Insekten-Vielfalt auf landwirtschaftlichen Flächen. Erste Ergebnisse eines neuen Monitorings auf elf ausgewählten landwirtschaftlichen Flächen liegen vor.

Von Redaktion noen.at. Erstellt am 10. April 2019 (13:51)
APA (dpa)
Die Insekten sind am Verschwinden, was verheerende Auswirkungen für Vögel und andere Tierarten.

Erstmals fand ein zoologisches Monitoring ausgewählter landwirtschaftlicher Flächen der Initiative Blühendes Österreich statt. Motivierte Bäuerinnen und Bauern untersuchten gemeinsam mit Expertinnen des Ökoteams ihre Flächen hinsichtlich der Insekten- und Spinnenvielfalt.

Die Studie zeigt, dass sich die Form der Bewirtschaftung massiv auf die Artenvielfalt auswirkt. Auf ökologisch bewirtschafteten Flächen leben etliche ökologisch anspruchsvolle und daher seltene Zeigerarten, wie etwa die Spinne „Kleine Pirat“, Raubwanzen oder Schilfspornzikaden. Eine untersuchte Intensivobstplantage weist hingegen sehr geringe Artenvielfalt auf.

395 Tierarten registriert

„Die Erfolge ökologisch orientierter Bewirtschaftung sind eindeutig messbar“, erzählt Lydia Schlosser vom Ökoteam, einem zoologischen Planungsbüro aus Graz, das die Studie im Auftrag von Blühendes Österreich durchführte. „Das Monitoring zeigt, dass Insekten und Spinnen dort vorkommen, wo standortgerecht und nach ökologischen Gesichtspunkten bewirtschaftet wird. Auf der Intensivwiese fanden wir weniger Insekten- und Spinnenarten und häufige Arten, die fast überall vorkommen.“

Die Zahl der beim Monitoring nachgewiesenen Arten ist beeindruckend. In Summe wurden im Zuge der Studie 395 Tierarten registriert.

  • 144 Wanzenarten (mit knapp 4.000 Individuen)
  • 113 Zikadenarten (mit knapp 6.400 Individuen)
  • 98 Spinnenarten (mit mehr als 1.800 Individuen)
  • 36 Heuschreckenarten und
  • 4 Weberknechtarten

Blühendes Österreich ließ artenreiche Wirbellose wie Heuschrecken, Wanzen und Spinnen, zudem Weberknechte untersuchen. Diese Tiere sind ideale Bioindikatoren für die Untersuchung der Artenvielfalt, da sie besonders sensibel auf Veränderungen in der Bewirtschaftung reagieren. Deren Vorkommen und Artenvielfalt auf einer Fläche misst den ökologischen Wert einer Landschaft.

„Es ist 5 vor 12. Die Insekten sind am Verschwinden, was verheerende Auswirkungen für Vögel und andere Tierarten hat, welche auf die Insekten in Form von Nahrung angewiesen sind. Letztendlich sind auch wir Menschen von einem intakten Ökosystem mit artenreichen Insekten abhängig“, warnt Gábor Wichmann von BirdLife Österreich.

„Unsere Bäuerinnen und Bauern zeigen, dass mit einfachen Pflegemaßnahmen und traditionellen Bewirtschaftungsformen die Artenvielfalt erhalten bleiben kann. Sie sind darauf Bedacht, unser natürliches Erbe zu schützen und Biodiversität einen Platz zu geben.

Wir freuen uns, seit 2014 mittlerweile 130 Betriebe beim Erhalt naturschutzfachlicher Flächen unterstützen zu dürfen“, so Ronald Würflinger von Blühendes Österreich.

Bedrohte Helden für die Vielfalt: der Kleine Pirat

In Niederösterreich auf der Fläche des Vereins für Landschaftspflege Niederösterreichs entdeckte man eine besondere Spinne, den Kleinen Piraten (Piratula latitans). Seine Bestände sind in ganz Österreich rückläufig, was mit der Trockenlegung von Feuchtlebensräumen, Düngung und der Entwässerung von Mooren zu tun hat.

„Der Kleine Pirat steht für eine gesunde Natur. Ein Artenreichtum an Tieren und Pflanzen in einem Ökosystem ist wichtige Grundlage für gesunde Lebensmittel“, berichtet der von Blühendes Österreich unterstützte Landwirt Manuel Denner.

„Mit einfachen Maßnahmen wie standortgerechte Bewirtschaftung oder dem Anlegen von artenreichen Blumenwiesen kann ein großer Beitrag für die Insektenvielfalt geleistet werden.

Es ist erfreulich, dass Blühendes Österreich über sein Programm FLORA gemeinsam mit BirdLife Österreich Bewirtschafter wie mich beim Erhalt von ökologisch wertvollen Flächen unterstützt“, erzählt der Landwirt aus Niederösterreich weiter.

Beim Monitoring Erstnachweise für Niederösterreich entdeckt

Beim Monitoring konnten in Niederösterreich auf einer verschilften Überschwemmungswiese bei Hörersdorf erstmals die Haken-Schilfspornzikade (Chloriona vasconica) und die Schilf-Weichwanze (Teratocoris antennatus) nachgewiesen werden, die in Mitteleuropa extrem seltene Raubwanze (Metapterus linearis) und die Große Reitgraszirpe (Paluda flaveola) zum zweiten Mal.

„Die Erstnachweise sind erfreulich, jedoch warnen wir vor Jubelmeldungen. Erstnachweise gibt es nur, weil in Österreich kaum seriöse Datenerhebungen zum Insektensterben oder der Artenvielfalt durchgeführt werden“, so Lydia Schlosser vom Ökoteam.

Die Ergebnisse sind eine Basis, um die Entwicklung der Artenvielfalt und die Rolle der ökologischen Bewirtschaftung der nächsten Jahre auf den untersuchten Wiesen zu beurteilen.

Blühendes Österreich und BirdLife Österreich möchten herausfinden, wie wirksam es für den Insektenschutz ist, heimische Wildblumen auf Intensivobstbestand zu säen oder auf Dünger zu verzichten. Welche Arten kehren zurück, wenn BewirtschafterInnen Bergwiesen von Fichten befreien oder Magerwiesenbrachen durch die Beweidung mit Schafen vor Verbuschung bewahrt werden?

Gábor Wichmann von BirdLife Österreich sagt: „Die im Zuge dieser Studie exemplarische Flächenauswahl wird uns 2-jährlich wissenschaftliche Ergebnisse über die Weiterentwicklung liefern. Durch die nachhaltige Pflege der gesamten Flächen erhoffen wir uns eine Verbesserung der Biodiversität. Wir wissen, dass die Natur sehr dankbar ist. Haben Tiere und Pflanzen genug Lebensraum kehren sie rasch zurück. Das gibt Hoffnung.“