Rüsselkäfer-Plage: "Todesurteil für den Rübenbau". Nach dem EU-Verbot von Neonicotinoiden herrscht bei den Bauern Panik. Die Grünen fordern Flexibilität.

Von Thomas Schindler und Stefan Havranek. Erstellt am 03. Mai 2018 (05:31)
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Der Quell allen Unheils: ein Rübenderbrüssler (links) neben einer Rübenjungpflanze.
Pelikan

Die Meldung über das mögliche Aus für die Zuckerfabrik in Leopoldsdorf schlug wie eine Bombe ein. Wie berichtet, bedroht der sogenannte Rüsselkäfer massiv die Zuckerrüben-Ernte, was wiederum zur Schließung der Zuckerfabrik und zum Verlust von mindestens 450 Jobs führen könnte.

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Grünen-Bezirkssprecherin Beate Kainz: „Der Rüsselkäfer ist nicht der Grund für das Problem der Landwirte.“
Schindler

Die Grünen im Bezirk sehen die Ursache der Misere aber woanders – und nicht, wie die Bauern betonen, im Verbot der Neonicotinoide, eines Insektizids, das am Freitag von der EU beschlossen wurde und mit Jahresende in Kraft treten soll.

Beate Kainz, Bezirkssprecherin der Öko-Partei, erklärt gegenüber der NÖN: „Es gibt chemische Spritzmittel, die sogar für Bio-Bauern zugelassen sind und gegen den Rüsselkäfer helfen, zum Beispiel das Mittel Trico.“ Wesentlich besser, so Kainz, wäre natürlich die Bekämpfung des Schädlings mit Nützlingen, etwa mit Fadenwürmern (Nematoden): „Vermutlich können diese jetzt nicht mehr großflächig ausgebracht werden. Die Vorräte würden wohl nicht ausreichen.“

„Die Politik lässt uns sterben. Warum schreit niemand auf? Es geht um Arbeitsplätze und die Zukunft der Landwirtschaft.“ Manfred Zörnpfenning, LK-Bezirksobmann

Im Übrigen, so die Grünen-Politikerin, sei der Rüsselkäfer lediglich das i-Tüpfelchen, aber keinesfalls der Grund für das Problem der Landwirte und das drohende Aus der Zuckerfabrik: „Es wäre durchaus möglich, dass die Arbeitsplätze weniger von der Verwendung chemischer Keulen im Rübenanbau abhängig sind, sondern von den Förderungen, die es seit Kurzem nicht mehr gibt.“

Kainz: „Reflexartiger Ruf nach Chemie-Keule“

Es dürfte schon seit geraumer Zeit feststehen, dass sich der Rübenanbau mit dem Wegfall der Zuckermarktordnung nicht mehr lohnt. Die Konsequenz daraus ist die Schließung der Zuckerfabrik, so Kainz: „In unseren Breiten wird es immer wärmer und deshalb kommen neue Schädlinge. Jetzt reflexartig nach der berühmten chemischen Keule zu rufen, die die Nebenwirkungen beseitigt, aber nichts gegen die Ursache unternimmt, ist ausgesprochen kurzsichtig.“ Die Grüne abschließend: „Die Bauern wissen schon lange, dass sie ihre Anbaupläne den neuen klimatischen Voraussetzungen anpassen müssen. Die passenden Gifte könnten die Umstellung vielleicht verzögern – verhindern können sie diese aber nicht.“

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Bezirksbauernkammer-Obmann Manfred Zörnpfenning fühlt sich von der Politik im Stich gelassen.
Havranek

Solche Aussagen bringen Bezirksbauernkammer-Obmann Manfred Zörnpfenning in Rage: „Für die Bauern des Marchfelds begann am Freitag eine neue Zeitrechnung. Das ist das Todesurteil für den Rübenbau. Das hätte niemand auch nur zu denken gewagt.“ Bereits am Freitag seien 10.000 der 40.000 Hektar Rüben „weg“ gewesen, über die Ausfälle vom Wochenende kann Zörnpfenning noch keine Angaben machen: „Aber es gibt mittlerweile mehr Käfer als Rüben pro Hektar.“

Von der „Alternative Trico“ hält er nichts: „Das hilft nicht.“ Diese Erfahrung hätten auch viele andere Bauern gemacht. Außerdem würde das Mittel die Käfer nur vertreiben, sie würden dann weiterziehen und andere Bestände befallen: „Die Politik lässt uns Bauern sterben. Warum schreit hier niemand auf? Es geht um Arbeitsplätze und die Zukunft der Landwirtschaft.“ Er stellt klar: „Wir wollen eine aktive, produzierende Landwirtschaft und nicht ,Hollywood-Bauern’ sein, die von Förderungen abhängig sind und nicht rentabel arbeiten können.“

Der stellvertretende Landesvorsitzende der SP-Bauern, Ernst Wagendristel aus Weikendorf, pflichtet Zörnpfenning bei: „Ohne Neonicotinoide ist der Rübenbau derzeit nicht durchführbar. Man muss abwägen – was gefährdet Bienen wirklich, was ist vertretbar? Außerdem müssen die Produktionsbedingungen generell verbessert werden. Ich meine damit Themen wie Agrodiesel oder die Elektrifizierung von Feldbrunnen. Es kann nicht sein, dass Landwirte nur mit immer höheren Kosten konfrontiert sind.“

„Mehraufwand bei anderen Wirkstoffen“

Auch von Agrana-Sprecher Markus Simak kommt Kritik am Neonicotinoide-Verbot: „Anstatt der bisher eingesetzten Saatgutbeizung, die punktuell an und im Umkreis der Rübenpflanze wirkt, wird es künftig je nach Befall zu einer mehrmaligen flächigen Behandlung des gesamten Feldes kommen müssen. Dabei werden andere Wirkstoffe eingesetzt. Dies ist weniger effizient und bedeutet für den Rübenbauern einen erheblichen Mehraufwand.“

Eine mögliche Schließung der Zuckerfabrik will er nicht bestätigen: „Die vertraglich festgelegte Anbaufläche ist heuer nahezu konstant und wenngleich eine regionale Rüsselkäferplage einen Flächenumbruch erforderte, gehen wir bei einer durchschnittlich ertragreichen Ernte 2018/2019 von zwei ausgelasteten Zuckerfabriken aus.“

Leopoldsdorfs SP-Bürgermeister Thomas Nentwich ist der „Paradebetrieb“ Zuckerfabrik als einer der größten Arbeitgeber der Region außerordentlich wichtig, nicht nur wegen der 300.000 Euro pro Jahr an Kommunalsteuer-Einnahmen: „Sofort nach Bekanntwerden der Problematik habe ich mich mit Werksleiter Elvis Makic und Arbeiterbetriebsrat Walter Rotter kurzgeschlossen und Hilfe angeboten, wenn es darum geht, Behörden und Entscheidungsträger von der Notwendigkeit der Zuckerfabrik zu überzeugen.“

Betreffend das Verbot von Neonicotinoiden jagt derzeit eine Krisensitzung die andere, wie auch Zörnpfenning bestätigen konnte. Demnach werden aktuell Gespräche zwischen Rübenbauern-Vertretern sowie dem Ministerium für Landwirtschaft und Nachhaltigkeit geführt. Eine Entscheidung wird in den nächsten Tagen erwartet.