NS-Zeit: Gras wächst über die ehemaligen Lager

Erstellt am 23. Juni 2021 | 05:55
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Ankunft französischer Zwangsarbeiter 1943 im Durchgangslager in Strasshof: Die Geschichte des Lagers geriet nach Kriegsende vor Ort in Vergessenheit.
Foto: privat, privat
30 Lager betrieben die Nazis einst im Bezirk Gänserndorf. Das größte befand sich in Strasshof: Dort litten über 20.000 jüdische Gefangene.
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Das Bundesdenkmalamt hat über 2.100 Orte in Österreich ausgemacht, an denen die Nationalsozialisten einst Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager betrieben. Auch im Bezirk Gänserndorf gab es mehrere dieser unmenschlichen Lager, nämlich genau 30. Was ist eigentlich in der Folge an diesen Orten passiert? Sind sie noch erhalten? Gibt es Gedenktafeln? Die NÖN hörte sich um.

An die ehemaligen beiden Lager in der Bezirkshauptstadt erinnert heute nichts mehr. Wo genau das Zwangsarbeiterlager für Juden stand, ist nicht einmal bekannt. Immerhin weiß man, wo sich das sogenannte „HEILAG XVIIa“, ein Heimkehrerlager für jugoslawische Kriegsgefangene, befand – nämlich in der Wiener Straße 7, dort, wo derzeit das Gänserndorfer SPÖ-Bezirksbüro angesiedelt ist. Von hier wurden damals die jugoslawischen Gefangenen nach Hause in ihre Heimat entlassen.

In der Gemeinde herrscht Unwissenheit

Eine Gedenktafel gibt es nicht. Bürgermeister René Lobner darauf angesprochen: „Ich höre von diesem Lager zum ersten Mal. Mich hat auch noch nie jemand darauf angesprochen.“ Vermutlich leben nur noch wenige Gänserndorfer, die von der Existenz des Lagers wissen. Lobner: „Gedenktafeln haben wir bei unserer ehemaligen Synagoge und dem Jüdischen Friedhof.“

Das größte NS-Lager im Bezirk war zweifellos das Durchgangslager (DULAG) in Strasshof, eines der zentralen Lager für ausländische Zwangsarbeiter aus ganz Europa. Zehntausende Menschen wurden zum Teil unter Zwang, zum Teil unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dorthin gebracht und auf die unterschiedlichsten Arbeitsstätten im Osten Österreichs verteilt.

Hunderte kamen vor Ort zu Tode. 1944 wurden zudem über 20.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Ungarn nach Strasshof zur Zwangsarbeit deportiert. Vor allem ältere Menschen und Kinder entgingen damit ihrer Ermordung in Auschwitz und konnten den Holocaust überleben. Die Geschichte des Lagers geriet nach Kriegsende vor Ort in Vergessenheit.

Strasshofer Verein arbeitet Geschichte auf

Gestrüpp und Gras wachsen heute über den letzten baulichen Resten des Durchgangslagers, einem Leidensort Tausender Menschen. Bürger der Gemeinde Strasshof haben sich auf die Suche nach den Spuren dieses nationalsozialistischen Verbrechens gemacht, im Jahr 2009 den Verein Arbeitsgruppe Strasshof (VAS) gegründet und 2011 ein Erinnerungsmal für die Opfer errichtet, damit deren Schicksal nicht vergessen wird.

„Wir pflegen regelmäßig persönlichen Kontakt mit den vorwiegend ungarischen Opfern. Seit 2013 findet jährlich eine Gedenkfeier beim Erinnerungsmal statt, die aber im Vorjahr wegen Corona abgesagt werden musste. Wir hoffen, dass die Feierlichkeiten heuer stattfinden können“, erklärt VAS-Obmann Bernhard Blank.

Auch in Groß-Enzersdorf gab es mehrere NS-Lager für Zwangsarbeiter. Bei der Gutsverwaltung Lobau in der Lobaustraße (heute landwirtschaftlicher Betrieb der Stadt Wien), in der Lobau selbst, beim Donau-Oder-Kanal sowie beim Tanklager beim Ölhafen. Im Groß-Enzersdorfer Stadtgebiet in der Rutzendorfer Straße sowie auf Gutshöfen in Rutzendorf und in Matzneusiedl sowie auf Schloss Sachsengang.

Wechsel der Eigentümer brachte Mantel des Schweigens

Die Orte lagen damals alle auf Wiener Gebiet, aber unter der Hoheit des Bezirkes Groß-Enzersdorf, heute Donaustadt. Auch in Raasdorf (Ortsteil Pysdorf) sind zwei Lager verzeichnet. „In Groß-Enzersdorf ist da ein Mantel des Schweigens über diese Dinge gelegt worden“, sagt Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec: „Viele Häuser und Äcker haben die Besitzer gewechselt, das wirkt bis heute.“

Einige der neuen Eigentümer seien dann auch im Gemeinderat gesessen und waren nicht daran interessiert, dass da etwas aufgearbeitet würde. Erst mit der Judenausstellung vor wenigen Jahren habe man begonnen, die Geschichte ernsthaft zu beleuchten. „Groß-Enzersdorf war ein wichtiger Baustein der jüdischen Geschichte in Ostösterreich. Wir wollen an der Darstellung schon weitermachen.“

Vom Bundesdenkmalamt wurde die Gemeinde nicht kontaktiert: „Wir werden aber nachfragen. Die Ergebnisse sollten auch für uns nutzbar gemacht werden.“ Nachfragen beim Stadtarchivar Josef Redl ergaben wenig. „Man konnte annehmen, dass auf den Gutshöfen Zwangsarbeiter eingesetzt waren, aber Genaues wissen wir nicht.“ Zeitzeugen sind kaum noch am Leben.

Polin erzählte von „schönsten Jahren“

Markus Niemann, einer der Mitbesitzer von Schloss Sachsengang, weiß nur, „dass der Gutshof von seinem Großvater an die deutsche Südzucker – heute Mehrheitseigentümer der Agrana – verpachtet war: „Dafür gab es sicher Zwangsarbeiter.“ Und: „Einmal kam eine Polin auf Besuch zu meiner Mutter und erzählte dankbar, dass die Jahre am Sachsengang zu ihren schönsten in der Kriegzeit gehörten. Was muss die Frau sonst noch durchgemacht haben ...“

Auch Gerhard Riesch, Lebensgefährte der Heimatforscherin Sophie Schwindshackl, konnte sich an Zwangsarbeiter im Gut Sachsengang erinnern. Sein Vater kam als Verwalter aus Deutschland hierher. „Gerhard hat mir erzählt, dass er aus Pferdedecken Decken für die Zwangsarbeiter nähte, damit sie in den kalten Nächten nicht frieren mussten“, so Schwindshackl. Ihr eigener Vater, ein Baumeister in Eßling, beschäftigte „französische Fremdarbeiter, mit denen konnte man sich nett unterhalten“.

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