1972: Als aus 27 Gemeinden plötzlich acht wurden. Nicht immer war es eine Liebesheirat. Die größten Spannungen gab es in Groß-Enzersdorf, wo der Bürgermeister „geschnitten“ wurde.

Von Thomas Schindler, Robert Knotz, Elisabeth Hess, Vera Coursolle und Ulla Kremsmayer. Erstellt am 21. April 2021 (04:30)
Am 28. April 1972, wenige Wochen nach der Fusion von Palterndorf und Dobermannsdorf, besuchte Kardinal Franz König die Gemeinde.
Archiv Ehrhäusl, Archiv Ehrhäusl

Vor 50 Jahren fanden die bislang letzten großen Gemeinde-Zusammenlegungen statt – auf dem Papier. Damals wurde nämlich das Gesetz zur Verbesserung der Kommunalstruktur im NÖ Landtag beschlossen, 1972 trat der Beschluss in Kraft. Auch im Bezirk wurden kleinere Kommunen zu neuen Großgemeinden „fusioniert“. Wie war die Situation damals? Und wie ist sie heute?

Meißl: "Ein harter Kampf"

„Wäre damals dieses Gesetz nicht beschlossen worden, hätten sich Mannersdorf und Stillfried sicher nicht Angern angeschlossen. Heute hat man sich daran gewöhnt“, meint SPÖ-Bürgermeister Robert Meißl. Aus Erzählungen weiß der Angerner Gemeindechef, dass die Zusammenlegung ein harter Kampf war. Warum? „Angern sollte dem Schulsprengel Matzen zugeteilt werden. Da ging es um die Hin- und Rückfahrt zur Schule, was sehr kompliziert geworden wäre.“ Dies habe man sich durch die Zusammenlegung erspart. Übrigens: Ollersdorf hatte sich bereits 1968 freiwillig Angern angeschlossen.

Zistersdorf ÖVP-Bürgermeister Helmut Doschek steht den Zusammenlegungen „seiner“ Gemeinden überwiegend positiv gegenüber: „Die Vorteile liegen auf der Hand.“ Trotzdem: Neun Gemeinden unter einem Hut zu bringen, sei eine Herausforderung: „Man muss alles mal neun rechnen – neun Seniorenvereine, neun Feuerwehren, das Wegestraßennetz aufrechterhalten – mit jedem Jahr wird’s ein bisschen besser.“ In der jungen Generation spiele der Ortschaftsstolz keine Rolle: „Es gibt ihn aber noch in der älteren Generation.“

Die Gemeinden Palterndorf und Dobermannsdorf wurden zu Palterndorf-Dobermannsdorf fusioniert. Laurentius Ehrhäusl, ehemaliger Volksschuldirektor und Ex-ÖVP-Obmann, erinnert sich: „Die zwei Gemeinden hatten beide einen Führungsanspruch, da gab es schon auch Reibereien. Parteimäßig war man sich nicht immer einig.“

Die Marktgemeinde Jedenspeigen und die Gemeinde Sierndorf sind ebenfalls seit 1972 vereint. Der heutige ÖVP-Bürgermeister Alfred Kridlo blickt zurück: „Dies war keine Liebesheirat, auch aufgrund der Parteipolitik gab es Querelen.“ Mittlerweile wuchsen die Orte, begünstigt durch Vereinstätigkeiten, zusammen. So gibt es einen gemeinsamen Musikverein, Tennisverein, Weinbauverein und Theaterverein.

Sierndorf behielt Identität

Trotzdem hat das kleinere Sierndorf noch seine eigene Identität – zum Beispiel in Form des Dorferneuerungs- und Verschönerungsvereins. „Das Gemeinsame zählt aber“, betont Kridlo. Zeitzeugin Gerlinde Stohl aus Sierndorf: „Damals hat das keiner verstanden und jeder dachte, die Zusammenlegung wird so nicht funktionieren.“ In Sierndorf seien die Straßen schon asphaltiert gewesen, in Jedenspeigen hingegen noch nicht. Im Nachhinein sei die Entscheidung zur Zusammenlegung aber richtig gewesen.

Herbert Sivec, Jahrgang 1933, ist Zeitzeuge der Gemeindefusion in Groß-Enzersdorf. Er kam 1970 für die SPÖ in den Gemeinderat. Groß-Enzersdorf, die vormalige Bezirkshauptstadt und später für den 22. Bezirk namensgebend, gehörte erst 1954 wieder zu NÖ und galt als eine sogenannte Wiener Randgemeinde, die nach dem „7erSchlüssel“ eine höhere finanzielle Dotierung zugestanden bekam.

Einige dieser Gemeinden hatten es mit diesem budgetären Polster nicht so eilig mit der Zusammenlegung. Raasdorf, Glinzendorf oder Großhofen blieb sie sogar ganz erspart. Doch wie sie das geschafft haben, weiß auch Raasdorfs ÖVP-Bürgermeister Walter Krutis nicht mehr. Es war jedenfalls so, dass sich die Ex-Wiener mit den Niederösterreichern nicht mischen durften, das dürfte eine Rolle gespielt haben. „Und natürlich waren das auch politische Entscheidungen“, so Krutis. Mit dem roten Groß-Enzersdorf wollte man nicht so gern zusammengehen.

Er, gebürtiger Probstdorfer, kann sich noch an deftige Worte des damaligen Stadtler Bürgermeisters Hubert Haunold an der Wirtshausbudel erinnern, der dafür bekannt war, viele Probleme bei einer Achterl-Runde zu lösen. Für Groß-Enzersdorf gab es mehrere Pläne, erzählt Sivec. Die Größe der heutigen Groß-Gemeinde stand schon zu Beginn, also noch während der Phase der freiwilligen Zusammenlegung, auf dem Tapet, doch da regte sich der politische Widerstand.

„Groß Enzersdorf wäre damals wohl schwarz geworden“, ist Sivec überzeugt. Dennoch weigerten sich ausgerechnet die ländlichen, tiefschwarz dominierten Gemeinden wie Probstdorf, Franzensdorf oder Schönau ganz vehement gegen die Annexion. So begann das rote Groß-Enzersdorf mit den ebenfalls roten Gemeinden Oberhausen und Rutzendorf zu verhandeln – und die freiwillige Zusammenlegung wurde vollzogen.

Ein Jahr später mussten auch die anderen Orte folgen. Die Ablehnung spürte man deutlich. Beim Feuerwehrball in Probstdorf bekam Sivec keinen Sitzplatz. Seine Frau war an einem Sonntagvormittag nach der Einweihung eines Marterls im Wirtshaus unerwünscht: „Frauen gingen dort nicht ins Wirtshaus.“ Seine Tochter, SPÖ-Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec, spürt die Unfreiwilligkeit des Zusammenschlusses bis heute: „50 Jahre sind für solche Prozesse offenbar zu wenig.“

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