Anton Wambach: „Wir sind Herdentiere“. Psychotherapeut Anton Wambach über die psychischen Auswirkungen des Lockdowns, evolutionäre Prägungen und darüber, wie Masken die Kommunikation behindern.

Von Edith Mauritsch. Erstellt am 26. Juni 2020 (05:19)
Anton Wambach: „Telefonie kann direkten Kontakt nicht ersetzen.“
Mauritsch

Social Distancing, Großeltern als Risikogruppe – das Coronavirus brachte Veränderungen in unserer Gesellschaft. Die NÖN sprach mit Psychotherapeut Anton Wambach aus Gänserndorf.

NÖN: Was macht Social Distancing in unserem Kopf?

Wambach: Wir brauchen eine gewisse Zeit, um das zu realisieren. Die Menschen konnten sich nicht treffen, sich nicht umarmen, sich nicht austauschen, das macht etwas mit den Menschen. Wir sind soziale Wesen.

Werden wir in Nach-Corona-Zeiten wieder so sein wie früher?

Wambach: Auch wenn sich die Verhältnisse ändern, ein Impfstoff vorhanden ist, wird diese Zeit noch länger spürbar sein. Ich vermute, dass wir ein höheres Hygienebewusstsein entwickeln werden.

Wie wirkt sich der Lockdown auf ältere Menschen aus?

Wambach: Hier kommt zum Tragen, dass sich ältere Menschen mit Technik vielleicht nicht so auskennen. Moderne Kommunikationsmöglichkeiten fallen dann weg. Reine Telefonie ist zwar zumindest ein Gespräch, kann den direkten Kontakt aber nicht ersetzen.

Wir haben in Jahrtausenden gelernt, in schweren Zeiten zusammenzurücken. Jetzt sollen wir genau das nicht machen. Widerstrebt das unserer Prägung?

Wambach: Grundsätzlich geht das gegen unsere evolutionäre Entwicklung. Sigmund Freud hat das in seinem Buch „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ 1925 beschrieben. Der Mensch ist eine Art Herdentier. Man erkennt das daran, dass ein Kind schon zu weinen beginnt, sobald man es allein lässt.

Wie wirkt sich Social Distancing auf Gruppen aus? Stichwort Kinder in der Schule oder Senioren.

Wambach: Es kommt darauf an, wie die Gruppe zusammengesetzt ist, welche Charaktere in der Gruppe sind und – vor allem – wie lange die Gruppe getrennt ist. Wenn es nur die drei Monate sind, sehe ich hier weniger Gefahr eines Zerfallsprozesses. Anders schaut es bei längeren Zeiträumen aus.

Virologen sehen die Gefahr einer zweiten Welle. Besteht die Gefahr, dass wir vereinsamen, wenn es dazu kommen sollte?

Wambach: Da kommt es darauf an, wie Kontakte aufrechterhalten werden. Wenn man regelmäßig auf irgendeine Art zusammen sein kann, sehe ich hier keine Gefahr. Wenn Kontakte aber nachlassen, die Menschen mürbe werden oder es ihnen auf die Nerven geht, kann das zu Problemen führen.

Die ältere Generation gilt als Risikogruppe, soziale Aktivitäten wurden auf null reduziert. Jetzt ginge es zwar wieder, Treffen finden trotzdem zum großen Teil nicht statt. Aus psychologischer Sicht – ist das gut?

Wambach: Gerade jetzt besteht ja die Möglichkeit, dass die Menschen draußen etwas machen, auch in Pflege- und Seniorenheimen. An der frischen Luft ist die Gefahr gering.

Die Mund-Nasen-Masken bedecken die Hälfte unseres Gesichtes, damit auch die Hälfte unseres Kommunikationsapparates. Wie beeinflusst uns das?

Wambach: Ja, das ist eine Einschränkung, weil wesentliche Teile wie Mimik fehlen. Es ist schwieriger einzuschätzen, wie man beim Gegenüber „dran“ ist. Man kann an den Augen etwas erkennen, aber nicht alles.

Was bedeuten diese Krise und unsere neuen Verhaltensweisen für Kinder?

Wambach: Ganz kleine Kinder verstehen das nicht. Andererseits sehe ich viele, die sagen: „Nein wir dürfen uns jetzt nicht treffen, das ist gefährlich.“ Emotional kann man aber noch nicht absehen, was im Heranwachsen an psychischen Schäden auftritt. Das könnte sich auf das Beziehungsverhalten auswirken. Alles, was ein Kind von 0 bis 6 Jahren mitbekommt, brennt sich dauerhaft ein.

Was können wir tun, um dem entgegenzuwirken?

Wambach: Gerade in der Kernfamilie, wo ja keine Distanz eingehalten werden muss, können Eltern versuchen, mit vermehrter Zuwendung den Kindern gegenüber ausgleichend zu wirken. Das ist allerdings ein schmaler Grat, um nicht in ein „Zuviel“ zu verfallen.