Unterlassene Hilfeleistung? Mann klagt Gemeindearzt. Nach Ohnmachts-Anfall von 93-Jährigem zeigt dessen Stiefsohn jenen Arzt an, der dem Patienten die Behandlung angeblich verweigerte. Mediziner wehrt sich.

Von Kristin Köck und Michaela Fiala. Erstellt am 21. September 2017 (06:41)
NÖN
Der 93-jährige Patient wurde letztlich vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht.

Schrecksekunde für Rosa Kastner: Ihr 93-jähriger Gatte Walter Zirn wurde plötzlich auf der Terrasse bewusstlos. Kastner begann sofort mit der Herzmassage und rief in der Ordination von Gemeindearzt Avni Sadrija an. Im NÖN-Gespräch erzählte Kastner, dass sich die Ordinationsassistentin gemeldet und erklärt habe, dass gerade beide Ärzte anwesend seien. Kurze Zeit später sei sie aber zurückgerufen worden und habe erfahren, dass beide Ärzte nicht kommen würden.

In der Zwischenzeit traf der Notarzt ein, den Kastner auch verständigt hatte. Zirn wurde ins Krankenhaus gebracht und untersucht. Er konnte danach wieder entlassen werden.

Nun erstattete Zirns Stiefsohn Gerald Kastner Anzeige. Er sei der Ansicht, dass die Aussage „Zu Ihnen kommt der Arzt nicht.“ als unterlassene Hilfeleistung zu verstehen ist.

Arzt: „Notfall“ sei gar keiner gewesen

Die NÖN fragte beim Arzt nach: Laut Sadrija ließ sich Kastner bereits im Februar auf Erste-Hilfe-Leistungen umstellen und wechselte den Hausarzt. Das bedeutet, dass Sadrija nur noch im Notfall für Kastner und ihren Gatten zuständig ist. Innerhalb eines Monats habe Kastner sechs Mal wegen eines angeblichen Notfalls angerufen und kein einziges Mal wäre dies laut dem Arzt gerechtfertigt gewesen. Außerdem, so Sadrija, dürfen Ärzte nicht in dieser Häufigkeit Hausbesuche leisten, wenn kein Notfall vorliegt, zumal das Ehepaar Sadrija am besagten Tag gar keine Ordination gehabt habe.

Laut Kastner herrscht zwischen dem Arzt und ihr schon seit längerer Zeit ein sehr schlechtes Verhältnis – sie werde regelmäßig beschimpft und Sadrija sei ihr gegenüber aggressiv.

Dies bestreitet der Doktor im NÖN-Gespräch allerdings und erklärt, dass eher Kastner diejenige sei, die beleidigend ist. Er sei mittlerweile schon viele Jahre in Neusiedl tätig und habe zu den Bewohnern ein gutes Verhältnis – ganz im Gegensatz zu Kastner. Jener, der unter der schlechten Beziehung am meisten leidet, sei wohl der 93-jährige Zirn, der, so Sadrija, ein „netter, friedlicher Mann“ ist.