S1-Kritik verstummt nicht. WIEN, GROSS-ENZERSDORF / Umweltschützer orten UVP-Mängel, ASFINAG kontert. Probleme unter anderem bei Erdbebensicherheit, Projektwerber verteidigt „gewissenhafte“ Expertisen.

Erstellt am 04. März 2014 (23:59)

In einer Pressekonferenz erläuterten die Umweltorganisationen Forum Wissenschaft und Umwelt (FWU) und VIRUS gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Rettet die Lobau“, warum das UVP-Verfahren der S1 Lobau-Autobahn nicht abgeschlossen werden könne. Die Probleme reichten von der Nichtberücksichtigung der Überflutung des Bauwerks durch Grundwässer über Fehlplanung bei der Erdbebensicherheit bis hin zur Überschreitung der Grenzwerte für Luftschadstoffe und Lärm. Zudem seien einschlägige Normen und der Stand der Technik nicht eingehalten worden.

Hydrogeologe Josef Lueger ortete Grundwasserprobleme: „Die Projektanten machen gar kein Hehl daraus, dass drei der vier wasserdichten Wannen bei hohen Grundwasserständen überflutet werden, wie sie historisch bereits aufgetreten sind. Man stelle sich vor, die Autobahn muss wegen Überflutung geschlossen werden.“ Jedenfalls könnten auch noch Abpumpungen und Grundwasserspiegelabsenkungen den Nationalpark beeinträchtigen, so Lueger.

Geologe stellte ein schlechtes Zeugnis aus 

Der BOKU-Geologe Roman Lahodynsky hingegen stellte der erdbebentechnischen Planung ein schlechtes Zeugnis aus. „Weder wurden die Bemessungsbeben richtig angesetzt, noch die Beschleunigungskräfte erfasst“, sagte er. Mit dem Markgrafneusiedler Bruch führe ein Störungssystem in nur 3,5 Kilometern Entfernung vorbei. Dieses komme im Projekt gar nicht vor. Das sei aber bei einer im Grundwasserbereich geführten Tunnelröhre eine wichtige Frage, nämlich ob diese überhaupt dichthalten könne.

Kritik hagelte es auch an der Berechnung der anzunehmenden Luft-und Lärmverschmutzung: Die Gutachter der Behörde hätten nicht ausreichend nachgewiesen, dass alle Grenzwerte eingehalten werden können, wie Aron Vrtala, Sachverständiger für Luftschadstoffe, erklärte. Peter Weish, Präsident des Forums Wissenschaft und Umwelt (FWU), verwies allgemein auf die fehlende Nachhaltigkeit: „Es ist angesichts steigender Staatsschulden unverantwortlich, diesen Weg gegen alle Erfordernisse von Klimawandel und ,Peak Oil‘ weiter zu beschreiten.“

Rehm: „Doris Bures soll die Reißleine ziehen“ 

Wolfgang Rehm, Sprecher der Umweltorganisation VIRUS, forderte Infrastrukturministerin Doris Bures gar auf, endgültig „die Reißleine zu ziehen“. Denn insgesamt habe die Plattform bereits 13 Gegengutachten in das laufende UVP-Verfahren eingebracht. Außerdem habe man Befangenheitsanträge gegen sechs Behördengutachter gestellt, erklärte Rehm.

Die ASFINAG kontert durch ihren Sprecher Christoph Pollinger: „Es gab nur gewissenhafte Planungen durch Top-Experten. Die Projektunterlagen zielen auf besten Anrainer- und Umweltschutz ab und selbstverständlich sind alle Anforderungen in puncto Grundwasser-, Hochwasser- sowie Erdbebenschutz berücksichtigt.“ So seien für die Planung des Tunnels neben österreichischen auch internationale Ingenieurbüros an Bord. Und seit 2007 werde geplant: Mehr als 9.000 Seiten Bericht und über 300 Pläne fänden sich bereits in den UVP-Unterlagen. Rehm weist die Behauptungen der ASFINAG, ihr Projekt hätte Top-Planungsqualität, zurück: „Wenn dem so wäre, dann hätte das seit 2009 laufende UVP-Verfahren längst abgeschlossen sein müssen.“

Die UVP bezieht sich unter anderem auf den knapp neun Kilometer langen S1-Südabschnitt, der zum Großteil aus dem unter der Lobau verlaufenden Tunnel bestehen wird. Das aufwendige Teilstück wird nach aktuellem Stand 2018 in Angriff genommen und soll ab 2025 befahrbar sein.