Geschichten von Flucht und Hoffnung im Museum

Erstellt am 22. April 2022 | 05:11
Lesezeit: 4 Min
440_0008_8332056_mar16sw_suedmaehren.jpg
Der Kustos des Südmährerhofes in Niedersulz, Sascha Windholz, bei einer Maschine der Fabrik Lange aus Nikolsburg – eines von nur vielen Objekten, anhand deren die Geschichte der Südmährer dargestellt wird.
Foto: Edith Mauritsch
Der Südmährerhof im Museumsdorf Niedersulz feiert sein 40-jähriges Bestehen. Die dort ausgestellten Exponate sind wichtige Zeitdokumente.
Werbung
Anzeige

Der Südmährerhof im Museumsdorf Niedersulz feiert sein 40-jähriges Bestehen. Er ist Kulturzentrum, Ausstellungsraum und Zusammenkunftsort der Südmährer und deren Nachkommen. 77 Jahre ist es her, dass die deutschsprachige Bevölkerung nach Ende des Zweiten Weltkrieges aus Mähren vertrieben wurde und doch von erschütternder Aktualität im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse in der Ukraine.

Was nimmt ein Mensch mit, wenn er binnen weniger Stunden sein Zuhause verlassen muss? Sascha Windholz, der Kustos des Südmährerhofes, berichtet von einem für ihn besonders berührenden Ausstellungsstück: „Einer der Vertriebenen trug offensichtlich nur einen Rucksack mit sich, doch dieses kleine Gepäcksstück war mit einer rund 60 Zentimeter hohen Madonna gefüllt.

Was nimmt ein Mensch mit, wenn er binnen weniger Stunden sein Zuhause verlassen muss?“
Sascha Windholz, Kustos des Südmährerhofes

Die Statue selbst ist ohne künstlerischen Wert und dennoch muss sie für diesen Menschen eine sehr große Bedeutung gehabt haben. Warum sonst hätte er sie mitgenommen in diese Reise ins Ungewisse?“

Die Ausstellung spannt den Bogen vom normalen täglichen Leben über die Vertreibung und damit verbundener Verzweiflung bis hin zu dem Leben danach. Die Exponate, wissenschaftlich aufbereitet, atmen Geschichte und erzählen Geschichten: Wie die Handschuhnähmaschinen, an denen die Frauen im Winter arbeiteten und wesentlich zum Unterhalt der Familien betrugen.

Oder der mit Namen beschriftete Fächer, der in den 1920er-Jahren einem jungen Mädchen als Tanzkarte diente. Oder das Schicksal von Maria Weinmann, einer für ihre Zeit modernen, gut situierten, aber auch sehr mutigen Frau: Bereits 1938 als Angehörige der deutschen Bevölkerungsgruppe kurzfristig inhaftiert, unterstützte sie die Widerstandsbewegung „Österreichische Freiheitsbewegung“.

Erst 1954 kam sie nach einer wahren Odyssee in Wien an, mittellos und in sehr schlechter Verfassung. Wie viele menschliche Schicksale der kleine hölzerne Zettelkasten samt Namenskärtchen aus der Pfarre Poysdorf birgt, ist noch unerforscht: „Dieser Zettelkasten aus 1945 stellt wegen des Zusammenbruches der Verwaltung einer der wenigen Zeitdokumente zum Brünner Todesmarsch dar“, erklärt Windholz.

Und weiter: „Jemand hat sich in diesem ganzen Chaos die Mühe gemacht, die Durchreisenden aufzulisten.“ Dieser Schatz an Daten harrt noch einer wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Viel Arbeit vor dem großen Festakt

Während des NÖN-Interviews wird gehämmert und gestrichen. Bis zum Festakt am 24. April ist noch viel zu tun, ständig kommen neue Ideen dazu: „Ehrenamtliche Helfer über Generationen hinweg sind mit dabei“, ist Windholz stolz auf die fruchtbare Zusammenarbeit. Generationenübergreifendes Vermitteln von Wissen steht auch mit der Ausstellung im Fokus.

Der Südmährerhof steht im Museumsdorf Niedersulz und ist doch ein eigenständiges Objekt – sowohl, was die Ausrichtung der Ausstellung als auch die Eigentumsverhältnisse betrifft. Josef Geissler, damals noch kein Professor, begann mit seinem Museumsdorf und meinte: „Wollt ihr euch nicht anschließen? Das passt, Weinviertel und Südmähren sind ein kultureller Raum.“

Der Hof ist ein Nachbau des Hofes der Familie Czerny in Neudek, selbst Vertriebene. Stück für Stück kamen ein Freidach, eine Ausnahm’, ein Stadl und ein Presshaus dazu. Alljährlicher Höhepunkt ist der Südmährerkirtag, der nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause heuer wieder stattfinden soll. Windholz hat viel vor im heurigen Jahr. So steht im Mai ein Traktoren-Oldtimer-Treffen am Programm, an zwei Terminen werden schon rar werdende Zeitzeugen über ihre Erlebnisse berichten und im Oktober präsentiert Robert Blum sein Projekt „Unsere Vorfahren erzählen aus ihrem Leben“.

Nähere Informationen gibt es auf www.suedmaehren.at.

Werbung