Rußbach voller Pestizide. Wasserqualität / GLOBAL 2000 entnahm Proben aus Fließgewässern: Im Marchfeld, das landwirtschaftlich intensiv bewirtschaftet wird, wurden bis zu 40 Pestizide pro Probe entdeckt.

Von Sandra Schwarz. Erstellt am 13. Juni 2014 (07:01)
Knotz
Der Rußbach, der mit dem Marchfeldkanal (im Bild) zusammenhängt, sowie der Mühlbach sind stark verschmutzt.

Die österreichische Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 ließ insgesamt 75 Wasserproben aus 42 Fließgewässern – auch aus dem Rußbach sowie dem Mühlbach – auf Pestizide untersuchen. Der Rußbach hat eine Länge von rund 71 Kilometer und mündet bei Hainburg in die Donau. Sein Hauptnebengewässer ist der Marchfeldkanal, der bei Deutsch-Wagram einmündet.

In 22 der 42 stichprobenartig untersuchten österreichischen Flüsse wurden insgesamt 60 verschiedene Pestizide nachgewiesen. 15 davon gelten als hormonell wirksame Chemikalien, die u.a. mit Missbildungen bei Fischen und Amphibien in Zusammenhang gebracht werden.

„Belastung regional sehr unterschiedlich"

„Die vorgefundenen Pestizidbelastungen waren regional sehr unterschiedlich. Während die Mehrzahl der untersuchten Gewässer keine oder nur geringe Pestizidbelastungen aufwiesen, traten in landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Regionen, so auch im Marchfeld, mit bis zu 40 Pestiziden in einer Probe alarmierend hohe Belastungen auf“, berichtet Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei GLOBAL 2000.

Wolfgang Neudorfer, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft Marchfeldkanal, vermutet, dass die Messungen des Mühlbachs südlich von Bockfließ durchgeführt wurden. „An dieser Stelle ist der Bach beinahe ein stehendes Gewässer. Wenn es dort zu einer Verunreinigung kommt, ist das sofort messbar“, so Neudorfer. Außerdem spiele – so der Experte – auch der Zeitpunkt der Messung eine zentrale Rolle. „Bis zum Jahr 2010 wurden auch von uns regelmäßig Pestizid-Untersuchungen durchgeführt, doch die Ergebnisse waren nie über dem Trinkwasser-Grenzwert.“

Die Ökotoxikologin Saskia Knillmann, die die Testergebnisse einer ökotoxikologischen Bewertung unterzog, kommentiert die Ergebnisse wie folgt: „Die in Mühlbach und Rußbach mehrfach gemessenen Pestizidbelastungen üben auf zahlreiche Wasserorganismen negative Effekte aus.“

Bis 2015 müssen alle europäischen Gewässer einen guten ökologischen und chemischen Zustand aufweisen, so will es die Zielvorgabe der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Die Bewertung des chemischen Zustands erfolgt anhand einer Liste prioritärer Stoffe, die im Rahmen der Gewässerüberwachung untersucht werden müssen.

Doch von den 60 Pestiziden, die in der Stichprobenuntersuchung österreichischer Fließgewässer gefunden wurden, sind gerade einmal vier in der Wasserrahmenrichtlinie geregelt.

Für 56 Pestizide gibt es keine Umweltnormen 

Die restlichen 56 sind de facto für die chemische Wasserqualität irrelevant, denn weder müssen sie untersucht werden, noch existieren Umweltnormen oder Grenzwerte für ihre Konzentration in Gewässern. Helmut Burtscher erläutert: „Für die Pflanzenschutzmittelindustrie ist das eine komfortable Situation. Pestizidhersteller müssen gegenüber den Zulassungsbehörden anhand von Daten zwar ,belegen‘, dass ihre Pestizide Oberflächengewässer nicht in inakzeptabler Weise beeinträchtigen, doch ob sich das in der Realität dann auch tatsächlich so verhält, wird mangels gesetzlichen Auftrags nicht überprüft. Und das, obwohl Pestizide zu jenen Chemikalien mit der höchsten Toxizität für Wasserorganismen zählen.“

Wolfgang Neudorfer zu den Ergebnissen: „Zunächst muss festgestellt werden, ob die Pestizide aus der Landwirtschaft oder aus einem anderen Bereich kommen. Nun wird vom Land Niederösterreich eine Überprüfung der Wasserqualität durchgeführt.“


Die Forderungen

Zum Schutz der Gewässer fordert GLOBAL 2000:

  • Die Belastung von Gewässern durch Schadstoffe, die herkömmliche Kläranlagen passieren können – insbesondere durch Arzneimittelwirkstoffe – muss in Hinblick auf ihr Ausmaß und ihre Wirkungen auf das Ökosystem genauer erforscht werden.

  • Zum Schutz von Gewässern vor Pestizideintrag sollten Abstandsstreifen, Baumreihen und Hecken geschaffen werden.

  • Ein umfassendes Monitoring der Pestizidbelastung in Österreichs Gewässern muss eingeführt werden.

  • Förderprogramme für den Verzicht auf Neonicotinoide und Glyphosat sowie der schrittweise Ausstieg aus hormonell wirksamen Pestiziden sind vorzusehen.

  • Einführung einer Pestizidsteuer mit Zweckwidmung für die Folgekosten, die durch den Pestizideinsatz verursacht werden.