Energieeffiziente Geborgenheit: Architekt im Interview

Architekt Thomas Abendroth im Gespräch darüber, wie Energieeffizienz und Geborgenheit zusammenhängen und was Farben und Materialien damit zu tun haben.

Erstellt am 14. Juni 2021 | 04:29
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Thomas Abendroth, Architekt und NÖ Holzbaupreisträger, legt großen Wert auf die Verbindung von Innen-, Außen- und Gartenarchitektur.
Foto: Rene Hundertpfund

NÖN: Sie haben seit 27 Jahren Ihr eigenes Architekturbüro. Was macht Ihre Architektur aus?

Thomas Abendroth: Das Besondere an meiner Arbeit ist die Verbindung von Architektur, Innenraum- und Gartengestaltung in Kombination mit Energieeffizienz und hoher architektonischer Qualität. Bei der Positionierung eines Gebäudes auf einem Grundstück achte ich besonders auf die ideale Nutzung des Gartens. Dazu gehört auch die Anordnung von Nebengebäuden, die dann auf dem Grundstück Intimität und Sichtschutz schaffen.

Ich schaffe also sozusagen die Steilvorlage für einen späteren Gartenplaner, der dann schon jene Gebäudekonfigurationen vorfindet, anhand derer man schöne Außenanlagen planen kann. Wichtig ist mir auch immer, den Ort einzubeziehen und seine Besonderheiten zu beachten. Ein neues Gebäude soll seine Umgebung bereichern.

Wie würden Sie Ihren architektonischen Stil beschreiben?

Abendroth: Ich strebe eine zeitlose Gestaltung an, die eher geradlinig und reduziert ist. Worauf ich besonders in der Innenarchitektur großen Wert lege, sind Farben und Materialien. Ein weißer Raum ist für mich unfertig. Mit einer leichten Kolorierung schaffe ich es, die Verbindung verschiedener Raumelemente herzustellen. Große Freude habe ich an der Vielfalt der Strukturen von unterschiedlichen Materialien.

Sie haben das Thema Energieeffizienz angesprochen. Wo liegen Herausforderungen in der Planung?

Abendroth: Bei der Dimensionierung der Wand- und Deckenaufbauten folge ich dem passiven Prinzip. Also eine sehr gute Wärmedämmung, Dreischeibenverglasung, wärmebrückenfrei und luftdicht. Das ist wie das Trimmen von Formel-Eins- Autos, da schaut man auch immer, wie man die noch besser machen kann. Ähnlich trimmen wir unsere Häuser. Wir haben in diesem Zusammenhang aber noch eine andere Herausforderung – den Klimawandel. Wir bauen ja nicht für die nächsten zehn, sondern für die nächsten 80 Jahre, das muss ein Architekt immer berücksichtigen. Die Überhitzung von Gebäuden tritt immer mehr in den Vordergrund.

Stichwort Klimawandel: Achten Sie auch auf den Einsatz ökologischer Baustoffe?

Abendroth: Als Architekt bin ich keinem Material verpflichtet, wichtig ist mir jedoch die Nachhaltigkeit eines Gebäudes. Auch deshalb, weil ich bei jedem meiner Gebäude eine „Klimaaktiv Gold“-Zertifizierung anstrebe. Hier wird in einem Punktesystem die ökologische Qualität eines Gebäudes berechnet. Meine besondere Liebe gilt der Tatsache, dass Holz sowohl für große Konstruktionen als auch für Möbel oder Oberflächenbeläge zum Einsatz kommt. Mich begeistert da vor allem, dass man das Potenzial dieses Werkstoffes von der zimmermannsmäßigen Holzverbindung bis hin zur wunderschönen Maserung erleben kann.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?

Abendroth: Der Kindergarten von Unterolberndorf, er wurde im Herbst 2020 fertiggestellt. Die Gemeinde hatte ursprünglich kein nutzbares Zentrum. Die Kirche war umgeben von einer Mauer und außerhalb der Mauer gab es nur Verkehrsflächen. Meine Idee war nun, diese Mauer zu entfernen und einen Kindergarten zu bauen, der zum Kirchenplatz hin orientiert ist.

Genauer gesagt sind der Speisesaal und die Küche mitsamt einem großen Vordach, das Schatten spendet und vor Witterung schützt, zum Platz hin orientiert. Dieser Platz samt Speisesaal kann nun auch von der Gemeinde für Veranstaltungen genutzt werden. Das heißt, hier wurde mit Architektur ein kleines Ortszentrum geschaffen, das es vorher so noch nicht gab. Das ist aber längst nicht alles. Im Kindergarten habe ich in der Innenarchitektur ein Konzept umgesetzt, das nennt sich „Bauen für Geborgenheit“.

Was genau bedeutet das ?

Abendroth: Hierbei handelt es sich um ein Konzept aus den 70er Jahren, bei dem es darum geht, mit Innenarchitektur Rückzug zu ermöglichen und Aktivität zu fördern. Genau das habe ich im Kindergarten in Unterolberndorf umgesetzt. Die Inneneinrichtung im Gruppenraum ist in Holz ausgeführt. Eine zusätzliche Ebene erweitert die Spielfläche.

So ergibt sich beispielsweise ein Raum unter der Stiege als Märchenhöhle oder ein Podest, auf dem die Kinder ihre Legoburgen bauen können. Das hat immer auch etwas mit Psychologie zu tun: Die Erhabenheit eines Podestes schützt die Legoburg vor dem Umrennen durch andere Kinder, was ein Spielteppich nicht kann.

Wie hängen Geborgenheit und Energieeffizienz zusammen?

Abendroth: Man fühlt sich geborgen, wenn man sich sicher wähnt. In einem Gebäude, das energieeffizient geplant ist, brauche ich wenig, habe geringe Fixkosten. Das geht schon ein Stück weit in Richtung Autarkie. Auch den Klimawandel berücksichtigen wir in unseren Planungen, unsere Kunden schätzen diesen Weitblick.

Mauern können ebenso ein Gefühl von Geborgenheit geben, nicht jeder fühlt sich wohl, wenn das Haus viele große Glasfronten hat. Ein ausgewogenes Verhältnis der Öffnungen in einem Gebäude schafft Geborgenheit. Ein Sicherheitsgefühl trägt also immer auch zu Entspannung und damit Geborgenheit bei.

Neben dem Neubau haben Sie mit „Sanieren.pro“ auch ein eigenes Label für Sanierungen. Warum?

Abendroth: Ich habe zusammen mit meinem Energieberater dieses Sanierungslabel gegründet, weil es bei Sanierungen immer auch um Energieeffizienz geht. Wir wollen qualitätsvolle Sanierung bieten und unser Handwerkszeug aus energieeffizienter Architektur einbringen.