigkeiten anzupassen. Helfen kann man mit kleinen Veränderungen, wie das Beispiel Küche zeigt: Menschen mit Demenz haben oft Schwierigkeiten, die notwendigen Gegenstände zu suchen und zu finden. Bei Kästen mit Glastüren sieht man gleich, was darin ist.

Ergotherapeutinnen erheben Probleme und Stärken in der Durchführung von Aktivitäten – das ist eines der Leitsymptome einer Demenz, deshalb sollte hier früh eine Zuweisung passieren. Ergotherapeutinnen sollten mehr einbezogen werden, auch zur Unterstützung der Alltagsgestaltung, zuhause und in Institutionen. Es ist ein multiprofessioneller Ansatz gefragt – man muss zusammenarbeiten! Hier sehe ich großen Handlungsbedarf in Österreich – sowohl in der Unterstützung der bereits Betroffenen und ihren Angehörigen als auch im Bereich der Gesundheitsförderung.

Wie kann das unter anderem funktionieren? Was kann man etwa tun?

Tatzer: Das Aktivitätsangebot in Einrichtungen muss verändert werden und mehr den Bedürfnissen der Personen angepasst werden. Wenn Aktivitäten zu schwierig sind, dann machen sie auch keinen Spaß. Hier ist noch viel Entwicklungsarbeit in Österreich nötig, da die Gruppe schnell wächst.

Bereits vorhandenes Wissen über die Förderung von Aktivität und Partizipation bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz sollte auf österreichische Verhältnisse angepasst werden. Bedeutungsvollen Betätigungen sollte mehr Aufmerksamkeit in den Routinen der Langzeitpflege mit Menschen mit Demenz geschenkt werden.

Was sind die neuesten Erkenntnisse Ihrerseits im Bereich Demenz?

Tatzer: Bei meiner Dissertation habe ich gesehen: Die Fähigkeiten von Menschen mit mittelschwerer und schwerer Demenz in der Langzeitpflege werden oft unterschätzt. Es war den Teilnehmenden mit fortgeschrittener Demenz möglich, auf kreative Art Betätigungen und Geschichten zu nutzen, um Identität und Sinn in ihrem Alltag zu generieren. Sie unterstützen sich gegenseitig. Unter großen Anstrengungen und mit kreativen Mitteln versuchen sie, Identität und soziale Rollen aufrechtzuerhalten oder zu kreieren. Scheinbar triviale Aktivitäten, wie rasieren oder mit der Tochter spazieren gehen, waren mit hoher individueller und symbolischer Bedeutung versehen.

FH Wiener Neustadt

Wie begegne ich einem Menschen mit Demenz?

Tatzer: Auch Personen mit schwerer Demenz sind sich ihrer Probleme bewusst und leiden darunter – hier müssen wir sensibler mit diesen verletzlichen Menschen umgehen.

Dabei sind Verhaltensweisen, die Menschen ohne Demenz häufig nicht verstehen, oft ein schlauer Weg, um mit der Behinderung umzugehen.

Ein Beispiel: Eine Frau erzählte immer Geschichten von ihrem Mann. Je nachdem, wie die Geschichte ausging, gab sie Einblick in ihr Erleben – mal ein Happy End, mal ein Zustand von Warten.

Man muss daher aufpassen mit dem Label „Verhaltensstörungen“ – oft ist das Verhalten in der Situation sinnvoll.