Die Freiheit des Fliegens. Ein paar Laufschritte und dann Abflug: Paragleiten erfüllt vielen den Traum vom Fliegen – nicht nur als Passagier eines Tandemflugs, sondern auch selbst als Pilot.

Von Carina Rambauske. Erstellt am 11. April 2019 (15:06)
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„Ein wunderschönes Tagerl!“, die Augen der Piloten glitzern angesichts des Anblicks, der sich am letzten März-Wochenende bot: Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und, was für das Paragleiten am wichtigsten ist, Windstille. Das optimale Wetter, um in die Lüfte über der Hohen Wand zu steigen.

Was es dafür braucht, liegt auf der Wiese: Ein paar Quadratmeter Stoff von dem einige bunte Schnüre weggehen. Kaum vorstellbar, dass damit geflogen werden kann. Und noch weniger, dass dieses Stoffbündel sogar zwei tragen kann: den Piloten und davor den Passagier.

Flugschule FLY/ Hohe Wand

Tandem-Flieger Patrick Silberbauer erklärt, wie es abläuft: „Ich zähle bis drei und dann läufst du mit großen Schritten los.“ Gesagt, getan. Nach wenigen Laufschritten den Wiesenhang hinunter greift der Gleitschirm bereits und schon baumeln die Füße Hunderte Meter über dem Fuß der Hohen Wand in den Lüften. Es fühlt sich an wie eine riesige Schaukel. Nur dass diese Schaukel ein Gleitschirm ist und die Verankerung am Boden fehlt.

Doch für Zweifel ist die Zeit zu schade, denn das Gefühl ist unglaublich und die Aussicht atemberaubend: Während auf der einen Seite der Schneeberg zum Greifen nahe wirkt, lässt sich auf der anderen Seite der Neusiedlersee erahnen.

Nach einer knappen halben Stunde, gespickt mit hie und da ein paar Schlenkern und – auf Nachfrage – ein paar Flugmanövern à la Achterbahn, geht es zum Abschluss spiralförmig Richtung Boden, wo Silberbauer sanft auf der Wiese landet.

 Kein Flug ohne Respekt im Gepäck 

„Und, wie war’s?“, fragt Michael Saletu, der die Tandemflieger mit dem Auto abholt. „Einfach toll!“ Keine Worte würden dem Flugerlebnis eben gerecht werden. Woraufhin Saletu schmunzelnd zur Hohen Wand blickt und feststellt: „Ich glaube, ich muss heute auch noch eine Runde fliegen.“

So geht es ihm seit 2001, als ihn das Flugfieber packte und nicht mehr loslies: „Es gibt keine andere Möglichkeit, bei dem man dem Selbst-Fliegen und dem Gefühl der Freiheit näher kommt.“ Vor vier Jahren hängte Saletu dafür seinen Job in der Kfz-Branche an den Nagel und übernahm die Flugschule Fly im Naturpark Hohe Wand. Jährlich werden hier rund hundert Flugschüler zu Piloten ausgebildet. Weitere tausend verwirklichen sich den Traum vom Fliegen mit Tandemflügen – egal ob Jung oder Alt, Geschenk oder Lebenstraum, wie Gleitschirmpilot Patrick Silberbauer erzählt: „Einmal hatte ich die Ehre, eine ältere Dame zu fliegen, ein anderes Mal war der Tandemflug für den Flugpassagier das Symbol eines neuen Lebensabschnitts.“

Damit das Schweben in der Lüfte auch Spaß bereitet, muss es aber vor allem eines sein: Sicher! „Gleitschirmfliegen ist nicht gefährlicher als andere Sportarten. Selbstüberschätzung ist die größte Unfallquelle. Oder eine falsche Wettereinschätzung“, sagt Saletu. Das wichtigste im Gepäck eines Piloten sei deshalb Respekt: „Fliegen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn ein Bremsmanöver, wie mit dem Auto auf der Straße, funktioniert nicht. Man muss mit der Situation zurechtkommen und sich nicht davon überwältigen lassen – immer Pilot bleiben und nie zum Passagier werden“, betont der Gleitschirmpilot.

Vom entspannten zum spektakulären Fliegen

Bis man sich allerdings überhaupt erst Pilot nennen darf, gehört einiges dazu: Theoretisches rund um Meteorologie, Aerodynamik und Luftrecht und Praktisches mit vielen Stunden am Übungshang mit 70 bis 90 Metern Höhenunterschied. Am Anfang. Denn am Ende der Ausbildung winkt die Möglichkeit, mit einem Gleitschirm, quasi ohne Einschränkung, von überall aus zu starten und – bei richtigen Windverhältnissen – stundenlang in der Luft zu sein und bei guter Thermik Hunderte Meter hochzusteigen. Je nachdem, welche Art und Weise das jeweilige Fliegerherz höherschlagen lässt, „reicht die Skala von einfachem, entspanntem Schweben durch die Lüfte bis zu spektakulären Kunstflugfiguren“, schildert Saletu. Und das alles nur mit ein paar Quadratmetern Stoff und einigen bunten Schnüren.