Zuckerfabrik Leopoldsdorf vor dem Aus: „Katastrophe“. Agrana will Standort in Leopoldsdorf schließen. Die Politik reagiert geschockt und fordert „gemeinsamen Kraftakt“.

Von Stefan Havranek. Erstellt am 02. September 2020 (06:14)
Dritte SP-Nationalratspräsidentin Karin Renner, SP-Bürgermeister Clemens Nagel und SP-Nationalrätin Katharina Kucharowits (v.l.) vor der Leopoldsdorfer Zuckerfabrik.
Havranek

Am vergangenen Dienstag kam der Paukenschlag: Die heurige Rüben-Kampagne, deren angekündigter Start erleichtert bejubelt wurde, wird die letzte am Leopoldsdorfer Standort sein, alles deutet darauf hin, dass die Zuckerfabrik nächstes Jahr nicht mehr aufsperrt. Wir hatten berichtet:

Die Betroffenen reagierten geschockt, SP-Bürgermeister Clemens Nagel lud zur Pressekonferenz mit der Dritten SP-Landtagspräsidentin Karin Renner und SP-Nationalrätin Katharina Kucharowits ins Rathaus.

„Es ist ein rabenschwarzer Tag für die Marktgemeinde und die gesamte Region“, eröffnete Nagel seine Ausführungen zu dieser Hiobs-Botschaft.

Er selbst habe, just als eine Informationsveranstaltung für die Agrana-Mitarbeiter begann, in denen ihnen das Fabriks-Aus verkündet werden sollte, von der Schließung erfahren: „Nach fast 120 Jahren Zuckerproduktion, die stets ein Garant für Arbeitsplätze und Wohlstand in der Gemeinde war, stehen bald 150 ganzjährige und 100 saisonale Mitarbeiter ohne Job da. Eine enorme Katastrophe für sie und ihre Familien.“

Großteils gehe es um hoch spezialisierten Arbeits- und Fachkräfte: „Wo soll ein Agrana-Zentrifugenschlosser, ein ,Zuckerkoch‘ sonst arbeiten?“

Neben dem schmerzlichen Verlust der Arbeitsplätze sind die finanziellen Auswirkungen auf die Gemeinde nicht zu unterschätzen: „In guten Jahren haben wir 300.000 Euro an Kommunalsteuer lukriert, etwa fünf Prozent der Einnahmen in unserem Gemeinde-Haushalt. Und das, wo wir gerade eine Wasserleitung bauen und die Corona-Krise sich auf die Wirtschaft niederschlägt.“

Mehr Flächen „letzter, dünner Strohhalm“

Es gibt einen „letzten, dünnen Strohhalm“ für den Erhalt des Standorts, wenn bis November eine Gesamtrübenfläche in Österreich von über 38.000 Hektar garantiert werden kann – heuer wurden 32.000 Hektar angebaut und 26.000 werden geerntet, Rübenderbrüssler und Frühjahrstrockenheit vernichteten 6.000 Hektar.

„Die Agrana hat im Vorjahr versucht, Rübenbauern mit lukrativen Dreijahres-Verträgen zu überzeugen“, so Nagel, der einen überparteilichen Schulterschluss fordert, um das Unheil abzuwenden: „Die SPÖ hat auf Landesebene Vorschläge wie eine Flächensubvention oder Förderungen für Bio-Schädlingsbekämpfung eingebracht – offensichtlich wurde der Ernst der Lage aber verkannt.“

Er stellt klar: „Das ist die letzte Chance, zu verhindern, dass der letzte klassische Industriebetrieb im Marchfeld zur Ruine auf einem 72 Hektar großen Betriebsgebiet wird. Denn wieder aufgesperrt wurde noch keine Zuckerfabrik.“

Renner pflichtete ihm bei und gab zu bedenken, dass neben den direkten Arbeitnehmern noch eine Reihe an Betrieben an der Zuckerfabrik hänge: „Man denke an das ,Gasthaus zur Zuckerfabrik‘, Frächter, Handwerker.“ Dass VP-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger erst jetzt zu einem Gipfel zum Thema einlädt verwundert sie, „aber unsere Hand bleibt ausgestreckt.“

Kucharowits verwies auf Kampagnen zur lokalen Wertschöpfung: „Wo bleibt dieses Bekenntnis beim Zucker? Regionalität braucht regionale Produkte.“ Einig waren sich alle, dass alle Entscheidungsträger an einem Strang ziehen müssen, um einen scheinbar aussichtslosen Kraftakt doch noch zu schaffen.“