Feuchte Augen: Hollabrunner Erinnerungen im Museumsdorf. Das Museumsdorf ist um ein "Puzzlestein" reicher: Die Wagnerei des letzten Wagnermeisters in Hollabrunn, Franz Halmschlag, wurde liebvoll abgetragen und in Niedersulz wieder aufgebaut.

Von Sandra Frank. Erstellt am 03. Juni 2019 (07:00)

„Sie haben alles mitgenommen. Sogar das Schaukelpferd haben sie mir abgeschwatzt“, meinte Franz Halmschlag mit Wehmut aber auch mit Stolz, als die Wagnerei seines Vaters, die in den vergangenen Jahren von Hollabrunn ins Museumsdorf Niedersulz übersiedelt ist, am Samstag offiziell eröffnet wurde.

Tränen in den Augen hatte er, als er einen Blick in die Werkstatt warf: „Heute wurden sogar Hobelscharten verstreut. Das ist genau der Millimeter zwischen Job und Herz“, war der Hollabrunner voll des Lobes für das Team des Museumsdorfs. Traude Hruschka, zuständig für die Depotverwaltung, habe jedes Teil, das in der Wagnerei zu finden war in stundenlanger Akribie katalogisiert. Veronika Plöckinger-Walenta, die wissenschaftliche Leiterin des Museumsdorfs, sei in den vergangenen zehn Jahren Halmschlags Ansprechpartnerin, manchmal auch Klagemauer gewesen.


Von Bandsäge über Hobelmaschine bis zu Werkzeugen

Letztere zeigte sich ebenfalls stolz, dass die komplett ausgestattete Wagnerei-Werkstätte aus Hollabrunn nun endlich für die Besucher zugänglich ist. In dem Gebäude sind Bandsäge, eine historische Hobelmaschine, eine Bohr- und Drehbank, Hobelbänke sowie Rohmaterialien und Werkzeuge zu besichtigen. Viele Hollabrunner, die zur Eröffnung ins Museumsdorf Niedersulz gekommen waren, haben noch vor Augen, wie Franz Halmschlags Vater mit seiner Lederschürze im Tor der Wagnerei stand. Er starb am 4. Juli 2007 als letzter Wagnermeister der Bezirkshauptstadt.

Liebe auf den ersten Blick bei Peter Huber

„Ich bin hineingekommen und war verliebt“, erinnert sich Peter Huber, ehrenamtlicher Mitarbeiter im Museumsdorf, noch genau an den Moment, als er die Wagnerei noch an ihrem Originalstandort betrat. „Ich hab‘ sie gesehen und genau gewusst: Das ist genau das, was uns noch fehlt.“ Insgesamt waren es 1.664 Objekte, die vor Ort katalogisiert und verpackt worden waren. Vom kleinen Holzsprießerl bis zur Werkzeugbank. „Darunter 99 Zubehörteile für Osterratschen“, erzählt Huber, welche Arbeiten der Wagnermeister gegen Ende seiner Laufbahn und in der Pension übernahm.


Gummireifen war Todesstoß für Berufsstand 

Der ehemalige Berufsschullehrer gab beim Festakt einen Überblick über die Tätigkeiten eines Wagners: Alle Geräte aus Holz, die in der Landwirtschaft gebraucht wurden, wurden in einer Wagnerei hergestellt. Mitte des 20. Jahrhunderts, als sich der Gummireifen durchsetzte, sei es zum Bruch für diesen Berufsstand gekommen. „Herr Halmschlag hat sich der Zeit angepasst“, weiß Huber. Sogar Schablonen für Eishockeyschläger wurden beim Ausräumen der Wagnerei gefunden. Wie ein Rad, das wohl berühmteste Bauteil eines Wagners, entsteht, berichtete Huber ebenfalls mit großer Leidenschaft.

Eröffnung der Wagnerei "ist etwas ganz Spezielles"

„Die Wagnerei ist ein weiterer Puzzlestein, der unser Museumsdorf vervollständigt. Es ist sensationell, was sich hier entwickelt hat“, sprach Landtagsabgeordneter René Lobner davon, dass diese Eröffnung etwas ganz Spezielles sei. Sie zeige nämlich, wie sich ein Beruf im Laufe der Zeit verändert habe. „Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft Gäste aus Kanada bei uns begrüßen dürfen“, sagte der Abgeordnete mit Blick auf Familie Halmschlag, denn diese war nicht nur aus Hollabrunn angereist, sogar Verwandte aus Übersee waren zur Eröffnung gekommen. „Eine sehr große Wertschätzung“, wie Franz Halmschlag meinte.  

Und als Lobner dann endlich die Tür zur Wagnerei aufsperrte, ging nicht nur der Familie des Wagners, sondern auch den Hollabrunnern – darunter Polizeichef Otto Schwingenschlögl und Hollabrunns Kellergassenobmann Manfred Breindl – das Herz auf. Die Werkstatt ist so eingerichtet, als würde Wagnermeister Halmschlag jeden Augenblick bei der Tür hereinkommen und seine Arbeit fortsetzen.