Die OMV richtet sich neu aus. Ein Umbau des Konzerns in Richtung Chemie wird forciert. Öl- und Gasförderung sollen aber das Kerngeschäft bleiben.

Von Edith Mauritsch. Erstellt am 18. Februar 2021 (04:19)
Der Energiekonzern OMV forciert einen Umbau in Richtung Chemie.
Mauritsch

Seit mehr als sechs Jahrzehnten steht die OMV für Öl- und Gasförderung. In letzter Zeit wird jedoch deutlich ein Umbau des Konzerns in Richtung Chemie forciert. Dies ist wohl nicht (oder nicht nur?) dem Umstand geschuldet, dass OMV-Boss Rainer Seele gelernter Chemiker ist, sondern kann auch als eine Anpassung an geänderte Rahmenbedingungen gesehen werden. Was heißt das für den Standort Gänserndorf – immerhin einer der größten und wohl auch beständigsten Arbeitgeber im Bezirk?

Vorwärtsintegration in den Chemiesektor nennt die OMV auf ihrer Presseseite den Prozess, der mit dem Kauf von Borealis deutlich wurde. Personelle Rochaden wie die Bestellung des OMV-Vorstandes Thomas Gangl zum Borealis-Chef und vice versa die Besetzung des bisherigen CEO (Chief Exekutive Officer) des Chemieunternehmens Alfred Stern als Vorstand des neu intabulierten Bereiches Chemicals & Materials zeigen, wohin der Weg wohl gehen soll. Es fand schon in der Konzernsprache seinen Niederschlag, nun ist in der jüngsten Pressemeldung schon von der OMV als „Öl- Gas- und Chemiekonzern“ zu lesen.

„Öl und Gas leisten nach wie vor auch einen wesentlichen Betrag zur sicheren Energieversorgung Österreichs.“ Reinhard Oswald, Geschäftsführer OMV Austria

Bloß: Alle diese Bereiche sind nicht im Bezirk angesiedelt. Dies wirft die Frage auf, wie es mit der OMV Austria in Gänserndorf weitergehen wird. Geschäftsführer Reinhard Oswald ist sich sicher: „Öl und Gas bleiben unser Kerngeschäft. Wir verwenden beides als Rohstoff für die petrochemische Industrie. Öl und Gas leisten nach wie vor auch einen wesentlichen Betrag zur sicheren Energieversorgung Österreichs.“

Dieser schlägt mit rund 10 Prozent des heimischen Bedarfes zu Buche. Pressesprecherin Elena Menasse zur NÖN: „Für 2021 ist die Produktion von rund 20.000 Barrel Öläquivalent (Fass, Anm.) geplant, das ist vergleichbar mit dem Vorjahr.“

Bohrungen sind direkt abhängig von Weltmarktpreis, derzeit sieht die OMV keine besondere Auswirkung auf den Bezirk. Während aber immer mehr „Windmühlen“, so der Fachausdruck, im Bezirk in den Himmel wachsen, schrumpfte der Personalstand der OMV mit den Jahren. In manchen Familien fanden zwei, manchmal sogar drei Generationen Arbeit. Oder wie eine Passantin es ausdrückte: „Windräder sichern keine langfristigen Arbeitsplätze.“ Deren Betreiber sehen das wohl anders.

Könnte nun der langsame Umbau des Standortes Gänserndorf in Richtung Chemie ein Szenario sein? Die Antwort ist durchaus kryptisch: „Die Energiewende bietet viele Möglichkeiten – Schritt für Schritt und Hand in Hand“, so die Menasse. Speziell im Bereich „ReOil“ – die Verwertung von Kunststoffabfällen zu synthetischem Rohöl – drängt sich die Frage auf, ob es hier Potenzial gäbe, baut der Gemeindeumweltverband (GVU) doch in den nächsten Jahren hochwertige Sammelzentren im Bezirk. Menasse antwortet: „Mit der von der OMV entwickelten Recyclingtechnologie können Kunststoffabfälle aus Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol verarbeitet werden. Diese Arten finden sich sowohl in Abfällen aus Haushalten als auch in Industrie- und Gewerbeabfällen, bedürfen allerdings einer gewissen Vorsortierung und Aufbereitung. Sollte der GVU an einer Zusammenarbeit interessiert sein, freuen wir uns über eine Kontaktaufnahme.“

Es scheint also, dass mit der Öl- und Gasförderung zumindest in den nächsten Jahren der Standort Gänserndorf und die Kommunalsteuereinnahmen für die Gemeinden gesichert sind. Ausrasten wird man sich darauf wohl allerdings nicht wirklich können.