Architektin Julia Zillinger gestaltet "Nester zum Wohlfühlen"

Erstellt am 10. März 2022 | 04:52
Lesezeit: 7 Min
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Ob Kreativinput oder Komplettlösung – Julia Zillinger liebt innovative und individuelle Ideen.
Foto: kunst-fotografin.at
Bei Architektin Julia Zillinger alias „buntervogel“ steht der Mensch im Mittelpunkt. In Eichgraben und in Wien berät sie ihre Kunden mit ungewöhnlichen Denkansätzen zu ökologischem Wohnen und maßgeschneiderten Konzepten.
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NÖN: Sie bezeichnen sich selbst als Idealistin, Künstlerseele und Freigeist. Wie äußert sich das in Ihrer architektonischen Arbeit? 

Julia Zillinger: Als Architektin muss man einen gewissen Idealismus haben. Und es ist wichtig, in diesem Beruf Neues auszuprobieren, da eckt man gerade zu Beginn gerne mal an. Aber wenn man eine Idee hat, dann muss man auch daran glauben. Das ist auch ein Grund, warum ich als „buntervogel“ den Weg in die Selbstständigkeit gewagt habe. Die Künstlerin in mir kommt im Entwurfsprozess zum Vorschein, wenn also das weiße Papier vor mir liegt. Der Schaffensprozess ist ganz unterschiedlich, mal arbeite ich durch, mal brauche ich mehrere Nachmittagsschläfchen, um die Kreativität anzufachen. Und wenn in der Nacht die zündende Idee kommt, stehe ich auch wieder auf und setze mich an den Schreibtisch. Letztlich sind Häuser auch Skulpturen in der Landschaft. Ich hoffe, dass, wenn man sich meine Häuser in der Landschaft anschaut, man die Liebe zu den Linien erkennen kann.

Sie haben an der New Design Unversity im Studium Innenarchitektur unterrichtet. Was sollen angehende Architekten und Innenarchitekten beherrschen?

Zillinger: Ich selbst habe an der TU Wien studiert und fand es schön, wie weit gestreut die vermittelten Inhalte waren. Es ist wichtig, dass man während der Uni Luftschlösser bauen kann und die Möglichkeit zur Entfaltung hat. Ich habe an der New Design University unterrichtet, weil es mir wichtig war, die Studierenden darauf vorzubereiten, was auf sie zukommt. Junge Architekten dürfen sich nicht entmutigen lassen – schon gar nicht Frauen.

Auf die Aspekte Mensch und Holz, Innovation und Ökologie legen Sie besonderen Wert. Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem alle Bereiche ineinanderfließen?

Zillinger: Beim Bauen mit massivem Holz fließt das sehr gut ineinander. Holz erfüllt für den Menschen relativ viele Funktionen, nicht nur im Innenraum, sondern auch in der Außenhülle. Es trägt zur Regulierung von Feuchtigkeit bei, das Raumklima wird beeinflusst, es wirkt viel auf den Organismus des Menschen, Gerüche werden gebunden und vieles mehr. Es geht stark um das Wohlfühlen. Das ist ein Parameter in der Bauwirtschaft, der zu wenig berücksichtigt wird meiner Meinung nach. Holz hat viel Unbekanntes, und das Unbekannte hat viel Potenzial, meinte einmal ein Professor an der TU Wien.

Die Individualität mit einzubeziehen ist Ihnen wichtig. Worauf schauen Sie bei Beratungsgesprächen mit (angehenden) Kunden besonders?

Zillinger: Ich komme immer gleich zum Corpus Delicti, ich treffe mich gerne mit dem Bauherren dort, worum es geht. Ich kann gut wahrnehmen, das sage ich über mich selbst. Ich stelle am Anfang sehr viele Fragen, etwa zum Tagesablauf der Person, und ich höre auch ganz genau zu. Dann sieht man eh ganz schnell, was Sache ist. Wenn die Chemie stimmt und die Sympathie passt, beginnt es in mir zu arbeiten im kreativen Anteil. Ich arbeite an Häusern für bestimmte Menschen, also an individuellen Lösungen, da muss das Verständnis füreinander da sein.

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„Hub3“ der Architektin Julia Zillinger vereint drei Generationen auf einem Grundstück – und das mit einem Hang zu Individualität.  
Foto: kunstfotografin.at

Wie schafft man sich einen gesunden Wohnraum? 

Zillinger: Gesundheit hat sehr viel mit Wohlbefinden zu tun, Im Bestand kann man nicht viel Grundlegendes verändern, aber Kleinigkeiten bringen dennoch viel. Ich gebe gerne als Tipp, den Fokus auf Materialechtheit, also Plastik ist Plastik und Holz ist Holz, zu legen. Ich halte nicht viel von Dekormöbeln. Wenn man nicht die Möglichkeit hat, auf einen Baum zu schauen, dann gibt es eine Studie, die besagt, dass auch die Natur auf Bildern schon für Ruhe und Wohlbefinden sorgt. Daher: Mehr Bilder aufhängen! Und zusätzlich schadet auch ein wenig Ausmisten nie. So bekommt man mehr Struktur und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Sie achten bei Ihrer Arbeit besonders auf die emotionale Wirkung von Materialien, Formen und Farben. Können Sie Beispiele geben, wie sich diese Sachen auf das Wohlbefinden auswirken? 

Zillinger: Beim Neubau hat man da eine große Auswahl an Möglichkeiten, etwa mit gediegenen, natürlichen Farben zu arbeiten, obwohl es nicht immer Beige und Weiß sein muss. Ich lasse mir Farbmuster machen und stelle mir das wo hin, wo ich oft vorbeigehe, und dann merke ich, ob ich die Farben auch langfristig mag. Farbe ist auf jeden Fall sehr sehr subjektiv.  Es muss nicht immer sein, dass es für Kinder quietschbunt sein muss. Wenn ich viele schwarze Elemente habe, dann neutralisiere ich den Fensterrahmen.  Bei den Formen nehme ich gerne Rundungen, das entspricht dem Menschen am ehesten.

Auch Kiefernholz hat eine angenehme Wirkung, wie Sie wissenschaftlich untersucht haben. Können Sie das genauer erläutern? 

Zillinger: „FEHRA“ war ein Kooperationsprojekt, bei dem sechs wissenschaftliche Institute und 20 Unternehmen das Kiefernholz und dessen nachhaltige Verwendung untersucht haben. Bei diesem Projekt war wirklich der ganze Zyklus vom Förster bis zur Säge über den Hersteller bis hin zur Architektin spannend. Kiefer hat nämlich noch deutlich mehr Inhaltsstoffe als andere Holzarten. Auch die antibakterielle Wirkung von Kiefern wurde untersucht. Da gäbe es noch so viel zu forschen, aber leider ist das Projekt abgeschlossen, hoffentlich aber nicht für immer.

Beim Projekt „Alice“ wurde eine Altbauwohnung zum Prinzessinnenrefugium. Was waren da die Herausforderungen?

Zillinger: Die Bauherrin ist eine Rokoko-Liebhaberin. Diese Liebe habe ich zwar nicht geteilt, aber ich habe versucht, ihre blumigen Ideen in Bahnen zu lenken. Jedes Zimmer sollte eine andere Farbe haben, weswegen viel Zeit in die Farbauswahl geflossen ist, denn man kann recht schnell in die falschen Farbkübel greifen. Es war ein Anspruch auch an eine gewisse Technik da, denn Modernität sollte nicht in Konkurrenz zu den Antiquitäten gestellt werden. Eine große Herausforderung und ein spannendes Erlebnis zugleich war die Verwendung einer seidenbesetzten Tapete aus England. Aber es gibt ja keine Probleme, sondern nur Lösungen.

Bei „Hub3“ wohnen nicht nur mehrere Generationen in einem Haus, auch die Materialien sind ganz gemischt. Was war das Besondere an diesem Projekt? 

Zillinger: „Hub3“ war ein absolutes Herzensprojekt von mir, nicht nur weil es sich in meinem Wohnort Eichgraben befindet. Es ist schön, wenn man ein Generationenwohnen begleiten und sehen kann, dass es wirklich funktioniert. Die Hanglage, Barrierefreiheit, Rückzugsorte und die Begrünung waren hier Themen, die mich sehr beschäftigt haben. Besonders anhand der Fassaden kann man sofort gut erkennen, dass hier Gemeinsamkeit und Individualität unter zwei Dächern vereint sind.

Auch Ihr eigenes Atelier ist noch im Umbau. Was tut sich da momentan? 

Zillinger: Die Arbeiten an meinem Atelier in Eichgraben sind schon weiter fortgeschritten, nur im Innenraum sind noch einige Dinge zu tun. Das hat den Grund, dass mein eigenes Projekt immer das letzte ist, wofür ich Zeit habe. Ich gebe mir selbst noch Raum und will Sachen erst im Wohnen entscheiden. Ich will Zeit haben, gewisse Möbel selbst zu bauen. Das bin ich als Mensch, nicht als Architektin. Da hängt dann auch mal eine russische Lampe, weil die perfekte Lampe noch nicht zu mir gefunden hat. Distanz ist beim Arbeiten wichtig, und die habe ich natürlich bei mir selbst sehr wenig.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft – für das Bauen und für sich?

Zillinger: Ich wünsche mir wieder mehr Freiheit, Ehrlichkeit und Einfachheit im Bauen. So vieles ist überreglementiert, alle zwei Jahre kommen Novellen in der Bauordnung, und ich bin nun mal ein Freigeist – und schließen führen viele Wege nach Rom. Viele Dinge und Ansätze sind sehr komplex, aber gerade wenn man an die Rückführung von Gebäuden denkt, braucht es mehr Einfachheit. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Ressource Holz steht ebenfalls auf meiner Wunschliste für die Menschheit. Für mich selbst wünsche ich mir, dass „buntervogel“ weiterhin Anklang findet und ich noch mehr Nester zum Wohlfühlen für meine Kunden planen kann. Und ich möchte es weiterhin ein bisschen anders machen als andere.

www.buntervogel.eu

 

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Foto: NÖN

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