S8: „Mit ein bisschen Willen geht beides“. In einer Diskussionsrunde machten Experten deutlich: Die Marchfeld-Schnellstraße kann gebaut werden und gleichzeitig kann für den vom Aussterben bedrohten Triel neuer Lebensraum geschaffen werden.

Von Sandra Frank. Erstellt am 21. November 2020 (09:12)
Coronabedingt fiel eine Diskussion mit Publikum aus. Das Thema, das via Zoom auf YouTube besprochen wurde, war der Status quo des Straßenprojekts Marchfeld-Schnellstraße S8.
Screenshot: Sandra Frank

„Der Triel ist zum unbeliebtesten Vogel geworden, obwohl ihn noch kaum jemand gesehen hat“, sagt Gänserndorfs Bürgermeister René Lobner über jenen Vogel, der droht, die Marchfeld-Schnellstraße S8 zu verhindern. Es gibt nämlich zwei Paare, die genau dort gebrütet haben, wo die Trasse der S8 verlaufen soll. Weil der Vogel vom Aussterben bedroht ist, müsse sein Lebensraum geschützt werden. Darum sei die Schnellstraße auf der geplanten Trasse nicht möglich. Das Bundesverwaltungsgericht schloss das Verfahren. 

Warum die Straße so wichtig für die Region ist, wie der Status quo ist und warum es von Vorteil ist, dass der Triel gut „gelenkt“ werden kann, das besprachen Mobilitätslandesrat Ludwig Schleritzko, Asfinag-Geschäftsführer Alexander Walcher, Landschaftsökologe Thomas Knoll und Rainer Raab, ein international anerkannter Triel-Experte. Moderiert wurde die Diskussion, die via Zoom auf YouTube stattfand, von Gänserndorfs Bürgermeister René Lobner.


„In diesem Fall ist der Schutz der Region vor den Naturschutz zu stellen."

„Die Gemeinden leiden unter der Verkehrshölle“, betonte Lobner. Schleritzko lieferte die „gewaltigen Verkehrszahlen“: 30.000 Pkw und 3.000 Lkw rollen täglich durch die Ortschaften. Ab 20.000 Pkw brauche es vierspurige Straßen. Deswegen bringen auch kleinräumige Umfahrungen, wie sie von den S8-Gegnern gefordert werden, keine Verbesserung: „Die müssten ebenfalls vierspurige sein“, erklärte der Landesrat. Und: Die Umfahrungen würden durch das gleiche Planungsgebiet führen wie die geplante S8, sie müssten dieselben Genehmigungsverfahren durchlaufen.

Schleritzko, der Direktor des Nationalparks Thayatal war, bevor er Landesrat wurde, machte eines deutlich: „In diesem Fall ist der Schutz der Region vor den Naturschutz zu stellen. Weil es um Menschen geht.“

Rainer Raab, einer der wenigen Menschen, die den Triel schon zu Gesicht bekamen, lebt selbst in Deutsch-Wagram und weiß, was es heißt, 30 Minuten oder eine Stunde im Stau zu verbringen, wenn man Richtung Wien unterwegs ist. Es sei kein „entweder oder“, sondern ein „sowohl als auch“. Menschenschutz und Vogelschutz würden einander nicht ausschließen. 

"Der Triel kann gut gelenkt werden"

Der Triel sei nicht standorttreu. Er brüte gern in Schottergruben oder den Flußbänken großer Ströme. „Der Triel kann gut gelenkt werden, weil er es gewohnt ist, dass die Schotterinseln, etwa nach einem Hochwasser, nach dem Winter weg sind“, erklärte Raab. Die Asfinag werde Ausgleichsflächen schaffen, die von dem Vogel sicher gut angenommen werden, ist der Experte überzeugt.

Davon gelte es nun, das Gericht zu überzeugen. Noch ist aber offen, wie es nach der überraschenden Schließung der Verhandlung weitergeht. Es gebe drei Varianten, für die sich das Bundesverwaltungsgericht entscheiden kann, sagte Walcher. Erstens: Es weist den Antrag ab. „Dann heißt es für uns: Zurück an den Anfang.“ Oder zweitens: Das Verfahren kann zurück an die erste Instanz verwiesen werden, also an das Verkehrsministerium. Die UVP müsste dann wiederholt werden. Oder drittens: „Das wäre die notwendige und richtige Entscheidung: Das Ermittlungsverfahren geht weiter“, skizzierte Walcher und betonte: „Es ist nachgewiesen, dass es keine bessere Variante der Trasse gibt.“ Dem stimmten Lobner und Schleritzko zu.


Region braucht hochrangige Schnellstraße S8

Umwelttechniker Knoll sprach von einer „sehr unglücklichen Situation“, die auch den Naturschutz in eine missliche Lage bringe. Natürlich gelte es, die seltenen Vögel zu schützen, aber: „Die Region hat Entwicklungsschwächen aufgrund des Infrastrukturmangels.“ Hier nickte Lobner: „Der Leidensdruck ist sehr groß. Wir können uns nicht weiterentwickeln; es fehlt die hochrangige Straße.“ Wo Infrastruktur fehlt, siedeln sich keine Betriebe an. Und so müssen die Menschen weiterhin pendeln.

Ein Weg aus der Sackgasse, wie Walcher den Status quo bezeichnete, wäre ein Ausnahmeverfahren. Ein solches habe es bei der Umfahrung Wiener Neustadt gegeben. „Dazu braucht es einen guten Grund. Dieser ist die Gesundheitsgefährdung an der B8“, meinte Knoll, der ebenfalls keinen Zweifel daran hat, dass die geplante Trasse, die durch ein Natura2000-Gebiet führt, die mildeste Variante ist.

"Schnellstraße gibt der Region Zukunft"

„Die Diskussion hat aufgezeigt, dass mit ein bisschen Willen beides möglich ist“, fasste Lobner zusammen. Er ist klarer Verfechter der S8: „Wir brauchen diese Lebensader.“ Der Verkehrslandesrat bekräftigte: „Die Situation ist wahrlich zermürbend für die Bevölkerung, die mit der Blechkolonne leben muss. Ohne S8 ist die wirtschaftliche Entwicklung nicht möglich. Die Marchfeld-Schnellstraße gibt der Region Zukunft.“

Aus der Diskussion ging ebenfalls ein klares Bekenntnis der Asfinag zur Schnellstraße hervor: „Ja, wir sind verpflichtet, das Projekt umzusetzen. Und ja, das Bauprogramm S8 ist deutlich monetär verankert, es ist mit 330 Millionen Euro in unserem Budget vorgesehen.“

Aufgeben wolle die Region auf keinen Fall. Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts werde vor Weihnachten erwartet. Sollte hier der Worst Case eintreffen, dass das Verkehrsprojekt zurück an den Anfang geschickt wird, geht es weiter zur nächsten Instanz. „Wir sind bereit, jegliches Rechtsmittel auszuschöpfen“, sagte Schleritzko. „Wir hoffen aber, dass es nicht so weit kommt. Das würde noch mehr zeitliche Verzögerung bedeuten“, dachte Lobner einmal mehr an die leidgeplagten Pendler und Anrainer.