Schock nach Mord und Selbstmord

Aktualisiert am 13. Juni 2022 | 15:18
Lesezeit: 3 Min
In Groß-Enzersdorf (Bezirk Gänserndorf) hat am Montagvormittag ein Mann mutmaßlich seine Frau und anschließend sich selbst erschossen.
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„Wir haben um 11 Uhr einen Anruf bekommen: ‚Ich hab meine Frau erlöst‘“, so Polizeisprecher Stefan Loidl. Der männliche Anrufer habe dann seinen Selbstmord angekündigt. Das löste einen Großeinsatz der Polizei aus, die Cobra wurde ausgeschickt, Landeskriminalamt und die Gruppen „Leib und Leben“ sowie „Tatort“ wurden eingeschaltet.

Ein Heer von Polizeiautos sei aufgefahren, berichten Nachbarinnen am Mariensee. Cobra-Beamte hatten sich bei der Hecke gegenüber verschanzt und forderten den Mann auf, aus dem Haus zu kommen. Der war aber schon tot. Die Eingangstür wurde gesprengt, die Beamten fanden zwei Tote, Mann und Frau – beide mit Kopfschuss getötet.

„Die beiden zogen sich immer mehr zurück“

Für Nachbarin Renate St. war das alles keine Überraschung: „So ein Leben wünsche ich niemandem, das war wirklich eine Erlösung.“ Sie sei mit beiden befreundet gewesen, habe sie aber in letzter Zeit weniger gesehen, sie hatten sich immer mehr zurückgezogen. Zuletzt hatte St. den Mann beim Einkaufen getroffen. Da habe er von seiner Diagnose Lungenkrebs berichtet. Seine Frau sei seit über 30 Jahren im Rollstuhl gesessen und die Lähmungen seien schlimmer geworden: „Aber er hat alles für sie gemacht, hat sein Leben aufgegeben“, so Ruth Sch., eine weitere Nachbarin.

„Nie hätte er sie in ein Heim gegeben, sie haben wohl gemeinsam beschlossen zu sterben“ ,versichern einander die Frauen. Auch Traude K. stimmt ein: Der 80-Jährige habe gekocht, geputzt, sich aufgeopfert, die Frau (83) hingegen habe ihm zuletzt sogar verboten, die Nachbarn zu grüßen. Ja, sie sei immer verbitterter geworden, alle hätten „nur ihn bewundert, nie ihr Leid gesehen“, so Renate St..

Die Polizei hat im Haus auch einen Abschiedsbrief gefunden, der auf eine Krankheit hinweist. Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec: „Ich bin tief betroffen von der menschlichen Tragödie des alten Ehepaares.“

Für den Österreichischen Frauenring offenbart die Tat ein Bild, das in Österreich noch immer ausgeprägt sei: "Ein Mann nimmt sich das Recht, über das Leben einer Frau zu entscheiden." Solange seitens der Regierung keine Signale gesetzt würden, "dass Männergewalt und patriarchalische Strukturen in unserer Gesellschaft nichts verloren haben", werde sich nichts ändern, hieß es in einer Aussendung.

So wie der Frauenring sprach auch SPÖ-Frauenvorsitzende Eva-Maria Holzleitner vom 15. Femizid in diesem Jahr in Österreich. "Es braucht endlich einen Krisengipfel", forderte sie. Die Menschen hierzulande seien über die steigende Gewalt schockiert, das dürfe die Bundesregierung nicht länger ignorieren. Es gelte, von fortschrittlichen europäischen Ländern wie Spanien zu lernen. NEOS-Frauensprecherin Henrike Brandstötter kritisierte ebenfalls, dass Maßnahmen, die das Problem wirklich an der Wurzel packen würde, immer noch auf sich warten ließen. Der Gewaltschutzsektor sei "bis heute chronisch unterfinanziert".

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