Vermeintliches Opfer wurde zum Täter

Ein offenbar langjähriger Zwist zwischen einem pensionierten Ehepaar (57 und 59) und einem 34-jährigen Rumänen aus Groß-Enzersdorf landete vor Gericht. Ein angebliches Beweisvideo auf einem Handy war viel älter als gedacht: Der Vorwurf gegen den Angeklagten war verjährt.

Erstellt am 13. Januar 2022 | 04:38
Lesezeit: 2 Min
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Der Fall wurde am Landesgericht Korneuburg verhandelt.
Foto: Veronika Löwenstein

Am 22. September des Vorjahres, um 3.30 Uhr morgens, trafen drei Menschen aufeinander, deren Konflikt sich bereits ordentlich aufgeschaukelt hatte. Herauszufinden, wie lange ein pensioniertes Ehepaar (57 und 59) und ein 34-jähriger Rumäne schon ihre Scharmützel austragen, oblag Richter Martin Bodner am Landesgericht Korneuburg.

Angeklagt waren der 59-Jährige und der 34-Jährige. Ersterer, weil er gedroht hatte, dass er den Rumänen beim nächsten Mal mit einem Messer abstechen würde, das er in seinem Auto mitführe. Das Opfer legte zum Beweis ein Handy-Video vor. Der unbescholtene Rumäne selbst rächte sich seinerseits mit einer handgreiflichen Attacke vor einem Wohnhaus in Groß-Enzersdorf.

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Er müsse früh zur Arbeit und sei vorher noch mit seinen Hunden unterwegs, sagte der 34-Jährige vor Bodner aus. Dabei sei es schon öfter zu Konfrontationen mit dem Ehepaar gekommen, das in der Gegend Zeitungen ausliefert und oft zu schnell unterwegs sei und gegen Einbahnen fahre. Die Version des Paares: Der Rumäne würde sie stets mit seinen Hunden provozieren und sie bei ihrer Arbeit behindern.

Richter: „Sie bleiben sich nichts schuldig“

Die Aussage der 57-jährigen Zeitungszustellerin geriet insofern zum Kuriosum, als sie von vornherein unter Tränen und mit hysterischem Ton schilderte, wie der 34-Jährige ihren Mann an seiner Kleidung gezerrt und sie gegen das Auto und schließlich wieder ins Fahrzeug gedrückt hatte. Dem gegenüber stand das Handy-Video, in dem sie ohne Genierer „Scheiß Ausländer“ vom Leder zog und vor Gericht einforderte: „Wir sind die Opfer.“ Geschimpft hätte sie nur „aus Schock“, was Bodner trocken zusammenfasste: „Sie bleiben sich nichts schuldig.“

Aufnahmedatum von Video wurde nicht ermittelt

Blieb immer noch die Frage offen, inwiefern das Handy-Video und der Vorfall in zeitlichem Zusammenhang stehen. Als Bodner, für seine langjährige Erfahrung relativ baff, tadelte: „Keiner von Ihnen hat gesagt, dass das Video nicht von diesem Tag ist!“ Wobei das fast britischem Understatement gleichkam, denn das Video entstand bereits am 16. April 2018.

Erste Konsequenz dieser schier unfassbaren Tatsache, die weder Staatsanwaltschaft noch Polizei für nötig hielten zu ermitteln, war, dass der Vorwurf gegen den 59-Jährigen verjährt und er „aus rechtlichen Gründen“ freizusprechen war.

Die zweite Konsequenz war, dass der Rumäne nun zum sprichwörtlichen Handkuss kam, da er die Drohung aus dem Jahr 2018 nicht angezeigt hatte und dann selbst zum Täter wurde. „Selbstjustiz, das geht entschieden zu weit“, so der Richter und verurteilte ihn zu drei Monaten bedingter Freiheitsstrafe.

Irgendwie verstand es sich bei den betroffenen Personen von selbst, dass keiner auch nur irgendwas an seinem Tun bereute oder sich gar dafür entschuldigte.