Wie geht’s für Firmen im Bezirk Gänserndorf weiter?. Arbeitsrechtsexperte und Wirtschaftskammer-Obmann philosophieren über die Zukunft der Betriebe des Bezirks Gänserndorf nach dem großen Lockdown.

Von Edith Mauritsch. Erstellt am 26. Juni 2020 (05:17)
Arbeitsrechtsexperte Anton Kogler (l.) und Wirtschaftskammer-Obmann Andreas Hager sprachen im NÖN-Interview über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft im Bezirk.
Mauritsch

Etwas mehr als 100 Tage sind seit dem historischen Lockdown aufgrund der Coronakrise vergangen. Ein Schock für die Bevölkerung und die Wirtschaft. Wie hat die Wirtschaft im Bezirk das verkraftet? Die NÖN sprach mit Wirtschaftskammer-Obmann Andreas Hager und dem Arbeitsrechtsexperten Anton Kogler.

Auf den Straßen und in den Geschäften ist für den Außenstehenden heute nichts mehr davon zu bemerken. Dennoch: „Im Bezirk sind noch immer zwei Drittel der Betriebe in Kurzarbeit, quer durch alle Branchen“, informiert Hager. Wirtschaft sei auch viel Psychologie. Es sei wichtig, positive Stimmung zu erzeugen. „Wenn der Arbeitsplatz und das Einkommen sicher sind, wird die Bereitschaft für Investitionsausgaben oder Einkaufen bei den Menschen wieder steigen“, ist sich Hager sicher.

Der Bezirk ist eher mit klein- und mittelständischen Betrieben strukturiert, was laut Hager die Spitzen in der Beschäftigung aber auch in der Arbeitslosigkeit abschwächt. Stark zum Tragen kam die Abhängigkeit der Gewerbebetriebe und der Gastronomie von ausländischen Mitarbeitern, hier speziell aus der Slowakei. „Die Grenzen waren zu, die Leute konnten nicht zu uns kommen oder hatten zuhause strikte Quarantäne-Maßnahmen einzuhalten. So konnten manche Betriebe nicht aufsperren, obwohl sie eigentlich schon durften“, informiert Hager.

So etwas habe ich in 35 Dienstjahren nicht erlebt Anton Kogler

Kogler berichtet: „In den ersten Wochen ist das Telefon nicht mehr stillgestanden. So etwas habe ich in 35 Dienstjahren nicht erlebt. Es war auch für die Wirtschaftskammer eine Ausnahmesituation.“ Die Masse waren arbeitsrechtliche Anfragen mit einem Schwerpunkt auf Kurzarbeit. „Das ist ein sehr komplexes Thema, viele waren noch nie damit konfrontiert“, stellt Kogler auch nach drei Monaten noch immer ein erhöhtes Aufkommen an Anfragen fest. Noch etwas war zu bemerken: „Viele unserer Unternehmer machten sich Sorgen um ihre Mitarbeiter und waren froh, mit dem flexiblen Rahmen der Kurzarbeit ihre Angestellten nicht kündigen zu müssen.“

Natürlich gab es Existenzängste. Die Wirtschaftskammer war um Beruhigung und grundsätzlich positive Einstellung müht. „Es ist eine Gratwanderung, dabei nicht den Eindruck entstehen zu lassen, wir nehmen die Probleme der Unternehmer nicht ernst“, erinnert sich Kogler. Hager ergänzt: „Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm.“ Gab es doch in der Vor-Corona-Zeit schon Diskussionen über die Sinnhaftigkeit einer Pflichtmitgliedschaft, sieht Hager die Position der Wirtschaftskammer in der Krise gestärkt. Jedoch: „Das ist wohl eher eine kurzlebige Angelegenheit.“

Wie eine Krise bewältigt wird, hängt in letzter Konsequenz von der Unternehmerpersönlichkeit ab – Beratung und Hilfestellung der Wirtschaftskammer hin oder her. „Manche haben sehr schnell und flexibel reagiert und sind mit geänderten Geschäftsmodellen einigermaßen gut durch die Krise gekommen. Andere eben nicht“, ziehen beide Bilanz. Wann die Auswirkungen überwunden sein werden, traut sich Hager nicht konkret zu sagen: „Wir stehen sicher erst am Anfang. Da spielen so viele Faktoren mit.“

Lieferketten sind weggebrochen

Was nimmt die Wirtschaftskammer aus der Krise mit? Was sollte sich ändern, um Betriebe besser gegen solche Ereignisse zu wappnen?

„Plötzlich sind Lieferketten weggebrochen. Hier wäre wohl ein größeres Augenmerk darauf zu legen, wo produziert wird. In den Ausschreibungen sollte vermehrt auf Regionalität Wert gelegt werden“, überlegt Hager hier Änderungen in den Richtlinien. Internationale Verflechtungen schlagen auf kleine Betriebe durch. „Wir sind kommunizierende Gefäße“, ergänzt Hager.

Der Wirtschaftskammer-Obmann sieht Parallelen zur Bankenkrise 2008: „Es müsste von staatlicher Seite attraktiver gemacht werden, Eigenkapital aufzubauen, Gewinne im Betrieb zu belassen und damit Unternehmen krisenfester zu machen. Mangelnder Rückhalt ist ja nicht nur bei einer Pandemie ein Problem. Da können branchenspezifische Krisen schlagend werden. Mit einer gestärkten Eigenkapitalausstattung ist das besser zu bewältigen.“ Hager ruft seine Unternehmer-Kollegen auf, auch durch eigenen Verzicht Kapital aufzubauen.

Kogler ergänzt: „Solche Möglichkeiten sollten auch für Privatpersonen geschaffen werden – Stichwort Notgroschen – auch, wenn das sicher nicht für alle Bevölkerungsschichten gut gehen wird, wenn es aufgrund eines geringen Einkommens schon eng ist.“ Beide sehen hier wirtschaftliche Bildung schon in der Schule als notwendigen Schritt.

Was wäre für die Wirtschaftskammer wichtig, um mehr Betriebe im Bezirk anzusiedeln? Die Antwort von Hager kommt prompt: „Ein wesentliches Kriterium ist eine leistungsfähige Infrastruktur. Für größere Mittelbetriebe ist eine verkehrstechnische Erschließung ein sehr wichtiges Kriterium. Dazu brauchen wir die S8.“ Hager verweist auf das Beispiel Wolkersdorf und den dortigen Zuwachs an Betriebsansiedlung mit der A5. Betriebsanlagenverfahren seien hingegen nicht so sehr Thema.