Groß-Enzersdorf: Das unterirdische „Stadtl“. Teile der mächtigen Burgmauer und das Untergeschoß der Synagoge wurden in Groß-Enzersdorf freigelegt.

Von Ulla Kremsmayer. Erstellt am 29. Mai 2020 (05:33)
Der Burghof: Die Stadtgemeinde musste die archäologischen Spuren auf diesem historischen Hotspot der Stadt sichern lassen.
Ulla Kremsmayer

Gleich zwei große Ausgrabungen wurden dieser Tage abgeschlossen: die Untersuchungen im Burghofgelände sowie wie die Freilegung der ehemaligen Synagoge in der Kaiser Franz Josef Straße.

Der Burghof musste untersucht werden, weil hier der künftige Aufzug zum Stadtsaal gebaut werden soll. Zusammengefasst: Allzu viel wurde nicht aufgespürt, da schon länger zurückliegende Untergrundarbeiten für Wasserleitungen und Betonierungen für die Terrasse des Rathausgasthauses noch ohne große Voruntersuchungen abgelaufen waren. So konnte das Team der Firma Novetus nur mehr die mächtige Burgmauer selbst freilegen.

Die Synagoge war um die Jahrhundertwende gebaut worden, ab 1908 war Groß-Enzersdorf Sitz der neu konstituierten israelitischen Kultusgemeinde geworden, die den gesamten Gerichtsbezirk umfasste und der Ortschaften wie Essling, Markgrafneusiedl, Leopoldsdorf, Oberhausen, Obersiebenbrunn, Orth und Raasdorf angehörten.

In der Kaiser-Franz-Josef-Straße konnte das Team der ASINOE das komplette Untergeschoß der neoromanischen Synagoge freilegen.
Kremsmayer

Nach der brutalen Vertreibung der Juden in der Nazizeit war die Synagoge schwer beschädigt und in den 1960er-Jahren – ohne Prüfung durch das Denkmalamt – abgerissen worden. Nur wenige Groß-Enzersdorfer Juden hatten die Massaker überlebt, keiner war hierher zurückgekehrt, die Kultusgemeinde war tot. Niemand hatte Einspruch gegen den Abriss erhoben.

Das ehemalige Kantorhaus, früher Sitz des Rabbiners, diente in den letzten Jahrzehnten einem Schweizer Ehepaar als Stützpunkt für Wienausflüge. Nun wurde die Immobilie an die Firma Glorit verkauft, die 30 Wohneinheiten errichten will. Das Kantorhaus wird den Neubauten weichen müssen. „Das tut mir persönlich sehr leid“, sagt Archäologin Ute Scholz, die Leiterin der Grabung, „es war wochenlang unser Unterstand, wir haben uns hier sehr wohl gefühlt.“ Die Dokumentationen der Grabungen werden in den Fundberichten des Denkmalamtes veröffentlicht.