Ärger über Freileitungsbau in Weiden. Grüne kritisieren EVN-Pläne in Natura-2000-Gebiet zu bauen. Energiekonzern nimmt dazu Stellung.

Von Stefan Havranek. Erstellt am 16. Oktober 2020 (04:01)
Der Plan für die 8 km lange Leitung zwischen den Umspannwerken Untersiebenbrunn (bestehend, östlich) und dem neu geplanten in Oberweiden (westlich). Die Grünen kritisieren, dass eine Freileitung durch das Natura-2000-Gebiet verlaufen soll.
Grüne

Zwischen dem Umspannwerk Untersiebenbrunn und dem neu geplanten Umspannwerk in Oberweiden soll eine 110-kV-Leitung gespannt werden. Der kürzeste Weg zwischen diesen beiden Punkten führt durch ein Natura 2000 Vogelschutzgebiet.

„Nach der mündlichen Verhandlung stellte sich heraus, dass die Unterlagen, die die Grundstückseigentümer vorab einsehen konnten, nicht vollständig waren“, ärgert sich Grünen-Bezirkssprecherin Beate Kainz. Laut ihr erfuhren die Eigentümer erst während der Verhandlung, wo genau die Masten aufgestellt werden.

„Weiters wurde der Bedarf an der Leitung wegen möglicher Windparks und Photovoltaik-Großanlangen in den Raum gestellt. Der Strombedarf dürfte aber nur aus einem Vertrag mit der Gas Connect abgeleitet worden sein, die mit größeren Mengen rechnet“, so Kainz: „Während der Windpark Matzen eine 10,5 km lange Erdleitung auf eigene Kosten verlegt, errichtet die Netz NÖ in Oberweiden ein eigenes Umspannwerk.“

Kainz ortet auch „massive Einschränkungen“ für die Landwirte: „Die Abstände zwischen den Feldern lassen verschiedene, für den Ackerbau notwendige Geräte nicht mehr zu. Insgesamt sollen 28 Masten aufgestellt werden, 17 davon ohne Zustimmung der Betroffenen. Während die Grundbesitzer für ein Erdkabel plädierten, bestand die Netz NÖ auf die Freileitung“, moniert Kainz. Und weiter: „Warum wird es Windkraftbetreibern zugemutet, selbstständig Erdkabel zu verlegen? Es geht um die geringstmöglichen Auswirkungen für Mensch und Umwelt. Im Natura-2000-Gebiet sollte es keine Diskussion geben.“

EVN-Pressesprecher Stefan Zach reagiert: „Die 110-kV-Einfachleitung ist Teil eines übergeordneten Netzkonzeptes.“ Im Zuge der geplanten Errichtung der S8, des prognostizierten Ausbaus des „ecoplus“-Wirtschaftsparks in unmittelbarer Nähe und des Mehrbedarfs der Gas Connect Austria ergebe sich die Notwendigkeit eines Ausbaus.

2.000 MW Naturstrom bis zum Jahr 2030

Laut derzeitigen Prognosen werden bis 2030 im nördlichen Weinviertel Wind- und Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von über 2.000 MW in Betrieb sein. „Da wir diesen Strom aber bei Weitem nicht in der Region verbrauchen, müssen für den Abtransport Leitungen und Umspannwerke gebaut werden“, erklärt Zach. Die Trasse sei das Ergebnis eines von Gesprächen mit Vertretern von BirdLife, der NÖ Umweltanwaltschaft, dem Naturschutzsachverständigen des Landes NÖ und den Projektleitern der Netz NÖ. „Die Netz NÖ hat ursprünglich auf einer etwa doppelt so langen Trasse geplant, die das Natura-2000-Gebiet weiter östlich auf kürzerer Strecke durchquert hätte“, informiert Zach. Aufgrund übergeordneten Vogelzuges über den Marchkorridor habe BirdLife für die eingereichte Variante plädiert, die das Natura-2000-Gebiet auf größerer Strecke durchschneidet. „Ohne Hinweise von BirdLife, Umweltanwaltschaft und Naturschutzsachverständigen hätte Netz NÖ diese Trasse nie gewählt“, versichert Zach.

„80 % der Leitungen bereits unter der Erde“

„Dort, wo das technisch möglich und sinnvoll ist – im Nieder- und Mittelspannungsbereich – haben wir mittlerweile rund 80 Prozent der Leitungen ,unter die Erde gebracht‘. Bei der Hochspannungsebene ist das aber bedeutend schwieriger“, erkärt Zach, warum eine Freileitung gewählt wurde. Neben großen Bedenken auf technischer Ebene und Mehrkosten im Bereich des Fünf- bis Sechsfachen gehe es vor allem um Versorgungssicherheit. Schäden an Freileitungen könnten früher erkannt und meist innerhalb weniger Stunden behoben werden. Bei Erdkabeln könne eine Reparatur mehrere Tage dauern.

„Darin besteht – neben der komplett anderen Spannungsebene – der große Unterschied zu den Windpark-Verkabelungen: In diesen Leitungen wird ,nur‘ Strom von Windkraftwerken an das übergeordnete Netz transportiert. Es werden aber keine Kunden versorgt“, erklärt Zach, der ergänzt, dass auch die „EVN Naturkraft“ bei jedem Windkraftprojekt selbstständig Kabelleitungen vom Windpark bis zum nächsten freien Umspannwerk verlege.

„Im Zuge der Umrüstung von gasbetriebenen Verdichterstationen auf strombetriebene – iein Beitrag zur Verbesserung der CO -Bilanz – hat die Gas Connect einen erhöhten Bedarf von Strom angemeldet – etwa 75 MW Anschlussleistung“, berichtet Zach. Deswegen habe die Netz NÖ beschlossen, ein öffentliches Umspannwerk zu errichten. „Natürlich kommt die Gas Connect Austria auch für ihren Anteil am Netzausbau und die Anschlusskosten auf“, stellt Zach abschließend klar.