Vor Ort statt vor dem Laptop!

Gerade in Zeiten von Corona kam es auf Universitäten und Hochschulen zu einer Anpassung des Schul- und Universitätsbetriebs. Viele Universitäten und Hochschulen haben den Unterricht und die Vorlesungen auf Distance-learning umgestellt. Nach und nach wurden die Lehrsäle wieder gefüllt und es kam zu einem schrittweisen Normalbetrieb. Laut Daniel Simic, gebürtiger Niederösterreicher und Student an der Wirtschaftsuniversität Wien, hat der „Betrieb“ vor Ort somit seine Vor- und Nachteile.

Erstellt am 13. Januar 2022 | 18:42
Lesezeit: 4 Min
Präsenzvorlesung während Corona
Foto: CC-Lizenz

Energieaustausch im Hörsaal viel besser

Charakteristisch für den Präsenzunterricht ist, dass Lehrende und StudentInnen gleichzeitig im Raum anwesend sind. „Ein weiteres grundlegendes Merkmal ist die persönliche Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden. Lehrende können schneller unterbrochen werden und somit zu einer Diskussion angeregt werden“ sagt Simic. Das führe zu mehr Vielfalt. Das Miteinbeziehen von anderen Studierenden geschieht kompakter aufgrund des Geschehnisses im selben Raum. Daniel Simic erklärt, „dass der Energieaustausch vor Ort viel realistischer und besser ist.“ Die soziale Eingebundenheit und der direkte Austausch mit Kollegen und Kolleginnen wird besonders geschätzt. Die regelmäßige Anwesenheit im Präsenzunterricht könnte Introvertierten verhelfen, diese zu durchbrechen und somit offener zu werden und sich mehr am Unterricht mit Beiträgen zu beteiligen. Ein wichtiger Punkt sind auch die Räumlichkeiten. Hochschulen und Universitäten stellen unterschiedliche Räume zur Verfügung: Unterrichtsräume, Kurs- und Seminarräume, Bibliotheken, Einzel- und Gruppenateliers oder Lesesäle, Cafeterien und Verwaltungsräume für organisatorische Zwecke. Aufgrund der Trennung der Räumlichkeiten in Bezug auf Studium und Privatleben, kommt es zu einer besseren Work-Life-Balance. Dies fördert die Motivation der Studierenden und ermöglicht einen barrierefreien Lernalltag an der Bildungseinrichtung. Außerdem werden grundlegende Lernmaterialien zur Verfügung gestellt. Für weitergehende Literatur müssen die Studierenden jedoch oftmals eigeninitiativ in den Bibliotheken recherchieren, was auch ein Gefühl von Selbstständigkeit und klassischem Studentenleben vermittelt. „Für mich fast der wichtigste Punkt ist, dass der Akzent der Wissensübermittlung beim Lektor selbst ist und nicht auf der PowerPoint-Präsentation“, so Simic. 

Das Wohlbefinden sinkt

Das Forschungsteam für Psychologie der Universität Wien hat eine Reihe von Befragungen durchgeführt. Bei der Frage über die Vorfreude der Wiedereinführung der Präsenzlehre, äußern bereits 49,4% der Befragten den Wunsch für die Lehre vor Ort. Nicht zu vergessen, dass diese Befragung bereits einige Wochen nach der Umstellung auf Home-Learning durchgeführt wurde. Zudem äußert ein Fünftel (20,3%) der Befragten, dass sich ihr Wohlbefinden aufgrund von Home-Learning verschlechtert hat. 

Mangel an Flexibilität

Deutlich negative Auswirkungen der Präsenzlehre beziehen sich auf sehr lange Anfahrtswege und Wartezeiten zwischen den verschiedenen Lehrveranstaltungen. Oftmals können Studierende aufgrund der Anfahrtswege eine nebensächliche Erwerbstätigkeit nicht ausführen. Daniel Simic: „Das Wort „Präsenz“ assoziiert fixe Anwesenheitszeiten und kann somit auch zu zeitlichem Druck und Stress führen. Oftmals könnte ich eine Online-Vorlesung mit meinem Nebenjob kombinieren, da ich mir diese in der Arbeit selbst anhören kann.“

Ein anderes Problem ist die mangelnden Anpassung an die Bedürfnisse der einzelnen Lernenden. In großen Gruppen gibt es zwei Arten eines Unterrichtsverlaufs: Personen auf einem höheren Niveau als der Rest der Gruppe könnten sich schnell langweilen. Im Gegenteil, diejenigen, die Schwierigkeiten haben, Inhalte zu verstehen und aufzunehmen, werden frustriert und verlieren an Motivation. Laut Simic kann es bei Diskussionen im Lesesaal oft zu unkontrollierbaren Abschweifungen kommen und somit außerhalb des Themenrahmens gehen. Die hohen Anfahrtskosten für Universitäten die oftmals außerhalb des eigenen Bundeslandes liegen, werden auch kritisiert. Dies sind Kosten die die Wissensaneignung an sich nicht beeinflussen und somit am liebsten umgangen werden. Ein weiterer Nachteil ist, dass es sich bei den von den Dozenten online hochgeladenen Lehrunterlagen hauptsächlich um Informationen zu Vorlesungen und Prüfungen handelt.

Da man sich durch Distance-Learning oft Zeit spart und somit keinen Anfahrtsweg auf sich nehmen muss, kann man länger schlafen und anschließend gemütlich mit Kaffee oder Tee die Vorlesung starten. Dadurch wird ein Wohlfühlgefühl in Verbindung mit Bildung geschaffen und wirkt somit motivierend. Dies ist bei Präsenzunterricht nicht der Fall und somit sind Vorlesungen, die vor Ort stattfinden, automatisch unflexibler und somit mit mehr Kosten und Zeit verbunden. Aber auch abseits von direkten Vorlesungen – das Lernen an sich kann besser gestaltet werden. Oftmals wird direkt nach einer Vorlesung weitergelernt, da man während der Vorlesung eine Kleinigkeit gegessen hat und somit vorgesorgt hat. Essen im Hörsaal wird von Lektoren nicht gerne gesehen und von daher auch selten praktiziert. Da man an Räumlichkeiten bei Präsenzunterricht gebunden ist, wird die Spontanität auch immer weniger. Urlaubsplanungen sind mit Komplikationen verbunden. Häufig fällt ein Urlaub aufgrund von einem oder zwei Tagen aus, da er mit Präsenzunterricht nicht kombinierbar ist. Vorlesungen könnten ansonsten auch aus dem Hotelzimmer wahrgenommen werden. 

Corona Maßnahmen

Zurzeit machen alle Universitäten und Hochschulen von der Möglichkeit einer Form des 3-, 2,5G- oder auch 2G-Nachweises für den Zutritt zu Präsenzlehrveranstaltungen und Präsenzprüfungen Gebrauch. Die meisten haben zudem auch eine FFP2-Maskenpflicht und einige auch darüberhinausgehende Schutzmaßnahmen verfügt. Einerseits könnten diese Maßnahmen für Ungeimpfte die Fortsetzung des Studiums erschweren, andererseits könne somit die Motivation für eine Impfung aufgrund eines im Endeffekt abgeschlossenen Studiums, gefunden werden. Daniel Simic selbst empfindet die Corona Maßnahmen als nicht problematisch für eine Fortführung eines regelmäßigen Präsenzunterrichts.