Letzte Begegnung mit Mayröcker: „Wie eine zarte Blume“. Die Groß-Enzersdorferin Karin Wachmann erzählt von ihrer Begegnung mit der mittlerweile verstorbenen Grande Dame der österreichischen Literatur, Friederike Mayröcker.

Von Ulla Kremsmayer. Erstellt am 14. Juni 2021 (04:59)
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Karin Wachmann in ihrem Garten in Groß-Enzersdorf.
Kremsmayer, Kremsmayer

Die Groß-Enzersdorferin Karin Wachmann begegnete der nun verstorbenen Grande Dame der österreichischen Literatur Friederike Mayröcker noch recht kurz vor ihrem Tod, Ende 2019. „Eine Frau wie eine zarte Blume, die zaghaft und achtsam über eine große Wiese blickt“ – das habe sie sich notiert, erzählt Wachmann über diese Begegnung mit der damals 94-jährigen Schriftstellerin.

„Sanft, ruhig, zufrieden und zurückhaltend war sie während unseres Gesprächs. Ich bin sehr froh, dass ich ihr noch begegnet bin.“

Enkelin des langjährigen Lebenspartners

Wachmann wollte die Schriftstellerin unbedingt kennenlernen, ist sie doch die Enkelin des langjährigen Lebenspartners von Mayröcker, des Dichters Ernst Jandl. Jandl, 1925 geboren, hatte in seiner Jugendzeit, mit 16, eine Liaison mit der 19-jährigen Wirtschafterin der Familie, der eine Tochter entspross.

Die Verbindung war in Jandls Familie nicht gern gesehen, doch der junge Mann bekannte sich zu dem Kind. Nach dem Krieg studierte Jandl, heiratete schnell eine Studienkollegin, wurde Lehrer und schrieb nebenbei Gedichte. 1954 lernte er Friederike Mayröcker kennen, als Literatin schon bekannt. Die beiden ließen sich von ihren jeweiligen Ehepartnern scheiden und wurden ein Paar fürs Leben.

„Treffen war ein großer Augenblick“

Für Wachmann war es ein großer Augenblick, sie hatte Mayröcker einen Brief geschrieben, dann ein Treffen vereinbart. „Sie hat sich sehr gefreut, von mir zu hören.“ Sie trafen einander im Café Sperl. Frau Edith, ihre Betreuerin, die auch Jandl in seinen letzten Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2000 pflegte, war dabei. „Das ist meine engste Verbündete“, wurde sie vorgestellt. „Wir haben uns zuerst nur lange angeschaut“, erzählt Wachmann. Doch sie hatte aber dann viele Fragen.

Buch über Familiengeschichte geschrieben

Darüber sei Mayröcker ratlos und traurig gewesen, sie habe „wohl nichts von uns gewusst. So haben wir gemeinsam bedauert, dass die Geschichte so ist, wie sie eben ist.“ Leider habe Karin Wachmann es nicht gewagt, der Schriftstellerin ihr eigenes Manuskript zu zeigen. Denn Wachmann hat ein Buch über ihre Familiengeschichte geschrieben: „Ich ging lange mit dem Gedanken schwanger, über unser Leben zu schreiben.“ Eigentlich seitdem sie 1986 ihren Großvater Ernst Jandl kennenlernte. Doch da war sie gerade erst Anfang 20, engagierte sich in ihrem Beruf und begründete mit Reinhard Wachmann ihre eigene Familie.

In den letzten Jahren hat sie ernsthaft zu schreiben begonnen: „Ich wollte meinen Kindern die Wahrheit nicht vorenthalten und das Schweigen um uns beenden.“ Nun liege das Manuskript fertig in der Schublade, sie müsse sich vielleicht noch einen Ruck geben und das Ganze durchgehen und endlich mit einem Verleger ins Gespräch kommen. Ja, das wird sie demnächst tun.