In einigen Orten im Bezirk Gänserndorf ging es rund. Das kleine Dörfles wollte eigentlich zu Gänserndorf. Spannberg und Velm-Götzendorf trennten sich wieder.

Von Thomas Schindler und Stefan Havranek. Erstellt am 21. April 2021 (04:49)
Der Gemeinderat von Leopoldsdorf 1971: Es gab zwölf SPÖ- und vier ÖVP-Mandatare, drei von ihnen waren aus Breitstetten. Im Bild zu sehen: Vizebürgermeister Josef Vymyslicky (sitzend, 3.v.l.), Bürgermeister Karl Winkler (sitzend, 4.v.l.) und Breitstettens Ortsvorsteher Herbert Jelemensky (stehend, 2.v.l.).
Gemeinde Leopoldsdorf, Gemeinde Leopoldsdorf

Gemeinde-Zusammenlegungen gab es in NÖ auch schon vor 1971/1972. Auf der Landkarte des Bezirks Gänserndorf schienen im Jahr 1957 noch 81 Kommunen auf, heute sind 44 übrig. Der Gänserndorfer Walter Hansy, Geschäftsführer des NÖ Seniorenbundes, war an der Geschichte der Region immer schon sehr interessiert.

Als Zeitzeuge kann er sich auch noch an die Zusammenlegung Anfang der 70er-Jahre erinnern, damals war Hansy ein Teenager: „Mit 1. Jänner 1971 kam es zum größten Teil der Verwaltungsreform im Bezirk. Aus 42 Gemeinden wurden 16 neue Fusionsgemeinden. Die meisten Kleingemeinden wurden im Marchfeld zusammengelegt.“ Aus Engelhartstetten, Groißenbrunn, Loimersdorf und Stopfenreuth zum Beispiel wurde die Großgemeinde Engelhartstetten. Eckartsau, Kopfstetten, Pframa, Wagram/Donau und Witzelsdorf gingen in der Großgemeinde Eckartsau auf.

„Spannberg und Velm-Götzendorf beendeten die Zwangsehe.“ Walter Hansy, Gänserndorf

Zistersdorf, im Norden des Bezirks, hingegen wurde erst im zweiten Schritt (1. Jänner 1972) zur Großgemeinde mit Blumenthal, Gaiselberg, Gösting, Großinzersdorf, Loidesthal, Maustrenk und Windisch-Baumgarten. Damals entstand auch die Großgemeinde Groß-Enzersdorf mit der Stadt Groß-Enzersdorf, Franzensdorf, Mühlleiten, Probstdorf, Schönau und Wittau. Oberhausen und Rutzendorf waren schon ein Jahr zuvor eingemeindet worden.

Hansy: „Ein Kuriosum in NÖ blieben die kleinen Gemeinden wie Großhofen, Andlersdorf, Mannsdorf, Glinzendorf und Raasdorf, die als ehemaliger Teil von Groß-Wien mit einem eigenen Gebarungsschlüssel finanziell unabhängiger waren.“

Dass nicht in allen Gemeinden Freude über die Zusammenlegungen herrschte, zeigten die anschließenden Gemeinderatswahlen, bei denen die ÖVP als Betreiber der Fusionen Verluste hinnehmen musste: „Bei den Wahlen eine Periode später war der Ärger aber vergessen – und die Volkspartei kam wieder zu ihren Stimmen.“

Probleme bei neu zusammengeführten Gemeinden hatten oft historische Gründe. Es gab nachbarschaftliche Rivalitäten, die sich nicht so einfach ausräumen ließen. „Eine der neuen Gemeinden im Bezirk, Spannberg-Velm-Götzendorf, erreichte nach langem Kampf eine Trennung der Zwangsehe. Ab 1. Jänner 1990 gab es dann wieder Spannberg und Velm-Götzendorf als eigenständige Gemeinden“, erinnert sich Hansy. Für eine Trennung waren übrigens die Zustimmung in beiden Gemeinden und ein Nachweis der wirtschaftlichen Selbstständigkeit beider Gemeinden notwendig.

Weikendorfs ÖVP-Bürgermeister Johann Zimmermann erinnert sich an eine geladene Stimmung bei den Fraktionssitzungen, als es um die Vereinigung mit Dörfles, Stripfing und Tallesbrunn ging: „Die Zusammenlegung wurde als Diktat von oben gesehen. Vor allem die kleineren Ortschaften hatten Angst, dass ihr Gemeindevermögen im großen Topf untergeht. Dörfles wollte überhaupt lieber zu Gänserndorf.“

Ein Vorteil sei die gemeinsame Pfarre und Volksschule gewesen: „Projekte wie die Wasserversorgung oder die Kanalisation haben geholfen.“ Es habe aber bestimmt zehn Jahre gedauert, bis aus dem „in einem Haus zusammengesperrt zu sein“ ein gelebtes Miteinander wurde.

50 Jahre später sei die Großgemeinde Weikendorf zusammengewachsen: „Natürlich gibt es einen gewissen Lokalpatriotismus. Man häkelt sich gegenseitig, aber das alles auf freundschaftlicher Ebene. Wir sind eine Einheit geworden, auch wenn jeder Ort seine eigenen Besonderheiten behalten hat.“ Es gibt eigene Feuerwehren, Sportclubs und mehr. „Jede Gemeinde besteht aus unzähligen Minderheiten. Es darf nur nie so weit kommen, dass sich eine dieser Minderheiten überrollt fühlt“, so Zimmermann.

Zeitzeugen sind sie zwar keine, aber auch die Bürgermeister von Leopoldsdorf (Clemens Nagel, SPÖ) und Haringsee (Roman Sigmund, ÖVP) erinnern sich an die Zusammenlegung: Die Großgemeinde Leopoldsdorf (Leopoldsdorf und Breitstetten) existiert seit dem 1. Jänner 1971. Im Vorfeld der Fusion kam es in Breitstetten zu heftigen Debatten. Eine vorgeschlagene Union mit Haringsee, Fuchsenbigl und Straudorf wurde einstimmig zurückgewiesen, während sich eine Vereinigung mit Leopoldsdorf zumindest die SPÖ-Gemeinderäte vorstellen konnten.

Informationsarbeit der SPÖ-Fraktion und nicht zuletzt die Drohung des Landes – Zwangszusammenlegung – gaben bei der Sitzung am 30. Oktober 1970 den Ausschlag. Der Gemeinderat von Breitstetten sprach sich mit 8:5 für eine Vereinigung mit Leopoldsdorf aus. Die Gemeindeagenden wurden vom Leopoldsdorfer SPÖ-Bürgermeister Karl Winkler als Regierungskommissär weitergeführt. Nach der Gemeinderatswahl am 28. März 1971 setzte sich der neue Gemeinderat aus 16 Mandataren zusammen (12 SPÖ, 4 ÖVP). Bürgermeister blieb Winkler, die neue Katastrale Breitstetten war mit drei Mandataren vertreten.

Nagel: „Natürlich hat sich in den letzten 50 Jahren ein ausgeprägter Lokalpatriotismus entwickelt. Der hat aber auch positive Auswirkungen. Immerhin haben wir nicht zuletzt deswegen zwei gut aufgestellte Feuerwehren, Musikvereine oder auch Pfarrgemeinden.“

1971 wurde durch die Zusammenlegung dreier Orte die Großgemeinde Haringsee gegründet. In den eigenständigen Gemeinden Fuchsenbigl und Straudorf wurden die entsprechenden Beschlüsse gefasst. Mit dem Dekret der NÖ Landesregierung vom 14. Jänner 1971 wurde die Zusammenlegung rechtskräftig. Man einigte sich auf den gemeinsamen Namen Haringsee. Der Bürgermeister aus Haringsee, Johann Wogowitsch, wurde bis zur nächsten Wahl als Regierungskommissär bestellt. Am 10. April 1971 wurde er zum Bürgermeister der Großgemeinde Haringsee gewählt.

Sigmund: „Es kamen freilich Spannungen auf – auf der politischen aber auch auf der persönlichen Ebene.“ Die politischen Vertreter der kleinen Katastralgemeinden Fuchsenbigl und Straudorf standen unter Druck der eigenen Bevölkerung, darauf zu achten, dass ihre Wünsche und Anforderungen wahrgenommen werden. „Mit regelmäßigen Treffen und der Ausrichtung gemeinsamer Festivitäten versuche ich, die Vernetzung innerhalb der Großgemeinde bestmöglich zu forcieren“, betont der Haringseer Bürgermeister abschließend.