Erstellt am 11. März 2018, 04:57

von NÖN Redaktion

Technik in Gebäuden: „Keep it simple & stupid“. Wie viel Technik braucht ein Gebäude? Rudolf Passawa, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Bauklimatik und Gebäudetechnik an der Donau-Universität Krems, im Gespräch über Gebäudetechnik und deren Nutzung für das EU-Bestreben, den Energiebedarf und -verbrauch von Gebäuden zu optimieren.

Rudolf Passawa erarbeitet an der Donau-Universität Krems Studien, die die NÖ Wohnbauförderung betreffen.  |  NOEN, Andrea Reischer

NÖN: Sie sind wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Zen-trum für Bauklimatik und Gebäudetechnik an der Donau-Universität Krems. Woran arbeiten Sie aktuell?

Rudolf Passawa: Wir arbeiten unter anderem an Projekten, die die NÖ Wohnbauförderung betreffen. So haben wir Ende 2017 eine Studie abgegeben, wie zukünftig Förderungen zu Eigenheim und Wohnbau gestaltet werden können.

Was bedeutet das konkret?

Passawa: Unsere Aufgabe ist es, die von der EU-Kommission vorgegebenen OIB-Richtlinien [Anm.: OIB-Richtlinien dienen der Harmonisierung der bautechnischen Vorschriften] für den Praxisgebrauch in Niederösterreich zu übersetzen.

Das Ziel der EU-Gebäuderichtlinien für 2020 ist, vereinfacht gesagt, dass Neubauten jene Energie, die für den Betrieb gebraucht wird, auch selbst zu erzeugen bzw. in näherer Umgebung lokal zur Verfügung zu stellen haben. Das erklärte Ziel ist also Energiebedarf und -verbrauch zu optimieren. Wir haben uns in der Studie damit auseinandergesetzt, mit welchen Anforderungen ein Fördermodell darauf aufgebaut werden kann.

Das erklärte Ziel zukünftiger Neubauten ist, Energiebedarf und -verbrauch zu optimieren. Wie viel an Gebäudetechnik notwendig ist, um dieses Zielbestmöglich zu erreichen, entscheidet sich schon bei der Planung der Gebäudehülle und der Wahl des Heizsystems.  |  NOEN, Stock-Asso / Shutterstock.com

Was bedeutet das für zukünftige Wohnbauförderungen?

Passawa: Die Wohnbauförderung hat die Energieeffizienz eines Gebäudes gefördert, indem sie immer ein wenig strenger war als die Bauordnung. Generell werden die Förderkriterien immer mit dem Energieausweis abgestimmt, der in den vergangenen Jahren immer ambitionierter wurde und noch ambitionierter werden wird. Ziel der EU-Vorgabe lautet künftig, bei Neubauten ausschließlich auf erneuerbare Energie zurückzugreifen. Fossile Brennstoffe sind in der Wohnbauförderung jetzt schon gemäß den Niederösterreichischen Klimaschutzzielen nicht zulässig.

Welche Anforderungen muss künftig ein Gebäude erfüllen?

Passawa: Die Heizwärmebedarfsanforderungen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich ambitionierter geworden. Die Anforderungen an die Gebäudehülle – Fassade, Dach, Fenster, Bodenplatte – wurden und werden immer strenger. Das Passivhaus war Vorreiter und hat diese Kriterien vorweggenommen. Jetzt geht es in die Richtung, dass mit einer immer besser gedämmten Gebäudehülle gebaut werden muss.

Welche Möglichkeiten gibt es, diese Anforderungen an den Heizwärmebedarf zu erfüllen?

Passawa: Der Gesamtenergieeffizienzfaktor eines Gebäudes – die Effizienz der Gebäudehülle und des Wärmebereitstellungssystems – wird als Ganzes beurteilt. Dazu gibt die OIB-Richtlinie 6 dem Bauherren zwei Möglichkeiten vor. Zum einen die optimierte Gebäudehülle, wie es für das Passivhaus eigentlich schon vorgegeben war: viel Wärmedämmung, sehr gute Fensterqualität und so gut wie keine Wärmebrücken. Es wird noch wenig Energie zur Wärmebereitstellung benötigt.

Die andere Möglichkeit ist die gemäßigte Heizwärmebedarfsanforderung, bei der man – einfach formuliert – einfacher bauen kann. Sich also bei der Planung nicht so sehr auf die Optimierung der Gebäudehülle konzentrieren muss, dafür aber das Wärmebereitsstellungssystem genauer überlegen muss.

Ist die Arbeit für Baumeister dadurch komplizierter geworden?

Passawa: Sie ist vor allem komplexer geworden. Ein guter Planer ist heute mehr gefordert als vor zwanzig Jahren. Doch jeder, der das System Energieausweis kennt, weiß, dass das nicht mehr kompliziert ist, weil das Instrument Energieausweis schon so durchdacht und perfektioniert wurde, dass ich mit wenigen Klicks mehrere Varianten einfach durchrechnen kann.

Wie viel kostet das alles?

Passawa: Nicht nur Energie- und ökologische Effizienz ist eine Vorgabe der EU, sondern auch Kostenoptimalität. Das bedeutet, dass es im Betrachtungszeitraum – bei der Anfangsinvestition, aber vor allem auch im Gebäudebetrieb während der gesamten Nutzungsdauer – am wenigsten kostet. Wir haben nachgerechnet und nachgewiesen, dass das, was wir jetzt schon können, um die haustechnischen Anforderungen zu erfüllen, locker erreichen, ohne das

auf den Preis aufschlagen zu müssen. Weil die gestellten Anforderungen nichts Neues mehr sind, sondern jetzt schon Stand der Technik sind.

Wie funktioniert die Anhebung der Energieeffizienz bei alten Gebäuden?

Passawa: Die Vorgehensweise ist dieselbe, aber die Kriterien sind nicht so streng, sondern angepasst an dem, was vorliegt. Der Energieausweis für Altbauten muss dabei Vorschläge enthalten, wie man die Gebäudehülle und die haustechnische Einrichtung verbessern kann.

Ganz allgemein: Wozu braucht man Technik bei Gebäuden?

Passawa: Wärmepumpen sind Technik, eine Pelletsheizung ist Technik. So wie ein Auto benötigt auch ein Gebäude Technik. Aber das ist bereits Stand der Technik. Das zu optimieren und dabei nicht zu teuer und nicht zu komplex zu werden, das ist aktuell die Herausforderung.

Wie viel Technik ist für ein Gebäude ausreichend?

Passawa: Zwei Schlagworte: keep it simple and stupid. Zum einen, wir brauchen Technik, aber sie soll natürlich so einfach wie möglich sein. Die Herausforderung ist, nicht alles in ein Gebäude zu packen, was technisch möglich wäre. Wenn ein Einfamilienhaus Passivhaus-Standard erreichen möchte, bedeutet das eine optimierte Gebäudehülle, wodurch die Haustechnik gleichzeitig minimiert wird, da nur ein kleindimensioniertes Heizsystem benötigt wird. Wird darüber hinaus weitergehende Energieautarkie angestrebt, ist ein zusätzliches System, zum Beispiel eine Solar- oder Photovoltaikanlage, nötig.

Wie viel Technik darf ein Gebäude überhaupt haben?

Passawa: Das ist ein philosophisches Thema. Das muss jeder für sich entscheiden. Ein Mindestmaß an Technik wird benötigt, um die heutigen Anforderungen an ein modernes Gebäude zu erfüllen, allerdings wenn genau überlegt wird, was zielführend ist, kann ich Kosten minimieren. Das ist die Wahlmöglichkeit, die der Bauherr selber hat.

Wie fehleranfällig ist Gebäudetechnik?

Passawa: Natürlich, wenn man Technik hat, ist man auch vor Störungen und Fehlern nicht gefeit. Jedes technische System benötigt Wartung und Aufmerksamkeit. Aber in dem Augenblick, wo ich Technik so einfach wie möglich halte und minimiere, ist auch die Gefahr, dass etwas passiert, geringer.

Wie begegnen die Niederösterreicher dem Thema Gebäudetechnik?

Passawa: Ganz unterschiedlich. Es gibt beispielsweise immer noch Vorbehalte gegen die Lüftungsanlage, aber durch gute Beratung erkennen viele, dass der Komfortgewinn ein sehr großer ist. Bauherren gelangen oft zu Passivhaus-Standards, ohne dass das so benannt wurde, weil es ohnehin schon selbstverständlich ist, nach diesen Anforderungen zu bauen.