Verwaistes Grundstück: Anrainer auf Barrikaden. Dass ein verwaistes Grundstück bebaut werden soll, stört Nachbarn. Widmung ist aber durch.

Von Ulla Kremsmayer. Erstellt am 20. Juli 2019 (05:47)
Ulla Kremsmayer
Christian Lilg und das Ehepaar Steininger fühlen sich „verscheißerlt“, weil am Nachbargrundstück nun gebaut wird.

Zu den Osterfeiertagen erschien ein neues Gesicht am Nachbargrundstück und erläuterte Pläne für einen Hausbau. Man müsse an die Grundstücksgrenze bauen, die Fläche sei umgewidmet, der Bebauungsplan geändert. Familie Steiniger sowie Nachbar Christian Lilg waren aus dem Häuschen, wussten von nichts. Das schmale Grundstück galt als unverkäuflich (schwer bebaubar) und lag seit 20 Jahren brach.

Beide Eigentümer zeigten Interesse, den Grund zu kaufen, um ihre Gärten zu vergrößern – ihr Angebot war der Besitzerin zu niedrig. Jetzt fand sich doch ein Abnehmer, einer, der wirklich bauen will. Lilg, der sich als „Barockteenager“ bezeichnet, wandte sich empört an Ortsvorsteher Alfred Steiniger, der sich uninformiert zeigte. „Ich habe das damals nicht bemerkt, dass eine Änderung für Rutzendorf bei den Anträgen dabei war.“ So sei es auch den anderen Gemeinderäten ergangen, sie beschlossen etwas, ohne es davor genau studiert zu haben.

"Und wir erfahren nichts davon"

16 Änderungen aus allen Katastralgemeinden wurden einstimmig beschlossen. Doch geplante Änderungen der Bebauungspläne werden schon Wochen davor öffentlich aufgelegt und sind für alle einsichtig, sowohl für die Gemeinderäte wie auch für die Bürger. Sie wurden aber nicht extra darüber informiert, dass etwas aufliegt. Lilg wandte sich an alle Fraktionsobleute im Gemeinderat und an SP-Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec. Die Referentin für Ortsplanung, Michaela Krämer, rief das Land auf den Plan, beschwerte sich bei der BH. Das Ehepaar Steiniger beauftragte einen Anwalt. Doch die Widmungsänderung ist rechtskräftig.

Lilg fühlt sich „verscheißerlt“, lässt es auch nicht an deftigen Unterstellungen und Drohungen fehlen. „Da wurde zum Vorteil und zur Geldwerterhöhung einer Partei und zu Lasten von vier Anrainern umgewidmet und wir erfahren nichts davon.“ Zudem fehle es an einer ordentlichen Begründung laut Raumordnungsgesetz. Es kursiere schon der Witz, dass die FPÖ zwei böse Buben nach Ibiza schickte, in Groß-Enzersdorf hingegen zwei böse Mädchen in Rutzendorf kassierten, so Lilg.

Bürgermeisterin und Raumordnungsreferentin verstehen die Aufregung nur zum Teil. „Herr B., der neue Besitzer, hätte so oder so bauen können. Für die Anrainer ändert sich nichts. In diesem Fall wurde für das Grundstück die Widmung von ‚offen/gekuppelt‘ in ‚einseitig offen‘ geändert“. B. hätte nach alter Ordnung ein 100 Quadratmeter großes Nebengebäude von drei Meter Höhe direkt an die Grundstücksgrenze bauen dürfen. Nun darf er dort in ebensolcher Höhe einen Wohnraum an sein Haus anbauen – wiederum mit Feuermauer zu den Nachbarn. Auch an einem etwaigen Dach ändert sich nichts, es muss so geneigt sein, dass ausreichend Lichteinfall gewährleistet ist.

30 Prozent dürfen verbaut werden

Ebenso wenig werde ein von den Anrainern befürchteter Glasüberbau als Wintergarten, eine Einfahrt von hinten oder ein zweites Haus für die Tochter auf dem Grundstück möglich, denn nur 30 Prozent der Fläche dürfen verbaut werden. „Es gibt noch keinen konkreten Bauplan. Zum Baubewilligungsverfahren werden alle Anrainer geladen“, so die Stadtchefin.

Freilich, eine Baustelle am Nachbargrundstück ist nicht angenehm, räumt die Bürgermeisterin ein. Steiniger, die eine Praxis als Human- und Wohnbauenergetikerin betreibt, wo es um Tiefenentspannung geht, fürchtet den Baulärm. Aber das ist keine Frage der Umwidmung. Baugrundstück war der Streifen eben schon.