Karin Stieldorf über nachhaltiges Bauen: „Ein ganzheitlicher Zugang“

Architektin und Wissenschaftlerin Karin Stieldorf über nachhaltiges Planen und Bauen mit Lehm, Holz und Strohballen und die Bedeutung einer ganzheitlichen Ausbildung.

Erstellt am 22. November 2021 | 04:17
Karin Stieldorf
Karin Stieldorf leitet den Lehrgang "Nachhaltiges Bauen".
Foto: TU Wien

NÖN: Was ist das Besondere und Innovative am postgradualen Universitätslehrgang „Nachhaltiges Bauen“? Und aus welchen Überlegungen und Bedürfnissen heraus ist er entstanden?

Karin Stieldorf: Nachhaltiges Bauen ist ein Thema, das sehr hoch auf der Agenda steht. Für die meisten Lehrgangsteilnehmer war dies kein Teil der bisherigen Ausbildung, daher entstand und entsteht die Notwendigkeit, dies kompakt zu unterrichten. Der Lehrgang ist eine Kooperation der TU Wien und TU Graz mit vielen Experten, die über den Tellerrand blicken.

An wen richtet sich der Lehrgang?

Vivihouse
Das Vivihouse ist ein innovatives Bausystem zur Errichtung mehrgeschossiger Gebäude für gemischte Nutzungen.
TU Wien

Stieldorf: Der Universitätslehrgang richtet sich an Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung mit bauspezifischem Hintergrund, die sich bereits im Bereich des nachhaltigen Bauens positioniert haben oder positionieren wollen. Zielgruppe sind somit insbesondere Planer, Bauingenieure, Architekten und Gebäudetechniker. Des Weiteren richtet sich die Ausbildung an Auftraggeber beziehungsweise Investoren, Immobilienfonds, Projektentwickler größerer Gemeinden, Landes und Bundesimmobiliengesellschaften, Bauabteilungen großer Konzerne, Handelsketten und so weiter.

Sie betonen immer wieder die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung des Lebenszyklus von Bauwerken. Können Sie genauer erläutern, was Sie darunter verstehen? Wie wird das im Lehrgang an die Studierenden vermittelt?

Stieldorf: Der holistische Zugang wird sehr umfangreich vermittelt. Wir haben eine ganze Reihe von Vortragenden, die aus diesem Bereich kommen. Die Kreislaufwirtschaft ist ein zentraler Punkt. Man muss sich von Anfang an überlegen, wie man einzelne Teile des Gebäudes später rezyklieren und upcyceln will.

Wie wird der Praxisbezug im Lehrgang sichergestellt und wie sieht dieser aus?

Stieldorf: Die Praxis hat im Lehrgang eine hohe Bedeutung. So gibt es etwa die Entwurfsseminare Sanierung und Neubau – da wird das neu erworbene Wissen praktisch umgesetzt mit spezifischer Berücksichtigung von Building Information Modelling (BIM) und Gebäudesimulation. Außerdem gibt es immer wieder Projektarbeiten, wo die Studierenden außerhalb der Lehrsäle ihr Wissen erweitern können.

Das Vivihouse – das weltweit erste lizenzierte Modulbausystem für mehrgeschossigen Strohballenbau – ist eines dieser Praxisprojekte. Können Sie Einblick in das Projekt geben?

Stieldorf: Das ist ein sehr spannendes Forschungsprojekt, das über die letzten vier Jahre mit 150 Studierenden entstanden ist. Wir haben in Verbindung mit der Praxis ausprobiert, wie Selbstbaumöglichkeiten funktionieren, die anzuwenden sind im urbanen Großvolumenbau. Da geht es um die Entwicklung eines Modulsystems, wobei die einzelnen Module miteinander verbunden werden, sodass sie später auch wieder demontiert werden können. Es basiert auf einer modularen Holzskelettbauweise, die speziell für den Einsatz ökologischer Rohstoffe optimiert ist: Strohballen als Dämmstoff, Holzrahmen oder Kalk- und Lehmputze.

Das Vivihouse steht für gesundes Wohnen und Arbeiten, geringen Energieverbrauch, Kosteneffizienz und ökologische Nachhaltigkeit.

Was sind Beispiele für Lehrveranstaltungen, die der Universitätslehrgang „Nachhaltiges Bauen“ speziell anbietet?

Stieldorf: Sicherlich erwähnenswert ist das Kriterienwissen, das die Studierenden besitzen, wenn sie das erste Studienjahr abgeschlossen haben. Sie sind dann in der Lage, Gebäude mit Bewertungstools wie ÖGNI zu bewerten und haben ein umfangreiches Hintergrundwissen zu den Kriterien. In der Vergangenheit wurden Gebäude primär nach der Lage bewertet, vielleicht noch nach dem Alter und der Nähe zum öffentlichen Verkehr. Bei der nachhaltigen Gebäudebewertung ist das Spektrum viel größer, es geht um die Energieeffizienz, die Baustoffwahl bezüglich der gesundheitlichen Aspekte, es geht um den Komfort von Gebäuden, es geht um Infrastruktur und um Barrierefreiheit.

Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung und Lehre ist der Lehmbau, so sind Sie etwa Teil des Vereins Netzwerk Lehms und unterrichten das Modul Lehmbau an der TU Wien. Was macht diesen alten Baustoff in Österreich wieder so modern?

Stieldorf: Vielen ist nicht bewusst, dass die Hälfte der Gebäude weltweit noch mit Lehm gebaut wird, gerade in Entwicklungsländern. Wien liegt inmitten einer Lehmbauzone. Wien hat, als es entstanden ist, sicher viele Gebäude in Lehmbauweise gehabt. Auch rund um Wien haben wir ein großes Angebot an Lehm, im Weinviertel, in Tschechien, der Slowakei, auch im Burgenland, dort überall finden wir noch oft die traditionelle Lehmbauweise.

Lehm war nie „out“, kann man also sagen. In Vorarlberg gibt es den Martin Rauch, der zeigt vor, wie man Stampflehmbau sehr ästhetisch einsetzen kann. Zumeist wird Lehm in unserem Bereich, also in Wien und Niederösterreich, als Lehmputz eingesetzt. Man kann auch technisch sehr ausgereifte Gebäude mit einem Lehmputz auf der Innenseite verwenden. Lehm eignet sich auch gut in Verbindung mit der Holzbauweise.

Lehmputz nimmt Feuchtigkeit auf und sondert sie bei Trockenheit wieder ab, außerdem nimmt er Gerüche auf und wirkt sich insgesamt positiv staibilisierend auf das Innenklima.

Welche Fragen und Überlegungen zum Bauen der Zukunft werden allgemein seitens der Studierenden an Sie herangetragen?

Die Lehmbauweise ist tatsächlich ein großes Thema, da ist das Interesse sehr groß. Ich mache auch ein Lehmbaumodul im Architekturstudium der TU Wien, im Museumsdorf Niedersulz. Wir haben da eine Lehmbaustelle im Museumsdorf, da lernen die Studierenden eine Woche lang alles über Lehm und die unterschiedliechen Techniken im Umgang mit diesem Material.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Bauens? Mit welchen Fähigkeiten können die Absolventen zu dieser Zukunft beitragen?

Ich bilde seit vielen Jahren Studierende in diesem Bereich aus, vor allem im holistischen Zugang beim Planen und Bauen. Mir ist es wichtig, dass sie hinausgehen und es in der Praxis umsetzen. Das passiert auch. Es ist schön, wenn man irgendwo hinkommt und sieht, dass ehemalige Studierende ihr Wissen mit Begeisterung auch anwenden. Wir haben es schließlich dringend notwendig, der Klimawandel steht vor der Tür, es ist ohnehin schwierig genug. Je mehr unsere Absolventen wissen, desto einfacher fällt die Bewältigung des Klimawandels. Mir ist wichtig, dass man hybrid denkt. Und niemals vergessen sollte man, dass ein Teil der Nachhaltigkeit immer auch die Ästhetik betrifft. Nur nachhaltig alleine reicht nicht, Bauwerke sollen auch schön sein, funktionieren und vor allem gerne von den Menschen genützt werden.

https://www.tuwien.at/ace/masterprogramme/nachhaltiges-bauen