Jüdische Gemeinde in Groß-Enzersdorf: Ein Abtransport ohne Wiederkehr

Um die tragische Geschichte der jüdischen Gemeinde zu verewigen, verlegt die Gemeinde „Steine der Erinnerung“.

Erstellt am 20. November 2021 | 07:00
440_0008_8234245_mar46lh_steine2.jpg
Muamer Budlimic, ein muslimischer Bosnier und Teil einer Klezmerband, spielte auf seinem Akkordeon jüdische Lieder.
Foto: Kremsmayer

Nicht nur in der Ferne, im Film oder bei der Exkursion nach Mauthausen könne man etwas über das Unrecht lernen. Das Schicksal der Juden sei auch direkt vor unseren Haustüren besiegelt worden, betonte Kulturstadtrat Martin Sommerlechner bei einem stimmungsvoll-traurigen Rundgang durch das Stadtl. Die hiesige jüdische Gemeinde wurde in dieser Nacht des Novemberpogroms, vormals „Reichskristallnacht“, brutal aus ihren Häusern getrieben, auf Lastwägen verfrachtet und schließlich auf die Konzentrationslager des Nazireiches verteilt.

Etwa die Hälfte der jüdischen Enzersdorfer wurde ermordet, jene, denen die Flucht gelang, kamen nie mehr zurück. Die Gemeinde will an diese Schicksale erinnern und verlegt seit gut zwei Jahren „Steine der Erinnerung“ – vor jenen Häusern, wo Juden lebten und man ihre Namen kennt.

Begonnen wurde an dem Ort, wo kürzlich noch die Grundmauern der Synagoge standen. Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec erinnerte daran, dass man die völlige Demolierung gerne verhindert hätte, aber niemand mehr mithelfen wollte – auch die jüdische Kultusgemeinde nicht und die jüdische Gemeinde aus Groß-Enzersdorf war ja nicht mehr existent. Nun entsteht dort ein riesiger moderner Wohnbau. Zehn Steine wurden diesmal verlegt, während Muamer Budlimic, ein muslimischer Bosnier und Teil einer Klezmerband, auf seinem Akkordeon jüdische Lieder spielte.

Ein Beispiel aus der Schloßhoferstraße: Walter Weigl, geboren 1907, wurde in Zasavica in Serbien im Oktober 1941 von der deutschen Wehrmacht ermordet. Am 25. November 1939 startete aus Wien der Kladovo-Transport, ein illegaler jüdischer Flüchtlingstransport von 822 Personen, der nach Palästina unterwegs war. Aufgrund des frühen Zufrierens der Donau mussten die Flüchtlinge im jugoslawischen Hafen von Kladovo überwintern.

Vergebliches Warten auf ein Hochseeschiff

1940 warteten sie dort vergeblich auf ein Hochseeschiff für die Weiterfahrt und mussten in den Hafen von Šabac an der Save übersiedeln, wo sie 1941 von den Nationalsozialisten eingeholt wurden. Nur rund 200 Jugendliche konnten flüchten, die Männer des Transportes wurden am 12. und 13. Oktober von Einheiten der Wehrmacht erschossen. Die Frauen wurden Anfang Jänner 1942 in das KZ Sajmište überstellt und zwischen 19. März und 10. Mai 1942 unter Herbert Andorfer in einem Gaswagen ermordet.

Cäcilie Kohn, geboren in Reichsfeld, führte mit ihrem Gatten Emil Kohn einen Altkleiderhandel im Haus Kirchenplatz 2 und übergab 1932 diesen Besitz an ihre drei Kinder, Otto, Rudolf und Anna, die den nicht-jüdischen Kaufmann und Stadtrat Adolf Baumann heiratete, mit dem sie das Geschäft am Bischof Berthold Platz 2 betrieb. Anna trat zum katholischen Glauben über. Cäcilie Kohn wurde 77-jährig deportiert und 1942 in Theresienstadt ermordet.