Erstellt am 09. März 2018, 05:29

von Edith Mauritsch

OMV sucht nach Gas-Lagerstätten. Seismologische Messungen ergründen „jungfräulichen“ Boden im Marchfeld und liefern Erkenntnisse über die Beschaffenheit.

Helga Vogg, Geophysiker und technischer Projektleiter Bernhard Novotny und Pressesprecherin Elena Menase am Feld.  |  Mauritsch

Eine Dreiergruppe tonnenschwerer Kolosse fährt über die Äcker, bleibt bei Holzpflöcken stehen und dann geht’s los: Synchron werden Platten abgesenkt und mit einer Anregungsfrequenz von 2 bis 90 Hertz Schwingungen in den Boden gesandt – die OMV führt im Bezirk seismologischen Messungen durch, die bis in eine Tiefe von 6.000 Metern gehen.

Auf der „Fahndungsliste“ stehen spezielle geologische Formationen, die Vorkommen von Gas vermuten lassen und, laienhaft ausgedrückt, drei Faktoren aufweisen müssen: einen sehr heißen „Suppenkessel“, poröses Gestein, das Gas speichert, und oben drüber eine dichtende Schicht aus Ton als Deckel.

„Ein neues Verständnis für den Boden“

Poröses Gestein im flachen Marchfeld? „Die Kalkalpen senken sich unter Wien ab und setzten sich unterm Marchfeld weiter fort“, so die Vermutung. „Mit diesen präzisen Messungen bekommen wir ein ganz neues Verständnis für den Boden“, erklärt OMV-Gänserndorf-Geschäftsführer Reinhard Oswald.

Wie funktioniert das genau? Messstationen verteilen sich nach einem genauen Plan über eine Fläche von rund 144 km , daran hängen insgesamt tausende Messboxen, jede nicht einmal so groß wie eine Zigarettenschachtel und ausgerüstet mit einer leistungsfähigen Batterie sowie einen ebensolchen Datenspeicher. Die Vibrationsgeräte fahren den Raster ab, insgesam 52.500 sogenannter Anregungspunkte.

Wenn ein Planquadrat fertig ist, kommt das nächste dran und so schiebt sich das Vermessungsgebiet von Schönkirchen-Reyersdorf und Ebenthal im Norden Richtung Süden bis hinunter zur Donau und im Osten bis an die March. „Im besiedelten Gebiet beginnen wir mit 12 Hertz“, erklärt der technische Leiter, Geophysiker Bernhard Novotny. Wenn man neben den Geräten steht, vibriert der Boden schon spürbar.

„Kann sein, dass Gläser im Schrank klirren“

Wie ist das mit Gebäuden? „Grundsätzlich sollten Gebäude eine Schwingungsgeschwindigkeit bis 12,5 mm pro Sekunde aushalten, wir hören bei 4 auf. Dazu setzen wir Schwingungsmesser ein und wenn Anrufe kommen, sind immer Mitarbeiter vor Ort, die sofort Nachschau halten“, erläutert Novotny. „Es kann schon sein, dass Gläser im Schrank klirren. Die Verweildauer können wir jedoch mit maximal einer halben Stunde sehr kurz halten.“

Die zu vermessende Fläche beträgt insgesamt rund 600 km . Die Arbeiten müssen bis Ende März abgeschlossen sein, allein um die Äcker für die Sähtätigen im Frühjahr wieder „stationsfrei“ zu haben. Dann ist die Feldarbeit vorbei und die Rechner haben Hochsaison. Unglaubliche 140 Terrabytes an Daten müssen sich zu einem Bild zusammenfügen, wobei „Bild“ hier nicht wörtlich zu nehmen ist. Das Ergebnis schaut nämlich eher aus wie das Flimmern eines alten Schwarz-Weiß-Fernsehers nach Programmende. Im nächsten Schritt interpretieren Geologen und Geophysiker dieses Bild und bis Mitte 2019 könnte feststehen, wo sich Bohrungen lohnen. Ob das „Überraschungsei“ enthält, was man vermutet, steht erst fest, wenn definitiv gebohrt wird – und das ist frühestens 2020 der Fall.

Wie ist die Erwartungshaltung der OMV? Oswald schmunzelt und zeigt Zuversicht: „Wir erwarten sehr viel, im Idealfall eine Verdoppelung der Reserven.“ Die Investitionen für diese seismologischen Messungen liegen im zweistelligen Millionenbereich, ein erfolgreiches Ergebnis wäre daher positiv für die OMV – aber auch für die Region.