Erdgeschichte zum Mitnehmen. Beim Spazierengehen fand Künstler „Hero“ einen Zeugen des ehemaligen Meeres im Weinviertel.

Von Christoph Szeker. Erstellt am 14. November 2020 (04:26)
Die Muschel fand Ronald Heberling bei einem Spaziergang. Funde wie diese sind an einigen geologisch besonderen Orten keine Seltenheit.
Heberling

Ein geologischer Zeuge der weiten Vergangenheit ist im Zistersdorfer Gemeindegebiet aufgetaucht. Künstler Ronald Heberling entging das Fossil nicht: Bei einem Spaziergang fand er die alte Muschel, die noch aus Zeiten stammen muss, als Meerwasser den Steinberg umgab.

Seehunde & Muscheln

Geologe Mathias Harzhauser beschreibt die Gegend folgendermaßen: „Der Steinberg war immer wieder eine Insellandschaft.“ Seehunde soll es hier einst gegeben haben, aber auch Muscheln. Vor 12 Millionen Jahren, als die Ortschaft Nexing in einem Kanal zwischen dem Meer des Wiener Beckens und der Lagune des Mistelbacher Beckens lag, türmten sich die Muscheln dort auf.

In mächtigen Schichten sind sie noch heute in der Nexinger Schweiz an der Erdoberfläche zu sehen. Dass Künstler Heberling auch abseits des Nexinger Muschelberges einen fossilen Fund dieser Art machte, mag an Vorgängen wie der Erosion liegen: Das Einwirken der Winde über Jahrtausende ist einer der Urheber der Hügellandschaft im Weinviertel. Andererseits sind es auch Hebungen und Senkungen, die etwa als Folge von Gebirgsverschiebungen auftraten und zur Entstehung des Wiener Beckens führten. An den Randzonen der sich bewegenden Gesteinsplatten kann so manches Fossil die Reise ans Tageslicht antreten – alles natürlich in geologischen Zeitmaßstäben.

Der Steinbergbruch ist eine dieser Bruchlinien, welche die Mistelbacher und eine Zistersdorfer Scholle voneinander trennt. Unter Fachleuten sind bis zu 150 Meter tiefe Höhlen beim Prinzendorfer Eselbachgraben bekannt. Sie führen hinab in Schichten aus Gestein gewordenen Rotalgen, wie Geologe Mathias Harzhauser im Buch „Meeresstrand und Mammutwiese“ schreibt.

Heberling fand auch schon andere Fossile

Fossile Boten der Vergangenheit sind allerdings nicht die einzigen spannende Funde, die Ronald Heberling bei Spaziergängen in der Region machte: Er fand auch schon einen unscheinbar aussehenden Stein, welcher von einem Archäologen als Auslösemechanismus eines Vorderladergewehres identifiziert wurde.

Der Feuerstein „wurde vielleicht schon unzählige Male vom Pflug in das Erdreich und wieder zurück an die Oberfläche verfrachtet“, sagt Heberling. Er findet es faszinierend, was auf dem Weinviertler Boden alles ohne Graben zu finden ist.

Funde wie Keramikscherben erzählen Geschichten aus den verschiedensten Epochen der Geschichte. Der Feuerstein erzählt womöglich von einer der Schlachten, die hier stattfanden. Unter Landwirten oder Bauarbeitern unerwünscht, weil gefährlich sind hingegen die Funde von Kriegsmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg.

Erst im Juli des Vorjahres wurden bei Grabungen in der Nähe des Friedhofes Überreste einer Stalinorgel gefunden und im November 2019 abermals eine Fliegerbombe. Zistersdorf war am Ende des Zweiten Weltkriegs aufgrund der Erdölvorkommen ein strategisch wichtiger Ort, doch wie Heberlings Fund zeigt, fand hier schon vor Millionen Jahren geschichtlich durchaus Nennenswertes statt.