Manfred Sonnleithner: Gebäude bewahren für die Zukunft

Manfred Sonnleithner, Leiter des Zentrums für Baukulturelles Erbe an der Donau Universität Krems, über Barrierefreiheit bei denkmalgeschützen Gebäuden und den Zusammenhang von Klimaschutz und Altbau.

Erstellt am 18. November 2021 | 11:30
Manfred Sonnleithner
Der Architekt und Umweltberater Manfred Sonnleithner ist Leiter des Zentrums für Baukulturelles Erbe an der Kremser Donau-Uni.
Foto: Donau Universität

NÖN: Sie sind Leiter des Zentrums für Baukulturelles Erbe der Donau-Universität Krems. Was versteht man unter Baukultur?

Manfred Sonnleithner: Der Begriff Baukultur überspannt unser Zentrum. Dieser Begriff ist seit einigen Jahren immer mehr im Gebrauch. Es soll ausgesagt werden, dass wir unsere eigene Umwelt gestalten. Wir Menschen sind verantwortlich, unseren Lebensrahmen zu gestalten. Ein Teil davon ist die Berücksichtigung des baukulturellen Erbes, damit beschäftigen wir uns sowohl in der Lehre als auch in der Forschung.

Wir arbeiten in der Lehre auch in den Studiengängen mit den Studierenden an gewissen Teilarbeiten. Ergebnisse daraus fließen in die Projekte ein. Es ist ein Kreislauf, den wir hier leben. Wir sind draufgekommen, dass die Bevölkerung der Schlüssel zum Erfolg ist, was Denkmalschutz und Revitalisierung etwa von ganzen Ortszentren betrifft. Ortskernbelebung ist zum Beispiel aktueller denn je.

Welche Schwerpunkte und Studiengänge beziehungsweise -programme bietet das Zentrum an?

Sonnleithner: Wir haben mehrere Schwerpunkte. Beim Masterstudium „Sanierung und Re-Vitalisierung“ geht es um die gesamten Thematiken der Sanierung von Baubestand und Bestandsobjekten. Beim Masterstudium „Konzeptuelle Denkmalpflege“ werden Menschen aus der Praxis angesprochen, die zusätzlich zu ihren handwerklichen Fähigkeiten die großen Zusammenhänge verstehen wollen. Und dann gibt es noch ein „Certified Program“ bei uns, das dauert zwei Semester und heißt „Schimmel im Bauwesen“. Generell sind wir am Zentrum sehr international unterwegs.

Für die zeitgemäße Werterhaltung des baukulturellen Erbes benötigt es unterschiedliche Disziplinen. Welche sind das?

Sonnleithner: Es beginnt bei der Planung, geht über die Ausführung der Professionisten bis hin zu Wirtschaft und Finanzierung und muss ankommen bei den Nutzern und der Gesellschaft. Die Schwerpunkte für eine zeitgemäße Werterhaltung sind Bautechnik und die Konstruktion, Denkmalpflege, auch die Bauphysik.

Die Ökologie und die Ökonomie sind wirkliche Schwerpunkte. Das Thema Energie ist wichtig, genauso die soziale Kompetenz und die Kommunikation. Es muss verständlich kommuniziert werden, warum Bestand geschützt gehört. Es ist wichtig, die Bevölkerung auf seiner Seite zu haben.

Der Kunsthistoriker, den wir immer gerne nennen, Georg Dehio, der hat etwas ganz Wichtiges gesagt: „Schutz und Gefahr der Denkmäler gehen vom Volk aus.“

Wie sieht das Verhältnis von Denkmalpflege und Klimaschutz aus?

Sonnleithner: Denkmalpflege und Klimaschutz bedingen einander. Es ist vielleicht für manche überraschend im ersten Moment. Aber bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass Denkmalschutz der optimierte Klimaschutz ist. Denkmalpflege hat das Ziel, Bestehendes zu bewahren im Gegenteil zur heutigen Wegwerfgesellschaft. Es geht darum, vorhandenes Material wieder zu benützen.

Gerade Gebäude, die erhaltenswürdig sind, die Denkmalpflege erfahren, müssen mit den richtigen ökologischen Materialien saniert werden. Wir forschen an den Klimaszenarien für 2030 und 2050 bei Alt- und Neubau. Der Altbau hat den Vorteil der Speichermasse aufgrund der dicken Wände. Wir machen das durch Simulationsberechnungen und schauen uns an, wie sich Temperaturen auf Gebäude auswirken. Altbau überhitzt weniger als Neubau, der etwa durch die großen Glasflächen viel Energie für Kühlung verwendet. Das ist absoluter Klimaschutz in der Praxis.

Ein Projekt, das Sie aktuell verantworten, ist „monumentum ad usum“. Können Sie dessen Ziele genauer erläutern?

Sonnleithner: Seit 2018 läuft das Projekt, beauftragt vom Amt der Niederösterreichischen Landesregierung. Die Zielgruppe ist sehr spezifisch, es sind nämlich die gemeinnützigen Bauträger in Niederösterreich. Das Ziel ist es, Leerstand zu reduzieren und denkmalgeschütze Gebäude in Nutzung zu bringen. Es ist spannend, dass wir Gebäude zwar schützen, aber wenn sie leer stehen, dann leidet die Substanz trotzdem. Die objektadäquate Nutzung ist von allerhöchster Wichtigkeit.

Welche Funktionen und Aufgaben widmet sich das Zentrum für Baukulturelles Erbe der Donau Universität hinsichtlich Bauen im UNESCO Weltkulturerbe Wachau?

Sonnleithner: Das Wesentliche ist der besonders sensible Umgang mit den Objekten und der gesamten Umgebung, dazu haben wir in der Vergangenheit viel geforscht und gearbeitet. Die UNESCO hat die fünf Cs, die fünf Vorgaben, festgelegt: Credibility, Conservation, Capacity-building, Communties und Communication.

Ein sensibler Umgang mit den einzelnen Objekten steht hier also an oberster Stelle und betrifft viele Aspekte. Bei uns an der Donau Universität machen wir auch Welterbeverträglichkeitsprüfungen gemeinsam mit dem Zentrum für Kulturgüterschutz.

Können Sie ein Beispiel für ein denkmalgeschütztes Gebäude nennen, das im Zuge des Projekts genauer untersucht wird?

Sonnleithner: Im Zuge von „monumentum ad usum“ sehen wir uns zwei Gebäude in Krems an der Donau an: eines in der Fischergasse und eines am Sternhof. Das sind zwei Gebäude, die interessant sind, weil es bereits sanierte denkmalgeschützte Gebäude sind. Da ist jeweils ein Neubau in Kombination dazugestellt worden. Das hat viele Vorteile, vor allem in Hinblick auf Barrierefreiheit. Im Neubau befindet sich dann ein Lift, der im Altbau natürlich nicht möglich gewesen wäre.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Revitalisierung von kirchlichen Bauten?

Sonnleithner: Prinzipiell gilt für kirchliche Bauten dasselbe wie für alle anderen Sanierungsprojekte auch. Nur geht es auch darum, zwischen Kirchen und Bevölkerung eine Verbindung zu schaffen, was nicht immer eine leichte Aufgabe ist.

Materialien in der Denkmalpflege – worauf gilt es zu achten?

Sonnleithner: Wichtig ist es, bestehendes Material mit adäquatem ökologischem Material zu behandeln. Stein, Ziegel, Holz, Lehm, diese Materialien stehen zur Verfügung. Im Masterlehrgang „Konzeptuelle Denkmalpflege“ wird der genaue Umgang mit den Materialien gelehrt. Und auch im Sanierungslehrgang haben wir eine Woche Intensivunterricht zu Baumaterialien.

In der Charta von Venedig, dem Grundlagenpapier der modernen Denkmalpflege, heißt es, dass „eine der Gesellschaft nützliche Funktion“ bei der Erhaltung von Denkmälern wünschenswert ist, ohne „Struktur und Gestalt“ zu verändern. Welche gesellschaftlich nützlichen Funktionen können das sein?

Sonnleithner: Die Charta von 1964 hat immer noch sehr viel Aktualität bis heute. Schon im ersten Absatz steht, dass die Menschheit die Verpflichtung hat, den kommenden Generationen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben, das ist für uns der prägende Satz.

Eine nützliche Funktion ist deshalb gewünscht, weil damals schon klar war, dass Denkmäler eine Nutzung brauchen, die der Gesellschaft nützlich und dienlich ist. Alle Funktionen, die für dne Menschen sinnvoll sind, sind damit gemeint: Wohnen, Leben, Arbeiten, Studieren und so weiter. Dem Menschen wird gedient, die Charta ist erfüllt und das Denkmal ist geschützt und gerettet, sofern es genützt wird. Vermieden gehört, dass Denkmäler verändert werden, ohne auf ihre Historie einzugehen. Die Struktur und Gestalt darf nicht beeinträchtigt werden. Daher braucht es strikte Vorgaben, an die man sich halten muss.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Bauens?

Sonnleithner: Die Erhaltung des Vorhandenen, die Nutzung des Vorhandenen, die Reduzierung des Leerstandes sind ganz wichtige Themen. Flächenverbrauch und Flächenversiegelung beschäftigen uns sehr, die durch jeden Neubau forciert werden. Bestand muss genützt werden, richtig und objektadäquat. Die Nutzung des Vorhandenen und dann mit ökologischen Materialien, dass der Fußabdruck klein gehalten wird. Und bevor irgendwo etwas Neues gebaut wird, zu überlegen, was ist vorhanden, wie kann ich es nutzen. Mir persönlich ist Suffizienz auch sehr wichtig, die Selbsteingrenzung. Das sind die Wünsche und daran arbeiten wir am Zentrum für Baukulturelles Erbe, das versuchen wir den Studierenden in den Lehrgängen weiterzugeben und ihnen das notwendige Handwerkszeug mitzugeben, um die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Mehr zum Thema "Bauen, Wohnen Energiesparen" findet ihr hier im aktuellen Extra!