Zecken sind Klimawandel-Gewinner. Mediziner beobachten mehr Borreliose-Erkrankungen. Zecken profitieren von milden Wintern - und Outdoor-Naturfreunden.

Von Norbert Oberndorfer. Erstellt am 21. April 2021 (05:15)
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Jeder fünfte Ostösterreicher hat schon einmal mit Borrelien Kontakt gehabt- infiziert durch einen Zeckenstich. Rudolf Buchinger aus Langmannersdorf (Bezirk St. Pölten-Land) ist einer davon. Nach einem schweren Arbeitsunfall erkrankte er plötzlich an Borreliose. „Die hat mein Nervensystem zusammengehaut und mich bis zur Pflegestufe sieben gebracht. Ich habe keine Ahnung, wann ich mich infiziert habe“, sagt Buchinger. Mittlerweile kann er wieder Auto und Rad fahren. „Ich war Leistungssportler: Geht nicht, gibt’s da nicht.“

Borreliose verursacht in 80 Prozent der Fälle eine kreisförmige Rötung um die Einstichstelle (Wanderröte). In seltenen Fällen kommt es auch zu einer Gesichtslähmung, Nervwurzel-Entzündung, Herzmuskel-Störungen oder Gehirnhautentzündung. Die Ansteckungsgefahr lauert in Strauch, Wiese oder auch am eigenen Hund, der im Frühjahr vom Herbst-Laubhaufen in das Haus rennt und von den Kindern gehalst wird: Zecken. Sie werden bei sieben Grad aktiv und sind Überlebenskünstler.

Primar Robert Mühlegger: „Borreliose ist seit 30 Jahren in Österreich gut diagnostiziert und behandelbar.“
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„Die Häufigkeit von Borreliose nimmt seit Jahren zu. Das liegt am Klimawandel: Milde Winter, mehr Eicheln und Nagetiere als Primärwirte befördern die Vermehrung der Zecken“, sagt Robert Mühlegger, Primar an der Dermatologie am Klinikum Wiener Neustadt.

Dennoch ist das Risiko, an einer Borreliose zu erkranken, um ein Vielfaches geringer als sich mit Frühsommer-Meningoenzephalitis, FSME, anzustecken. Im Vorjahr gab es mit 215 FSME-Fällen (2019: 108; 2018: 154 Fälle) in ganz Österreich einen neuen Rekord. Für 2021 erwartet die Veterinärmedizinische Uni Wien nur ein durchschnittliches Zeckenjahr. Bis zu 30 Prozent der Zecken in Ostösterreich sind mit Borrelien infiziert. Das Ansteckungsrisiko liegt aber nur bei zwei bis acht Prozent.

„Die Wahrscheinlichkeit einer FSME-Ansteckung liegt bei bis zu 30 Prozent, obwohl nur maximal ein Prozent aller Zecken den FSME-Erreger in sich tragen“, sagt Mühlegger. Das liege an dem Sitz der Krankheitserreger in der Zecke und damit der Geschwindigkeit einer eventuellen Übertragung: FSME-Viren befinden sich in den Speicheldrüsen, Borrelien-Bakterien hingegen im Darm-Trakt.

Quelle: www.zecken.de; Foto: Erik Karits; NÖN-Grafik: Hammerl

Dass Borrelien sich im Körper einnisten und später krank machen - wie in Buchingers Fall -, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. „Es gibt eine anhaltende Diskussion darüber, ob es eine chronische Lyme-Krankheit, verursacht durch eine persistierende Borrelieninfektion, tatsächlich gibt.“ Eine Behandlung durch Antibiotika ziehe jedenfalls keine Spätfolgen nach sich, „außer vielleicht selten Gelenkschmerzen, die nach höchstens einigen Monaten wieder ganz verschwinden“, sagt Mühlegger.

Buchinger gründete 2017 eine Selbsthilfegruppe für Borreliose-Erkrankte zum Austausch und zur Hilfe. „Jede zweite Anfrage an mich dreht sich um Ärzte, die zuhören und sich auskennen.“ Viele Kassenärzte könnten aus Zeitmangel nicht „so genau hinschauen.“ Dadurch werde die Erkrankung oft nicht erkannt, „weil andere Probleme im Vordergrund stehen“, sagt Buchinger. Dass Borreliose derart hochgejazzt wird, ist für Mühlegger unverständlich. „Es gibt kaum eine andere Krankheit, die so emotional und fehlinterpretiert derartig hysterisch im Internet besprochen wird.“ Borreliose sei seit 30 Jahren gut diagnostiziert und behandelbar.

Primäre Prophylaxe: Zeckensuche am Körper

Nach Naturaufenthalt sollte man den Körper nach Zecken absuchen und sie rasch entfernen. Klebstoff, Öl, Feuer sind dabei absolut tabu. Das Entfernen mit Pinzette ist möglich, die Zecke kann aber so zerreißen. Mühlegger empfiehlt daher, mit einer Rasierklinge oder Einwegrasierer die Zecke abzurasieren und dann die Haut zu desinfizieren. Der Stachel bleibt dabei zwar stecken, enthält aber zu wenig Erreger für eine Erkrankung und wird innerhalb weniger Tage vom Körper abgestoßen. Eine FSME-Erkrankung lässt sich mit einer Impfung verhindern. Gegen Borreliose gibt es diesen Schutz jedoch nicht.