Groß-Enzersdorf: Verletzt von Geisterhand?. Freispruch Vor Gericht konnte nicht geklärt werden, woher die tiefen Schnittwunden eines Ungarn stammen, der einen Landsmann mit einer Frau in seiner Wohnung nächtigen ließ.

Von Antonia Hotter. Erstellt am 08. August 2020 (03:07)
Vor Gericht konnte nicht geklärt werden, wer dem Opfer die tiefen Schnittwunden zugefügt hatte. Der Angeklagte wurde vom Schöffensenat im Zweifel freigesprochen.
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Im März vergangenen Jahres soll ein Ungar einem anderen ungarischen Mann in dessen Groß-Enzersdorfer Wohnung zentimetertiefe Schnittwunden zugefügt haben. Der Angeklagte ist vor Gericht nicht geständig.

Eine folgenreiche Nacht beginnt, als ein junges Paar aus Ungarn den letzten Zug zurück in die Heimat verpasst. Am Wiener Hauptbahnhof trifft es dann auf einen Landsmann. Dieser lädt die beiden auf einen Kaffee bei McDonald‘s ein und stellt ihnen 520 Euro in Aussicht, würden sie vor der Kamera den Geschlechtsakt vollziehen. Noch beim Kaffeetrinken unterzeichnen sie einen Vertrag. Das Geld haben sie nötig, denn sie sind zum Betteln nach Wien gekommen.

Das Video soll am folgenden Tag in einem Studio aufgezeichnet werden. Der Mann bietet dem Pärchen deshalb an, in seiner Groß-Enzersdorfer Wohnung zu nächtigen, wenn er bereits an diesem Abend bei einem Geschlechtsakt zusehen dürfe. Das ungarische Paar willigt ein und erfüllt seinen Teil der Abmachung.

„Soweit sind die Geschichten ident“, stellt Richter Manfred Hohenecker fest. Doch nunmehr gehen die Schilderungen der zwei Parteien getrennte Wege. Dem Gericht liegen Bilder des Wohnungsbesitzers mit zentimetertiefen Schnittwunden auf dem Oberschenkel vor.

Fest steht zwar, dass es nach dem Geschlechtsverkehr zu einem Gerangel kam. Doch laut der Gerichtsmedizinerin können die Wunden keinesfalls in der Hitze des Gefechts entstanden sein. Denn die präzise Parallelität der Schnitte deute auf eine Ruhestellung des Beins hin. Was passierte bei dem Gerangel wirklich?

Das Opfer erscheint nicht und nach zögerlicher Zustimmung der Staatsanwaltschaft wird seine Aussage verlesen. Demnach sei der Angeklagte nach dem Geschlechtsakt plötzlich sehr wütend geworden. Er sei in die Küche gerannt, habe ein Messer geholt, seinem Kontrahenten mit einer Hand die Schnitte zugefügt und mit der anderen Hand gewürgt.

Der Angeklagte behauptet hingegen, nach dem Geschlechtsverkehr duschen gegangen zu sein. Als er aus dem Bad kam, habe er seine Freundin am Boden knien sehen. Der Wohnungsbesitzer soll ihr ein Messer an den Hals gehalten und orale Befriedigung gefordert haben. Seine Freundin stützt diese Version der Geschichte: „Sonst bringt er mich um, hat er gesagt“, erzählt sie. Ihr Freund sei ihr zur Hilfe gekommen, habe den Mann geschlagen und das Messer aus dessen Hand. An Schnitte erinnert sie sich nicht, schon gar nicht an willkürliche.