Branchenpakt soll Agrana-Zuckerfabrik retten. Ein Branchenpakt soll die niederösterreichische Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf im Marchfelde mit 150 Mitarbeitern für die nächsten drei Jahre retten. Das ist das Ergebnis eines Treffens von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) mit Vertretern der Zuckerbranche. Die Rübenbauern müssen bis Mitte November 38.000 Hektar Anbaufläche zusagen, heuer lag sie bei 26.000 Hektar.

Von APA / NÖN.at. Update am 17. September 2020 (16:20)
Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger
APA/HANS PUNZ

Landwirtschaftsministerin Köstinger, NÖ-Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (beide ÖVP), Agrana-Vorstandsvorsitzender Johann Marihart und Rübenbauernverband-Chef Ernst Karpfinger haben einen "Pakt zur Rettung des heimischen Zuckers" unterzeichnet, unter anderem mit einer Wiederanbauprämie in Höhe von 250 Euro pro Hektar Schadfläche. Die Kosten für die geplante Prämie teilen sich der Bund und die betroffenen Bundesländer. Außerdem übernimmt die Agrana die Kosten für das Saatgut beim Wiederanbau. "Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir ein deutliches Signal an die Bauern aussenden", sagte Landwirtschaftsministerin Köstinger am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Wiederanbauprämie werde das Risiko für die Rübenbauern minimieren. Ziel des Pakts sei es, die Versorgungssicherheit in Österreich mit Zucker sicherzustellen.

Das Aus für die Zuckerfabrik Leopoldsdorf sei vom Tisch, wenn bis Mitte November die mit den Bauern vereinbarte Rübenanbaufläche für die Jahre 2021 bis 2023 auf 38.000 Hektar steige, sagte Agrana-Chef Johann Marihart. Dann wäre der Standort für die nächsten drei Jahre gesichert.

Ende August hatte der Agrana-Konzern wegen der stark gesunkenen Zuckerrübenanbaufläche in Österreich das Aus der Rübenzuckerfabrik in Leopoldsdorf im Jahr 2021 anvisiert. Die Agrana - bekannt durch die Marke "Wiener Zucker" - betreibt in Tulln und Leopoldsdorf die zwei einzigen Zuckerfabriken in Österreich.

Weiters fixiert wurde im Rahmen des Branchenpakts die mögliche Notfallzulassung von Neonicotinoid-haltigen Pflanzenschutzmitteln für die Saatgut-Beizung, inklusive wissenschaftlicher Prüfung durch das Bundesamt für Ernährungssicherheit und ein begleitendes Bienenmonitoring. Umweltschutzorganisationen kritisieren den Einsatz von Neonicotinoiden und bringen das Mittel in den Zusammenhang mit dem Bienensterben.

Der Obmann des österreichischen Rübenbauernverbandes, Ernst Karpfinger, will in den kommenden Wochen die Bauern überzeugen, im nächsten Jahr deutlich mehr anzubauen. "Wir werden die Landwirte wieder zurückzuholen." Er sei zuversichtlich, dass die Bauern die anvisierte Anbaufläche von 38.000 Hektar zusagen, aber es werde "eine große Herausforderung". Karpfinger zeigt sich "sehr froh" mit dem heute unterzeichneten Pakt.

Auch der niederösterreichische Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) war mit den Ergebnissen des heutigen "Rübengipfels" zufrieden. Er rechne damit, dass der Standort Leopoldsdorf gesichert sei. "Die heimischen Bauern wollen produzieren, man muss sie aber auch lassen", so Pernkopf. Eine lokale Zuckerproduktion sei auch aus Umweltgründen sinnvoll. "Für jedes Kilo Zucker, das nicht in Europa produziert wird, brennt der Regenwald."

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Zuckerrübenanbaufläche in Österreich fast halbiert. Der Rückgang hat mehrere Gründe: Der Anbau für die Bauern wurden wegen gesunkener Preise weniger lukrativ und massiver Schädlingsbefall durch den Rübenrüsselkäfer und Trockenheit ließen die Ernteaussichten deutlich sinken.

Markus Wieser (AK NÖ): "Zuckerpakt wichtiges Signal"

„Die gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten zeigen Wirkung, um den Produktionsstandort in Leopoldsdorf zu erhalten und die heimische Zucker-Versorgung zu gewährleisten“, so AK Niederösterreich-Präsident und ÖGB NÖ-Vorsitzender Markus Wieser. Der heute präsentierte Zuckerpakt sei ein wichtiger Schritt, um den Fortbestand der AGRANA-Fabrik im Marchfeld und ihrer 150 ArbeitnehmerInnen zu sichern. Ebenso hätten die Landwirte nun eine Perspektive, um den notwendigen Rübenanbau zu steigern.

Bis November soll die vereinbarte Anbaufläche so weit steigen, dass der Standort erhalten wird. Wieser zeigt sich zuversichtlich, dass dies gelingen kann. „Das schafft Klarheit für die ArbeitnehmerInnen und stärkt die regionale Wertschöpfung. Auch die unabhängige Versorgung mit Zucker wird damit gewährleistet“, so Wieser. Er appelliert nun, rasch alle Details mit den Landwirten zu verhandeln, um die Zukunft der AGRANA-Fabrik und der regionalen Arbeitsplätze langfristig zu sichern.

SPÖ für langfristige Konzepte

Der Branchenpakt zur Rettung der Agrana-Zuckerfabrik im niederösterreichischen Leopoldsdorf stellt für die SPÖ Niederösterreich lediglich einen "ersten Schritt" dar. Kritik kam von der FPÖ. Positiv bewerten Agrarvertreter den Branchenpakt.

SPÖ-Landesparteivorsitzender LHStv. Franz Schnabl forderte am Donnerstag in einer Aussendung einerseits langfristige Förderungskonzepte und andererseits ein klares Bekenntnis zum Standort ein. Mit "gezielten Förderungen für die Rübenbauern", die an biologische Pflanzenschutzkonzepte gebunden sind, könnten die Anbauflächen erhöht werden, erläuterte Schnabl. In den Raum stellten die niederösterreichischen Sozialdemokraten in diesem Zusammenhang ein Fördervolumen von neun Mio. Euro, das auch zur Forschung und Entwicklung alternativer Pflanzenschutzmitteln verwendet werden soll.

Erleichtert über "eine erste Annäherung" beim Gipfelgespräch zeigte sich der Leopoldsdorfer Bürgermeister Clemens Nagel (SPÖ). "Mit nachhaltigen Pflanzenschutzkonzepten wird es auch möglich sein, langfristige Konzepte auf den Weg zu bringen", hielt der Ortschef fest.

In ein ähnliches Horn stieß Markus Wieser, Präsident der Arbeiterkammer Niederösterreich (AKNÖ) und ÖGB NÖ-Vorsitzender. Mit dem Pakt sei ein wichtiger Schritt gesetzt worden, um den Fortbestand der Agrana-Fabrik im Marchfeld und von 150 Arbeitnehmern zu sichern. "Die gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten zeigen Wirkung, um den Produktionsstandort in Leopoldsdorf zu erhalten und die heimische Zucker-Versorgung zu gewährleisten."

Agrarvertreter sind mit dem Branchenpakt zufrieden. Der Pakt zur Unterstützung der Zuckerproduktion ist vom Landwirtschaftsministerium, den Bundesländern Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, den Österreichischen Rübenbauern, der Agrana und den Landwirtschaftskammern beschlossen worden, die Bundesländer Burgenland und Wien haben sich aber noch nicht festgelegt. "Wir erwarten uns, dass den Rübenbäuerinnen und Rübenbauern in allen Bundesländern dieselben Werkzeuge und Unterstützungen zur Verfügung stehen werden", forderte Landwirtschaftskammer-Österreich-Präsident Josef Moosbrugger am Donnerstagnachmittag in einer Aussendung. Es dürfe "keine Benachteiligungen geben". Auch NÖ- Bauernbunddirektor Paul Nemecek lobt den Pakt. "Ein erfolgreicher Schritt ist, dass die 4.500 österreichischen Rübenbauern wie die Betreiber nun wieder eine gemeinsame Perspektive haben", sagte Nemecek.

Der freiheitliche Landwirtschaftssprecher im niederösterreichischen Landtag, Reinhard Teufel, übte hingegen deutliche Kritik an dem Zuckerpakt. Die Einigung sei eine "Verhöhnung der Rübenbauern". Die Agrana würde eine Dividende sowie Managerboni auszahlen und gleichzeitig mit der Schließung der Zuckerfabrik Leopoldsdorf drohen.