Bauingenieur im Interview über Nachhaltigkeit & Co. . Bauingenieur Markus Winkler über die Vor- und Nachteile von Ziegeln, wie umweltbewusstes Bauen mit ihnen funktioniert und was in Zukunft in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaeffizienz von ihm noch erwartet werden kann.

Von Carina Rambauske und NÖN Sonderjournal-Redaktion. Erstellt am 17. Mai 2019 (05:00)
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NÖN: Ausgehend vom Titelthema „Ziegel, Klinker, Stroh und Co.“ dieser Ausgabe: Worin unterscheiden sich Ziegel und Klinker denn überhaupt?
Markus Winkler: Klinker bezeichnet eine spezielle Art von Ziegelsteinen, die in der Regel unter höheren Temperaturen gebrannt werden und auch eine andere Materialmischung aufweisen. Durch den Sinterprozess nehmen die fertigen Klinker weniger Wasser auf, bieten einen hohen Wetter- bzw. Witterungsschutz und sind zugleich frostbeständig. Ziegel erreichen diese Dauerhaftigkeit, indem sie entweder durch zusätzliche Schichten wie Putze, Fassadensysteme oder durch vorgemauerte Klinkerfassaden vor Umwelteinflüssen geschützt werden.

Welche Eigenschaften zeichnen den Ziegel generell aus?
Winkler: Früher hatte der (Voll-)Ziegel hauptsächlich eine raumbildende sowie tragende Funktion und bot einen sehr mäßigen Wärmeschutz. Es gab mitunter wenige verschiedene Grundtypen, jedoch zahlreiche Ziegeleien. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert: Hinsichtlich Wärme-, Brand- und Schallschutz sowie Tragfähigkeit wurden Ziegel derart optimiert, dass es Typen gibt, die in all diesen Bereichen möglichst gut performen. Darüber hinaus gibt es auch welche, die hinsichtlich des Anwendungsfalles genau darauf abgestimmt sind, z. B. Schallschutzziegel.

Was kann man vom Ziegel zukünftig in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaeffizienz noch erwarten?
Winkler: Eine häufige, wenn nicht die häufigste an einen modernen Ziegel gestellte Anforderung ist die des Wärmeschutzes. Mit diesen Ziegeln in der monolithischen Außenwand kann den baulichen Anforderungen zukünftiger Gebäude entsprochen werden, da im Speziellen die Wärmeleitfähigkeiten und in weiterer Folge die U-Werte (Wärmedurchgangskoeffizient) dieser Wände sehr niedrig sind. Indem seine Kammern mit Wärmedämmstoffen statt Luft (z. B. Steinwolle oder Perlit) befüllt sind, verbessert sich die Wärmeschutzfunktion ohne außen anzubringende Dämmstoffschichten. Mit einem kleinen Kompromiss: Ziegel, die hinsichtlich des Wärmeschutzes optimiert wurden, sind in der Regel filigraner und „leichter“, weisen also eine geringere Steindichte auf. Damit rücken die Funktionen Schallschutz und Tragfähigkeit (Statik) automatisch etwas in den Hintergrund. Bei den Füllstoffen bleibt noch technologische Luft in Richtung nachwachsende Dämmstoffe.

Die modernen Ziegel sind auch mit höheren Kosten verbunden. Warum zahlt es sich aus, dennoch darin zu investieren?
Winkler: Trotz höherer Investitionskosten in eine monolithische Außenwand aus diesen hochdämmenden Ziegeln benötigen diese keine weitere außenliegende Dämmschicht, die es vor Niederschlägen zu schützen gilt. Fassaden aus sogenannten Wärmedämmverbundsystemen erreichen bei Weitem nicht die Lebensdauer eines Ziegelsteins, sodass es nach einigen Jahrzehnten zu einer Sanierung oder Abbruch des Gebäudes kommt. Spätestens dann stellt sich die Frage, wie diese Verbundsysteme wieder vom Mauerwerk getrennt und recycelt werden können. Verbaute Baustoffe bzw. Gebäude bilden zukünftige Ressourcen, ein Punkt, dem heute noch viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Langfristig führt jedoch kein 

Weg daran vorbei, Materialien bzw. Systeme zu verwenden, die einerseits leicht getrennt und andererseits auch wieder vollständig in den Ressourcenkreislauf eingegliedert werden können. Die vorhin erwähnten gefüllten Ziegel ermöglichen das jetzt schon, da die Wärmedämmung nicht verklebt ist, sondern nur im Ziegel „steckt“.

Damit wäre auch schon das Thema „grünes“ Bauen angesprochen. Ein Aspekt, der auch in der Baubranche nicht unbedacht bleibt. Auf kurzfristige Sicht wird Ziegeln kein besonders grünes Zeugnis ausgestellt ...
Winkler: Das stimmt. Bis zu 1.000 Grad Celsius werden zum Brennen eines Ziegels benötigt, bei Klinkern noch etwas mehr, und das geschieht leider meist noch fossil, z. B. mit Erdgas. Vor dem Brand liegt noch eine Trocknungsphase, die das zur Formgebung nötige Wasser größtenteils wieder verdunstet – hier ist bereits sehr viel Wärmeenergie erforderlich. Nach Wegen, diese beiden Vorgänge effizienter bzw. nachhaltiger zu gestalten, wird ständig gesucht. Die ökologische Rechnung geht also erst mit dem langen Lebenszyklus eines Ziegelmauerwerks im Vergleich zu anderen Baustoffen auf.

Das heißt, umweltbewusst bauen funktioniert auch mit Ziegeln?
Winkler: Definitiv! Nachhaltiges Bauen gelingt auch mit Ziegelbauten. Langfristig relativiert sich seine hohe Herstellungsenergie, da neben der Errichtung eines Gebäudes auch die Nutzungsphase einen entscheidenden Einfluss auf die Ökobilanz hat. Hier stellt sich dann sofort die Frage nach der eingesetzten Haustechnik im Gebäude.

Warum rückt die Rolle der Haustechnik verstärkt in den Vordergrund?
Winkler: Das haustechnische System wirkt auf die CO2-Bilanz bis zum Zeitpunkt der Gebäudeinbetriebnahme bei Wohnbauten nur wenig ein – mit den einmalig herzustellenden Komponenten – hat dafür aber über die Lebensdauer eines Gebäudes einen entscheidenden Einfluss: einerseits auf die Energie-, andererseits auf die Ökobilanz. Heizen, Kühlen, Be- und Entlüftung mit gegebenenfalls Be- und Entfeuchtung können bei mangelhafter Planung sehr schnell ineffizient im Betrieb sein.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf den Bauprozess aus?
Winkler: Die Planungsphase war und ist damit noch immer das Um und Auf eines zukunftsfähigen Gebäudes. Integrale, also ganzheitliche Planung mit allen Beteiligten von Beginn an ist hierfür das Schlagwort. Der unaufhaltsame Trend in der Bauwirtschaft geht eindeutig weiter in diese Richtung und soll seit einigen Jahren mittels BIM (Building Information Modeling) die Planung von ressourcenschonenden und zukunftsfähigen Gebäuden unterstützen. Bis Gebäude dadurch vollständig am Ende der Planungsphase in 3D durchgeplant und gewerkeübergreifend abgestimmt sind, werden leider noch viele Jahre vergehen. Irgendwann werden aber die verbauten Ressourcen bis zum Abbruchzeitpunkt soweit dokumentiert sein, sodass sich der Stoffkreislauf wieder einfach schließen lassen würde.

Welche Entwicklungen wirken sich auf die Beliebtheit von Ziegeln als Baustoff aus?
Winkler: Ziegel ist, vor allem in Niederösterreich, ein sehr weit verbreiteter Baustoff, während mit Holz sehr wenig Wohnbauten errichtet werden. Das ändert sich langsam: Ziegel ist längst kein Must-have mehr, sondern der Trend geht dahin, dass sich Bauherrinnen und Bauherren genau überlegen, welche Anforderungen und Bedürfnisse sie selbst bzw. Mieterinnen und Mieter stellen und wie sie diese am besten erfüllen.
Qualität ist wichtig, aber für viele zunehmend auch, dass schnell und gleichzeitig nachhaltig errichtet wird. Das spricht für die Fertigteilbauweise in Holz. Jeder Baustoff hat jedoch seine Berechtigung, richtig eingesetzt – das vermitteln wir auch konsequent in unseren Lehrgängen.

Dort unterrichten Sie am Zentrum für Bauklimatik und Gebäudetechnik, an dem im Herbst der neue Master of Engineering-Lehrgang „Building Innovation“ startet. Welche Inhalte beinhaltet das Curriculum?
Winkler: Kurz zusammengefasst: Die Planung von ressourcenschonenden zukunftsfähigen Gebäuden im Hinblick auf Klimawandel und Nachhaltigkeit, Urbanisierung und Globalisierung sowie Digitalisierung und eine Fülle neuer Technologien. Trotz oder genau wegen des wachsenden Marktes fehlen vermehrt Fachkräfte – ganz besonders im Bereich der Gebäudetechnik. Im Rahmen dieses berufsbegleitenden fünfsemestrigen Lehrgangs geben wir neben Expertinnen und Experten in den Bereichen integrale Planung, Bauphysik, technische Gebäudeausrüstung, Gebäudesimulation, Circular Economy im Hochbau, Gebäudeautomation, Monitoring sowie Building Information Modeling unser Wissen und Erfahrung an die zukünftigen Fachleute weiter.