Wenn‘s frühmorgens läutet

Erstellt am 23. November 2016 | 06:18
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Aus heiterem Himmel abgeschoben: Zum Schulstart wurden noch Geschenke der Raika an die Familie Jounas übergeben – jetzt wurden der Vater, sein Sohn (zweite Reihe), seine jüngere Tochter (rechts vorne), die ältere Tochter und die Gattin (nicht im Bild) ihrem Betreuer-Netzwerk entrissen.
Foto: NOEN, Netzwerk Lainsitztal
Wegen Dublin-Verordnung fast ohne Aussicht auf ein Bleiberecht: Flüchtlinge und Hilfsnetze vor der Zerreißprobe. Über Abschiebungs-Fälle aus dem Lainsitztal.
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Das Abschieben von Asylwerbern. Was bedeutet der luftig-lockere Wahlkampf-Schlager in der Praxis? Auf diese Frage fanden die Mitarbeiter im größten lokalen Netzwerk „Willkommenskultur Lainsitztal“ beängstigende Antworten.

Um 5 Uhr morgens hätten Polizisten Anfang voriger Woche die Familie Jounas in der Unterkunft in Bad Großpertholz abgeholt, unangekündigt und trotz laufenden Protestes gegen die grundsätzlich angekündigte Abschiebung, sagt Sprecher Thomas Samhaber. Viele Habseligkeiten – auch Geschenke von Helfern wie Kleidung, Hausrat oder ein Fahrrad – hätten die Pakistani zurücklassen müssen: „Die Kleider hängen heute noch am Wäscheständer. Die Handys wurden ihnen abgenommen. Sie konnten mehrere Tage nicht telefonieren, Freunden Bescheid geben oder die Kinder von der Schule abmelden.“ Betreuer hätten tagelang bezüglich des Aufenthaltes im Dunklen getappt.

Integrationsmaßnahmen „scheinen vergebens“

Die fünfköpfige Familie wurde nach Belgien abgeschoben, wo sie bei der Flucht erstmals registriert worden war. Die Zurückweisung erfolgte also gemäß „Dublin-Verordnung“ wegen Zuständigkeit eines anderen EU-Staates – der Protest gegen den negativen Asylbescheid hat da keine aufhebende Wirkung.

Die Helfer bedauern das. Die Familie – die Mutter im achten Monat schwanger – sei voll integriert gewesen. Die drei „höflichen und hochintelligenten Kinder“, die Älteste (13) beherrsche fünf Sprachen– seien mitten im Schuljahr aus ihren Klassen gerissen worden. Immer mehr Familien und Personen mit Dublin-Verfahren – also wenig Aussicht auf ein Bleiberecht – würden, wie es seitens des Netzwerkes heißt, bei uns untergebracht. Die ehrenamtliche Betreuung bringt das an ihre Grenzen, wie Brigitte Temper-Samhaber sagt. „Behördenwege in Wien, St. Pölten, Traiskirchen und Thalham/Attergau sind von hier aus mühsam zu erledigen. Integrationsmaßnahmen wie Deutschkurse und gemeinsame Aktivitäten scheinen vergebens, menschliche Beziehungen werden rasch wieder getrennt.“

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Rawand Kader beim Deutschunterricht. Der Aufwand des Netzwerkes war vergeblich – der Sportlehrer wurde nach Bulgarien abgeschoben.
Foto: NOEN, Netzwerk Lainsitztal

Besonders schmerzvoll für viele Helfer war die Abschiebung von Rawand Kader aus Kurdistan nach Bulgarien. Der Sportlehrer habe sich, nachdem er vor einem Jahr in St. Martin Zuflucht gefunden hatte, bestens integriert, in Deutschkursen große Fortschritte erzielt und sich in die Gemeinschaft eingebracht. Er sei ein „unendlich lustiger Typ“ gewesen, sei allseits geschätzt worden und habe eine Lebensgemeinschaft mit einer Waldviertlerin aufgebaut, sagt Thomas Samhaber.

 

Dann wurde er eines Tages im August unangekündigt um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen und in ein Lager nach Bulgarien überstellt, wo er nach der Flucht erstmals registriert worden war. Dort habe er inzwischen unter gefängnisähnlichen, menschenunwürdigen Bedingungen mit hunderten weiteren Insassen unterschiedlichster Ethnien völlig resigniert, sei einer schweren Depression verfallen. Beim Bundesverwaltungsgericht wird derzeit um eine Rückkehr Kaders gekämpft, zumal die Abschiebung auch nach Ansicht der bulgarischen Behörden wegen verstrichener Fristen gar nicht rechtens gewesen sein soll.

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Ein ähnliches Schicksal steht den Helfern mit der irakischen Familie Rida bevor.
Foto: NOEN, Netzwerk Lainsitztal

Polizeichef Brocks: „Ist natürlich ein Drama“

Das Thema Abschiebung sei eine sehr komplexe Materie und „schwer für alle Beteiligten“, betont indes Bezirkspolizei-Kommandant Wilfried Brocks. „Menschen kommen, integrieren sich, bekommen das Gefühl, hierher zu gehören, und erfahren dann, wieder zusammenpacken zu müssen. Das ist natürlich ein Drama“, sagt Brocks. Die Polizei sei aber für die Umsetzung der Anweisungen aus dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl zuständig – diese seien bei Abschiebungen nunmal Festnahme-Aufträge. Ein Mitführen von Handys sei also nicht möglich, unangekündigtes Abholen erhöhe die Chancen, die Personen auch zuhause anzutreffen.

Flüchtlinge würden Handys zurückbekommen und könnten persönliche Sachen an sich mitnehmen, ergänzt Brocks, „der Transport etwa eines Fahrrades wird aber schwer möglich sein.“ Die große Welle an Abschiebungen sieht er im Bezirk nicht, aber: „Es werden mehr“.

Derzeit fürchtet sich die aus dem Irak geflohene Familie Rida. Die Kinder des Tischlers seien in Schule und Kindergarten gut aufgenommen worden, sagt Brigitte Temper- Samhaber: „Auch ihnen droht die Abschiebung nach Bulgarien – was jederzeit in den Morgenstunden passieren kann.“

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