Bezirk Gänserndorf: Muslime wurden Christen. Im Raum Groß-Enzersdorf konnten vor allem arabische Asylanten voll integriert werden.

Von Ulla Kremsmayer. Erstellt am 09. September 2020 (05:29)
Symbolbild
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Vergangenen Mittwoch beim Arbeitstreffen der Groß-Enzersdorfer Willkommensgruppe waren die Helfer zu siebt und saßen gemütlich beim Heurigen. Dereinst vor fünf Jahren quoll bei den ersten Treffen der Saal im Heimatmuseum über – an die 50 Menschen wollten helfen.

In Groß-Enzersdorf waren die ersten syrischen Flüchtlinge eingetroffen. Zwei Väter mit ihren Söhnen waren bei der NÖN-Reporterin untergebracht, eine Großfamilie im Lehrsaal des Roten Kreuzes.

Bald stieß eine weitere irakische Familie dazu. Ein Quartier in Neuoberhausen sorgte für Aufregung, noch mehr die Absicht, das damals leer stehende Hotel am Sachsengang mit Flüchtlingen zu belegen.

Die Angst vor islamistischen Terroristen, die hier eingenistet werden sollen, saß in manchen Köpfen fest. Um eine so große Welle zu verhindern, schrieb sogar der Bürgermeister einen Brief an die Groß-Enzersdorfer, doch besser ihre Privathäuser zu öffnen.

Pfarrer Helmuth Schüller ließ mithilfe der Caritas ein Containerdorf in Probstdorf errichten. Derweil lief die Hilfsarbeit auf Hochtouren. In den Seminarräumen des Roten Kreuzes wurde Deutsch unterrichtet, andere organisierten Kleiderspenden für den bevorstehenden Winter. Benefizkonzerte wurden veranstaltet, Geld gesammelt, wiederum andere sorgten für regelmäßige Treffen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen im Pfarrheim, bei Begegnungscafé.

Mit dazu gebetenen Dolmetschern wurden dann auch Adventbräuche besprochen, wichtiger war den Flüchtlingen aber die Frage, wie sie ihre Familie, die meist in irgendwelchen Camps in der Türkei, in Griechenland oder in Jordanien warteten, nachholen könnten. Rechtsberater wurden beigezogen. Vieles glückte, wenn auch schleppend.

Die Familie von Ahmad konnte ein Jahr später nach Wien kommen, die Familie von Abdulhamid wartete drei Jahre in Griechenland auf ihre Ausreise, keiner glaubte noch an das Wunder. Dennoch, die arabischen Flüchtlinge haben es großteils geschafft, haben Arbeit gefunden, ihre Kinder gehen in die Schulen. Einige Iraner sind Christen geworden und machen ebenso ihren Weg. Viele sind nach Wien gezogen, eine Wohnung in Groß-Enzersdorf war meist zu teuer.

Eine Familie wurde nach Kroatien abgeschoben, die Frau hat Asyl bekommen, der Mann ist nach Belgien weitergeflüchtet. Die afghanischen Flüchtlinge sind mittlerweile zermürbt. Das Containerdorf in Probstdorf wurde geschlossen, viele Schützlinge in alle Winde verlegt, nur wenige fanden hierorts Unterschlupf.

Asyl bekommt kaum einer. R., der afghanische Gärtner, wartet noch immer auf seine Entscheidung. Solange darf er nicht arbeiten, bekommt keinen Deutschkurs, muss von 200 Euro im Monat leben. Genauso M., der studierte Apotheker, der verzweifelt in seinem Zimmer hockt und darauf hofft, wenigstens ein unbezahltes Praktikum machen zu dürfen. Sein Apothekerkollege aus Syrien ist mittlerweile angekommen, er ist stolzer Qualitätsmanager bei Baxter geworden.

H. hingegen hat sein drittes „Negativ“ bekommen – sein Vater ist Kurde und mit seiner Familie vor Erdogan geflüchtet – der mittlerweile großjährig gewordene Sohn soll allein abgeschoben werden. Er ist inzwischen untergetaucht, wie D., der Äthiopier, der, obwohl politisch verfolgt, kein Asyl bekommt. Weil es eben laut Länderberichten der Behörden in Äthiopien oder Afghanistan oder in der Türkei keine Verfolgung geben darf.

Für die Helfer ist es teuer geworden, denn jetzt müssen Anwälte her, die Willkommensgruppe stößt an ihre Grenzen. Benefizkonzerte sind in Corona-Zeiten aber unmöglich geworden. So sitzen sie zu siebt beim Heurigen und fragen sich, warum sie sich das antun.

Die Hilflosigkeit rührt weiter, sagen sie, die Schicksale haben Gesichter bekommen, man will niemanden einfach im Stich lassen. So fließt aus so mancher Privattasche das Anwaltshonorar. Die Deutschkurse sind jetzt in ein kleines Flüchtlingsquartier übersiedelt. Die Kinder, die noch Nachhilfe brauchen, kommen ins Haus, ihre Sommerschule fand im Garten statt.

Die tägliche Kleinarbeit haben die Helfer am meisten unterschätzt. Das mühsame Deutschlernen der meisten Erwachsenen, die noch immer kein Formular ausfüllen können.

Die Lücken der Halbwüchsigen, die nie das Einmaleins in der Volksschule gelernt haben und jetzt Gleichungen mit zwei Unbekannten lösen müssen. Die nicht abgelegten Schleier, trotz eklatanten Vitamin-D-Mangels. Überhaupt, die hübschen Mädchen, die unter dem Kopftuch verschwinden.

Doch vieles in Groß-Enzersdorf funktioniert gar nicht mehr ohne sie: Wer schleppt die Sessel zum Konzert in der Au? Wer klebt Bilder der Ausstellung auf? Wer bindet Blumensträuße für Fronleichnam? Wer mäht unsere Rasen? Es sind die ehemaligen Flüchtlinge, die ihrerseits helfen wollen.

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