Sarah Wiener: „Handel schneidet Bauern die Würde ab“. Drei Tage lang waren  Europas Landwirtschaftsminister zu Gast in Niederösterreich.

Von Carina Rambauske. Erstellt am 26. September 2018 (18:35)
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BMNT/Paul Gruber

Im Zentrum der informellen Tagung stand die gemeinsame EU-Agrarpolitik. Vor dem Treffen auf Schloss Hof am Dienstag sprach NÖN-Redakteurin Carina Rambauske mit Österreichs Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) und Star-Köchin Sarah Wiener, die zu Beginn der Plenarsitzung eine Key Note hielt, über Herausforderungen und Vielfalt in der Landwirtschaft, der Preis von Lebensmitteln und die Rolle der Europäischen Union dabei.

NÖN: Am Montag fuhren Sie mit Europas Landwirtschaftsministern durch Niederösterreich und besuchten  die Eis-Greisslerei von Andrea und Georg Blochberger in Krumbach und Michael Mandls Ziegenhof. Wie lautet denn Ihr Resümee von diesem Tag?

Elisabeth Köstinger: Uns war es wichtig, den europäischen Landwirtschaftsministern die Vielfalt unserer Landwirtschaft zu zeigen. Dafür bietet sich Niederösterreich natürlich speziell an, da es hier – vom intensiven Ackerbau, der Gemüseproduktion bis hin zu Bergbauernhöfen – mehr oder weniger alles gibt. Wir haben speziell den Ziegenhof von Michael Mandl und die Eis-Greisslerei von Andrea und Georg Blochberger ausgewählt, um zu zeigen, dass die Gelder ländlicher Entwicklung hier wirklich sehr positiv wirken. Österreich hat sehr kleinteilige Betriebe, die im europäischen Wettbewerb in der Größe nicht mithalten können, weshalb sie sich immer wieder etwas Neues überlegen müssen. Diese Innovationskraft zeichnet sie aus. Das funktioniert aber nicht ohne Unterstützung der Europäischen Union.

Das bedeutet, Sie sind verstärkt für eine Unterstützung kleinstrukturierter Betriebe, wie sie hier in Niederösterreich vorherrschen?

Köstinger: Es geht vielmehr um eine grundsätzliche Frage, nämlich, wohin die Agrarpolitik gehen soll. Ich vertrete den Ansatz, dass es billig nicht gibt, denn irgendwer bezahlt immer – egal ob das die Umwelt, das Tierwohl oder die Menschen sind. Der Wert der Lebensmittel muss einfach wieder in den Vordergrund gestellt werden. Ich weiß, dass das nicht einfach ist, da einerseits bei den Produkten höchste Qualität gefordert wird, aber andererseits die Entscheidung am Regal trotzdem auf die billigeren fällt. In der gesamten europäischen Debatte ist es ähnlich: Jeder wünscht sich das Idealbild der Landwirtschaft, aber niemand ist bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Deshalb versuchen wir im Rahmen der Ratspräsidentschaft den Wert der Lebensmittel in den Vordergrund zu stellen und Bewusstsein dafür zu schaffen.

Frau Wiener: Zu Beginn der Plenarsitzung halten Sie eine Key Note über „Lebensqualität und GAP“. Was werden Sie unter diesem Titel ansprechen?

Sarah Wiener: Wir haben hier ein System, in dem Menschen gegen die Agro-Industrie stehen.  Diese Art von Landwirtschaft macht den Bauern zum Feind. In der ganzen Kette – beginnend bei den Tieren, der Ausbeutung der Menschen, über das Klima bis hin zur Bodenvernichtung – ist in jedem einzelnen Glied ersichtlich, dass es ein Desaster ist und es nicht mehr so weiter gehen kann.

Den Bauern per se gibt es heute nicht mehr: Es gibt den Landwirt, den Energiewirt, den Produzenten für einen Handel, der nicht mehr daran interessiert ist, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Stattdessen wurde ein System aufgebaut, in dem wir denken, dass alles billig sein muss. Und genau diese Industrie erzeugt minderwertige Nahrungsmittel. Wir wissen, dass die Welt von Kleinbauern ernährt wird und, dass die für uns notwendige Vielfalt nicht durch große Strukturen gewährleistet werden kann. Österreich ist ein führendes Beispiel von kleinbäuerlicher Landwirtschaft mit Vielfalt und ökologischem Anbau – das gilt es zu forcieren.

Was wird dafür benötigt?

Wiener: Bauern brauchen eine Förderung, gerade in schwierigen Gebieten. Das ist der einzige Weg, der sinnvoll und ethisch anständig ist.

Köstinger: Es ist trotzdem auch eine soziale Frage, da hierbei natürlich auch die Leistbarkeit von Lebensmitteln mitschwingt. Jeder einzelne Bauer würde gerne von seinem Produktpreis leben, was aber dazu führen würde, dass sich der Preis im Regal verzehnfachen würde.

Es ist moralisch nicht mehr vertretbar, Preis-Dumping auf dem Rücken der eigentlich wichtigsten Ressourcenträger auszutragen. Das macht ja auch etwas mit den Menschen:  Wenn man sieht, dass etwas keinen Wert mehr hat, sinken die Hemmungen, das einfach wegzuschmeißen. Wir müssen wieder darauf zurückkommen, dass Lebensmittel die ureigenste Aufgabe erfüllen, nämlich, uns am Leben erhalten. Auch unsere Handelsketten tragen eine große Verantwortung …

Wiener: … der sie nicht gerecht werden. Diese Art von Handel schneidet den Bauern die Würde ab und zerstört Lebensmittelqualität.

Wie holt man Supermärkte ins Boot?

Wiener: Eine Monopol-Stellung ist immer der falsche Weg. Was wir brauchen, ist Vielfalt. Mehr kleine Märkte, mehr Direktvermarktung – das müssen wir stärken und  nicht die Supermärkte. Und es muss den Kunden klar werden, dass der billige Preis im Regal nicht der Regalpreis ist. Die Lebensmittel im Regal sind so billig, dass wir sie uns de facto nicht leisten können, weil sie Kosten verursachen, die keine Gesellschaft zahlen kann.

Frau Ministerin, welches Ziel verfolgen Sie in diesen Tagen, wenn Europas Landwirtschaftsminister in Niederösterreich zusammen kommen?

Köstinger: Mir geht es um die Debatte, wer in Zukunft unsere Lebensmittel produzieren soll und auf welche Art und Weise. Ich vertrete den Ansatz, dass wir die Qualitätsproduktionen in den Vordergrund stellen müssen und nicht die Quantität. Deshalb ist uns auch die zweite Säule der Agrarpolitik, die ländliche Entwicklung, so wichtig. Ich hoffe, im Rahmen dieses informellen Rates auch Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man stärker auf Agrar-Umweltprogramme setzen muss. Es geht nicht darum, über Kürzungen oder Nicht-Kürzungen zu reden, sondern welche Aufgaben die Agrarpolitik erfüllen soll. Das versuchen wir jetzt ausgehend vom informellen Agrar-Ministerrat stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Wie sehen das Ihre Kollegen?

Köstinger: Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen und es wird noch ein ganz weiter Weg sein, um die Mehrheit auf unsere Seite zu ziehen. Aber irgendwann muss man diese Debatte ganz ehrlich und schonungslos beginnen und ich glaube, dass das speziell von Österreich ausgehen kann und auch muss, weil wir auch diese Unterschiedlichkeit sehen. Die meisten, die mit dem Überleben kämpfen, sind hier in Niederösterreich die Ackerbauern, die massiv mit Dürre zu kämpfen haben und einem massiven Schädlingsdruck ausgesetzt sind. Zum Teil sind es Großbetriebe, die einfach nicht mehr überleben können, weil der Preis zu niedrig und der Schädlingsdruck zu groß ist und die Natur das ganze System nicht mehr unterstützt. Deshalb brauchen wir da ein Umdenken und Antworten. Das kann nur die gemeinsame europäische Agrarpolitik liefern.