Aus dem Krieg nach Gänserndorf. Der Sozialverein „menschen.leben“ betreut in Wohngemeinschaften jugendliche, aber auch erwachsene Asylwerber.

Von Thomas Schindler. Erstellt am 25. April 2018 (03:57)
Einrichtungsleiterin Verena Berghofer (2.v.l.) und Vizebürgermeisterin Margot Linke mit den afghanischen Jugendlichen Bassir (r.) und Jawad in der Gänserndorfer WG.
Schindler

Sie sind 5.000 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimat entfernt und versuchen in Österreich, ein neues Leben ohne Krieg, Hunger und politische Verfolgung zu beginnen: Die Rede ist von den afghanischen Jugendlichen, die in den beiden Wohngemeinschaften auf der Gänserndorfer Bahnstraße untergebracht sind. Das Amtsdeutsch hat für sie eine eigene Bezeichnung geschaffen: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, kurz UMF. Die NÖN unternahm einen Lokalaugenschein.

Manche von ihnen haben bereits einen positiven Asylbescheid, andere warten noch voller Ungewissheit auf diesen. Bis zu ihrem 18. Geburtstag können sie auf jeden Fall hierbleiben – egal, was schließlich auf dem Behördenschreiben stehen wird. Betreut werden die jugendlichen Asylwerber vom gemeinnützigen privaten Sozialverein „menschen.leben“. Die Chefin der Gänserndorfer Einrichtung heißt Verena Berghofer – sie ist selbst eine „Zuagraste“, nämlich aus der Steiermark.

„Aus der Erwachsenen-WG engagiert sich ein Bewohner bei der Freiwilligen Feuerwehr Gänserndorf.“ Verena Berghofer, Einrichtungsleiterin

Zu ihren Schützlingen zählen unter anderem Bassir und Jawad, beide 17 Jahre alt, freundlich und zuvorkommend. Sie erzählen, wie sie vor drei Jahren aus ihrer Heimat flohen und ihre Familien zurückließen. Einmal im Monat telefonieren sie mit ihnen. Wollen sie später einmal retour? „Nein. Wir möchten in Österreich leben.“ Nur hier sehen sie eine Chance auf eine angstfreie Zukunft.

Bassir, Jawad und die anderen 23 jugendlichen Bewohner der Gänserndorfer WGs sprechen alle gut Deutsch. Entsprechende Kurse haben dies ermöglicht. Jawad wird demnächst eine Friseur-Lehre in Wien beginnen, Bassir ist noch auf der Suche nach einer Lehrstelle. Letzterer kickt auch in der Kampfmannschaft des FC-OMV-Gänserndorf-Süd. Sportlich sind beide.

Für Pflichtschul-Abschluss zweieinhalb Stunden Zugfahrt

Bassir holt derzeit in Mödling den Pflichtschul-Abschluss nach (Jawad hat diesen bereits) – zweieinhalb Stunden sitzt der Bursch dafür jeden Tag im Zug. Das macht ihm aber nichts aus. Er will lernen und einen Job bekommen – genauso die fünf erwachsenen Asylwerber, die in einer Wohngemeinschaft in der Peter-Rosegger-Gasse leben. Auch sie sind Afghanen und werden von Verena Berghofer und deren Verein betreut.

Zurück zu den jugendlichen Flüchtlingen: Sie sind oft schwer traumatisiert und brauchen deshalb besonderen Schutz und Fürsorge. In den beiden Gänserndorfer WGs werden sie an sieben Tagen die Woche 24 Stunden betreut – in erster Linie von Sozialpädagogen, aber auch von Kultur- und Sozialanthropologen, Integrationscoaches sowie muttersprachlichen Mitarbeitern. Finanziert wird alles vom Land NÖ.

„Es gibt auch die Möglichkeit, Patenschaften zu übernehmen. Diese Paten treffen sich regelmäßig mit den Jugendlichen, helfen ihnen beim Lernen und unternehmen Ausflüge“, erklärt Berghofer. Übrigens: Jawad „zieht“ es regelmäßig auf die Wiener Donauinsel, genauer zum dortigen Beachvolleyball-Platz. Warum? „Dort spiele ich mit Österreichern, Afghanen, Syrern, Mexikanern, Italienern und Amerikanern. Das macht Spaß.“

Es gibt sie also doch – die von Jawad erhoffte Multikulturalität, nur eben 5.000 Kilometer Luftlinie von seiner ursprünglichen Heimat entfernt.